Das Gewandhausorchester Leipzig mit Riccardo Chailly in der Kölner Philharmonie, eine Mahler-Offenbarung

©  Jens Gerber

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Im Konzert mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Riccardo Chailly sowie mit Julian Rachlin (Violine) in der Kölner Philharmonie am letzten Donnerstag trafen unterschiedlich gestimmte Welten aufeinander. Ein formidables Orchester, ein unterkühlter Virtuose, ein unruhiges Publikum

Riccardo Chailly führte das Gewandhausorchester zu einer zwischen Pianissimo und Fortissimo brillanten, wunderbaren Interpretation der Sinfonie Nr. 1 D-Dur (1884–88) von Gustav Mahler. Während Chailly zwischen den Sätzen in kontemplativer Konzentration auf Stille hoffte, machten ihm Teile des Publikums immer wieder einen Strich durch die Rechnung.

Rücksichtnehmende Aufmerksamkeit, auch Respekt? Häufig Fehlanzeige von Seiten des Publikums an diesem Abend. Nicht nur, dass im Publikum während des gesamten Konzert häufig geniest, gehustet und sich laut geräuspert wurde. Beim 3.Satz, mit feierlich und gemessen, ohne zu schleppen bezeichnet, der eine besondere Imaginationskraft hat, konnte man für einen Moment, um die Fortsetzung des Konzerts bangen. Der Pianissimo-Auftakt wurde mit einem unkontrolliert lauten Niesen übertönt.

Von diesen lauten Umständen äußerlich unbeeindruckt, entwickelte Chailly Ton für Ton betörend schöne Klangräume, die Mahlers Partitur kongenial übersetzte. Er dirigierte das Gewandhausorchester mit traumwandlerischer Souveränität in einen musikalisch perfekten Mahler-Klang-Kosmos. Wer bisher glaubte, dass neben den Gewandhausgöttern Mendelssohn , Brahms und Bruckner kein Platz mehr wäre, war nach diesem Konzert geneigt, emphatisch zu bekennen: Zum Gewandhausorchester-Götterhimmel gehört unbedingt auch Gustav Mahler.

Davon, dass Riccardo Chailly für viele schon seit Jahrzehnten zu den großen Klangmagiern unter den Dirigenten seiner Generation gezählt wird, konnte man sich in der Philharmonie hinreichend überzeugen. Aber es war mehr als nur eine Bestätigung dessen, was man schon zu wissen glaubte. Es schien, als ob sich Chailly die ursprüngliche Bezeichnung der Sinfonie mit Titan für seine Interpretation unmittelbar zu Eigen gemacht hätte.

In der griechischen Mythologie sind Titanen als Abkömmlinge eines der ältesten Göttergeschlechter Riesen in Menschengestalt. Etwas von einer titanischen Anmutung, die sich nicht nur auf die Körperkraft verlässt, sondern einen Gegenstandes geistig durchdringt und reflektiert, haftete Chaillys Dirigat an. Es spannte und verzahnte kraftvolle, intelligent durchdachte Bögen von bezaubernder Klangschönheit. Der 1.Satzes, wo sich mit einem mehrfachen Pianissimo aus fast unhörbaren Tönen eine Introduktion Wie ein Naturlaut entwickelte, machte deutlich, wie Chailly Mahler versteht.

Wo die Trompeten affektstarke Motivableger aus dem Seiteneingang der Bühne bliesen, folgte er nicht nur explizit Mahlers Spielanweisungen (stehend blasende Hörner im 4.Satz). Er gestaltete einen mit der Akustik der Philharmonie abgestimmten Raumklang, der von den Holz- und Blechbläser auch sitzend mit in den Raum geöffneter Haltung nuancierte Klangfarben produzierte. Heraus kam ein warmer, seidiger, romantisch gestimmter Mahler-Sound. Ein Sound, der von einer fein akzentuierenden Harfe (Gabriella Victoria) ebenso wie von einem sordinierten Kontrabass (Christian Ockert) im 3.Satz (Gestrandet!) solistisch fundamentiert wurde.

Seine ambitionierte Konzertgestaltung mündete im Finale in einem Furioso: stürmisch bewegt – von Mahler in einer ersten Fassung unmissverständlich mit dall’Inferno al Paradiso bezeichnet. Finale der Mahler-Sinfonie und finaler Höhepunkt des Konzertprogramms überhaupt.

Von dem in der Programmfolge zuerst gespielten Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64 (1838–44) von Felix Mendelssohn Bartholdy erwartet man in der Regel den eigentlichen Konzerthöhepunkt. Mit Julian Rachlin stand ein von der Musikkritik hochgelobter Violinist auf dem Podium. Seit seinem Konzert 1988 im Alter von 14 Jahren mit den Wiener Philharmonikern als damals jüngster Solist, der je mit ihnen gespielt hatte, haftet ihm der Status des Wunderkindes an.

Seine Auftritte sind entsprechend mit dem Nimbus des Außergewöhnlichen vorbelastet. Dass das auch eine Last sein kann, war seinem Spiel in Köln subtil in Nuancen anzumerken. In der Pose des charismatischen Virtuosen spielte er technisch perfekt. Einzelne Passage in einer derart atemberaubenden Tempo spielend, dass es wie ein Statement Rachlins wider einer hin und wieder geäußerten Unspielbarkeit verstanden werden konnten.

So überlegen sein Bogenstrich, so pathetisch sein Auftritt. Mit aufknallenden Auftritt seines rechten Schuhs verstärkte er endbetonte Takte hörbar. Sich mit dynamischer Bogenführung tänzerisch in eine extreme Rückenlage beugend, von dort geschmeidig nach vorn schnellend, ergab das Bild einer Choreografie Torero mit Violine.

Gleichzeitig schien seinem Spiel eine gewisse Prise von Wärme und Seele zu fehlen. Virtuosentum, dass das Zusammenspiel mit dem Orchester einen Tick zu viel dominierte. Es mag sein, dass Mendelssohns Komposition die Violine in besonders herausgehobener Weise behandelt. Auch wenn sie das Hauptthema des 1.Satzes vorstellt, sollte sie über weite Strecken ohne virtuose Demonstrationseffekte einen intimen Dialog mit dem Orchester führen.

Die dem Violinkonzert attestierte Schwerelosigkeit und federnde Leichtigkeit wurde von dem perfektionistisch als auch sportiv ambitionierten Spiel Rachlins teilweise zugedeckt. Andererseits lebt jedes Live-Konzert vom Klangerlebnis, das vom Publikum gehört und gesehen wird. Diese Dualität von Hören und Sehen verlangt im Unterschied zu im Studio produzierten Konzerten doppelte Wahrnehmungsanstrengungen. Sie als komplexe Wahrnehmungen zu koordinieren, stellt sich vor allem dann als schwierig dar, wenn die optische die auditive dominiert. In solchen Situation hilft nur, die Augen zu schließen – und konzentriert hören.

So konditioniert, verwoben sich in Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert orchestrale Klangschönheit mit solistischem Spielwitz. Riccardo Chailly war letztlich der Garant für den instrumentatorischen Feinschliff, der dem Konzert seinen romantisch schillernden Glanz verlieh.

 22.02.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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