Die Leiden des jungen Werther als Triade des Leidens am Grillo-Theater Essen

© Grillo-Theater Essen

© Grillo-Theater Essen

Am letzten Freitag trennten sich im Hauptbahnhof Essen zwei Wege. Die einen fuhren mit dem Sonderzug zum Fußballspiel nach Dortmund. Die anderen gingen in Richtung Grillo-Theater. Beide Zuschauer; allerdings von sehr unterschiedlichen Inszenierungen. Vereint zu panem et circenses in einer amphiteatralischen Arena die Majorität der Fußballfans. Die Leiden des jungen Werther im Blick folgte ein kleines Häuflein in die andere Richtung gedankenverloren seinen Spuren ins Theater.

Freizeit für beide Gruppen, Vergnügen und Spaß auch. Im Fußballstadion Fahnen schwenkend, jubelnd, sich selbst feiernd, Flüche und Zustimmung brüllend, mitunter auch aggressiv andere attackierend die Fußballanhänger. Im Theater aufmerksames Schauen und Lauschen. Ab und zu emotionales Durchatmen brachte leichte Bewegung in Teile des überwiegend jugendlichen Publikums. Keine lauten Kommentare zum Spiel sondern spannungsvolle Aufmerksamkeit. Wie kommt Werther mit seinen Gefühlen zurecht? Muss man Albert in seiner allzu nüchternen Sicht auf das Leben bedauern? Wie tickt eigentlich Charlotte?

Karsten Dahlem (Jahrgang 1975) hat Goethes Briefroman Leiden des jungen Werther, der 1774 die Jugend erschütterte, verwirrte und ihn 25jährig in seinen literarischen Kosmos schoss, 200 Jahre danach neu gelesen. Herausgekommen ist eine Inszenierung, der es gelingt, Liebe unter verschiedenen Perspektiven zwischen Gefühl und Rationalität, zwischen Vernunft und Unvernunft als ein Werben und Streiten ohne Sieger, aber mit vielen Verlierern zu zeigen.

Dahlem mischt Goethes Text mit dem Beat der Werther-Boys (Jörg-Marc Buttler, Justin Nestler, Kai Hüsemann) zwar auf. Vermeidet aber die Falle, sich in jugendlicher Zeitgeistigkeit anzubiedern. Der Sound folgt als musikalischer Kommentar der dramaturgischen Idee der Inszenierung. Werthers Gefühlsverwirrungen treffen heute einerseits auf mehrheitlich aufgeklärte, cool bis abgezockt sich gebende Gefühlsoberflächen, andererseits ist die Sehnsucht nach der wahren Liebe jenseits von Blind dates weiterhin lebendig.

Mit der ersten Szene wird der Ton angeschlagen, der sich durch die Aufführung zieht. Nüchtern sachliche Ansage mit Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang Goethe – das spätere Adelsprädikat demonstrativ aussparend; den Artikel Die aber benutzend (abweichend vom Goethe-Original aber inzwischen übliche Praxis im Literaturbetrieb) – folgt sie mit den Datumsangaben Goethes Dramatik. Jubelt Werther am Beginn befreit aus tiefster Seele (Am 4.Mai): Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen!, resigniert er am Ende (Am 6.Dezember; des darauffolgenden Jahres): Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott! Ermangeln ihm nicht eben da die Kräfte, wo er sie am nötigsten braucht?

Die Inszenierung blättert Seite für Seite den Briefroman um und findet für Werthers Tagebucheintragungen Bilder (Bühne und Kostüme: Inga Timm), die alle Sinne des Publikums berühren. Neben den üblichen, theaterimmanenten Artikulationen durch Sprache und Musik, schaffen olfaktorische Wahrnehmungen eine direkte Unmittelbarkeit. Es riecht nach Erde, wenn Werther einen Garten nach dem Gefühl und nicht nach wissenschaftlichen Überlegungen entwirft. Wenn er für Charlotte und sich im Liebesüberschwang Bratkartoffeln und Rührei auf einer elektrischen Herdplatte zu bereitet, flutet der Geruch den Zuschauerraum. Und wenn er am Ende in vier Flaschen Bier rülpsend ertrinkt, wabert Bierdunst von der Bühne.

Werther ist ein weltfremder Träumer, der nach der Flucht aus den Alltags-Norm-Verhältnissen nur mehr seinem Gefühl gehorchen will – und letztlich auch nicht anders kann. Johann David Talinskis, von dem später beim Gang zur Garderobe Frauen mittleren Alters äußern werden: Der Große ist aber auch ganz schön schnuckelig!, ist ein Werther als junger Mann mit Saft und Kraft. Aber er treibt, wenn ihn seine Gefühle übermannen, wie ein Schiffbrüchiger hilflos auf dem Meer. Talinski ist ein authentischer und überzeugender Werther, dem man sein Liebes-Leiden zugutehält, ohne es durchgehend zu verstehen. Aber was folgt in der Liebe schon einer allgemein verständlichen Logik?

Silvia Weiskopf spielt Charlotte zuweilen mit einer Überbetonung dergestalt, dass man häufig den Eindruck hat, dass sie den Ton irgendwie immer leicht versetzt trifft. Wo verständnisloses (Be)Stauen situativ leiser angemessen wäre, werden Affekte laut gesetzt. Manche hektische Gestik führt nicht unbedingt zu mehr Überzeugungskraft von Charlottes Handeln bzw. Nicht-Handeln.

Albert, der designierte Verlobte in Biederkeit von Charlotte, scheint der eigentliche Verlierer zu sein. Aber er ist Verlierer unter Verlierern. Er hadert und leidet daran, dass er nicht über die Poetik von Werther verfügt. Stefan Diekmann versucht, Alberts So-Sein eine heutige Perspektive zu geben. Das gelingt ihm zum Ende hin deutlich besser als am Anfang.

Wenn es um Liebe geht, hatten zu allen Zeiten die Liebesphantasten gegenüber den Liebessachverwaltern einen Ersteindruck-Vorteil. Aber der muss kein Nachhaltigkeits-Garant sein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfangs gibt Rainer Maria Rilke in Die erste Duineser Elegie zu bedenken.

Dahlem hat, wie er im Programmheft bekannte, in der Überzeugung inszeniert, dass das Stück eigentlich Die Leiden von Werther, Lotte und Albert heißen müsste. Immer wieder versucht die Inszenierung, das schlussendliche Verloren-Sein mit lyrisch poetischen Bildern aufzuhalten. Werther und Charlotte beschmieren sich in liebevoller Zärtlichkeit mit Lehm, tragen ihn wie einen Farbauftrag auf die Wand, als wäre es eine Leinwand, und träumen sich in den Mensch-Kosmos von Herbert Grönemeyer fort. Alles auf dem Weg. Und es ist Sonnenzeit, ungetrübt und leicht.

Mit Goethe gesprochen – Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, dass ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aussuchen, um es los zu werden. -, mit Grönemeyer gestimmt, zurück in Richtung Essen Hauptbahnhof, ist von den Fußballfans nichts mehr zu sehen.

14.02.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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