Die doppelte Iokaste zum zweiten und vorerst letzten Mal

Musik, die man das erste Mal hört, hat es in der Regel nicht leicht, sich im Reigen des Bekannten zu behaupten. Ähnlich, wie beim wiederholten Lesen eines Romans, fächert sich aber der zuerst neuartige Klang beim zweiten Hören mehr und mehr auf. Harmonik und Kontrapunkt, Motive und Themen formen Klangspuren, die vertrauter klingen als beim ersten Mal.

Diese Hörerfahrung konnte man jetzt im Theater Duisburg mit der Aufführung des Musikdramas Iokaste von Stefan Heucke machen. Nach der Uraufführung während der Ruhrfestspiele 2014 im Theater Marl (vgl. Die doppelte Iokaste – Eine eindrucksvolle Uraufführung im Theater Marl während der Ruhrfestspiele v. 11.06.2014) war es erst die zweite – und vorerst auch die letzte. Das ist zu bedauern, weil der Komposition von Heucke nach Motiven des Homer und des Sophokles etwas gelingt, was eher selten in der neuen Musik ist. Keine avantgardistischen Neuton-Ambitionen sondern mit musikalischen Motiven eine Geschichte zu erzählen, die zeitlos aktuell ist. Eine Geschichte, die, wie es der Regisseur  und Librettist Jörg Maria Welke formuliert, die antike Mythen als einen unvergänglichen makellosen Spiegel der menschlichen Seele zum Gegenstand hat.

Welkes erste Fassung war eine für eine Schauspielerin und eine Instrumentalistin. Sie wurde 2007 beim Kulturhauptstadtjahr in Luxemburg aufgeführt. Die Dimensionen von Liebe, Treue, Aufrichtigkeit, Verrat und Loyalität in den griechischen Mythologien schienen ihm mit dieser monologischen Form nicht endgültig überzeugend.

Als Welke vor zwei Jahren Heucke bat, eine musikalische Ergänzung zu machen, traf er auf uneingeschränkte Zustimmung. Mehr noch; Heuckes Selbstkommentar: Das ist der Opernstoff, nach dem ich schon lange gesucht habe.

Anfangs schwebte Heucke eine große Oper für eine Sängerin mit einem 120köpfigen Orchester vor. Seiner Überzeugung nach dürfen große, mythisch aufgeladene Geschichten nicht kleinlich abgehandelt werden. Dass er sich mit diesem erhabenen Anspruch sowie mit der Verwendung der musikalischen Motivtechnik auf einem dünnen Seil bewegt, das mit dem Schatten Richard Wagners erheblich beschwert ist, war ihm durchaus bewusst. Er ging bewusst einer möglichen Zerreißprobe nicht aus dem Weg. Umso größer der Respekt vor dem jetzt zu hörenden Ergebnis.

Iokaste als Musikdrama ist eine kammermusikalisch orchestrierte Komposition. Nichtsdestotrotz hat sie eine sinfonische Dimension. Retardierendes Schlagwerk sowie klanglich wirkungsvolle Instrumentierungen für Harfe und Akkordeon ergeben immer wieder aufs Neue überraschende Musiklösungen.

Die Frage nach dem Charakter der musikdramatischen Form, ob Oper oder Schauspiel mit Opernmusik, rückt bei der zweiten Aufführung schnell in den Hintergrund. Die Duisburger Philharmoniker, die diese Komposition in Auftrag gegeben haben, spielen mit Rüdiger Bohn am Pult in engagierter Überzeugung. Zäsuren und Betonungen konzis setzend, Pausen zwischen den Takten als melodischen Übergang zu den Sprechtexten strukturierend, entsteht eine text-adäquate, musikdramatische Dichte.

Die Mezzosopranistin Birgit Remmert, die eher im klassischen Fach an den Opernbühnen zwischen Bayreuth und Zürich zuhause ist, singt die Iokaste mit spürbarem Engagement für Heuckes Komposition. Die Schauspielerin Veronika Maruhn ist in der Sprechrolle neben Remmert nicht nur die doppelte Ergänzungs-Iokaste. Sie verfügt über ein umfangreiches sprachliches und gestisches Repertoire und überführt ihre Monologe in farbig kontrastierende, doppelte Iokaste-Dialoge. Zusammen sind sie Iokaste: Das Bild einer eindrucksvollen Frau in unterschiedlichen Perspektiven.

Im Vergleich zur ersten Aufführung haben Gesang und Text noch mehr an Überzeugungskraft gewonnen. Remmerts Mezzosopran hat eine differenzierte Farbigkeit. Ängstliche Verzweiflung, die dunkel raunend im Alt tönt, erhebt sich im nächsten Moment zu hoffnungsvollen Sehnsuchtsseufzern, die nahe der Sopran-Tonlage leuchten.

In dem Wechsel von Sing- und Sprechstimme gelingt dieser Inszenierung etwas Außergewöhnliches. Die mythologische Schwerkraft für einen Moment aufzuheben und sie für ein offenes Ohr und Herz leicht zu machen. Heucke und Wilke haben allerdings keine event-schielende Leichtgewichtigkeit im Blick.

Mit Iokaste ziehen sie einen Ariadnefaden ans Licht. Die Inszenierung lässt deutlich werden, wie man den labyrinthischen Versuchungen des Alltags wiederstehen könnte. Aber dafür sprechen sie keine Handlungsoptionen aus. Aber man kann zuschauend lernen, was dabei herauskommt, wenn viele Freunde ein Projekt machen. Geschichten so zu erzählen, dass im Bekannten bisher unbekannte Perspektiven aufscheinen.

Von daher ist es doppelt schade, dass dieses musikalisch und sprachlich ambitionierte, freie Auftragswerk vorerst nicht mehr zu erleben sein wird.

20.03.2015

Veröffentlichung in „Opernnetz

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