Ein Hauch von reiner Musik – Paavo Järvi mit dem Orchestre de Paris in der Philharmonie Essen

© Sascha Gusov

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©  Julia Wesely

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Robert Schumann hat mit seinen romantischen Kompositionen die Musik des 19.Jahrhunderts wesentlich geprägt. Dass er auch dissonant zugespitzt, kühner instrumentieren konnte, davon konnte man sich jetzt in der Philharmonie Essen mit dem Orchestre de Paris unter seinem Musikdirektor Paavo Järvi überzeugen.

Schumanns einzige Oper Genoveva wird relativ selten aufgeführt. Kommentare,  wie undramatisch, krude oder einfach nur unzeitgemäß hängen ihr wie Staub in der Partitur, der sich nicht abschütteln lässt, an. Dagegen hat ihre Ouvertüre einen festen Platz im klassischen Konzertrepertoire. Järvi zeigte, warum das so ist. In großen, kühn  instrumentierten Bögen wird eine spannungsreiche Intonation erreicht, die das Genoveva-Drama ankündigt. Jetzt könnte die Oper beginnen. Aber es bleibt beim Ahnungsvollen. Zumindest, was Schumanns Oper betrifft.

Auf einen großen Auftritt á la Oper muss dann allerdings nicht verzichtet werden. Die junge Pianistin Khatia Buniatishvili betritt im hell-lachsfarbenen, trägerlosen Kleid mit viel Gespür für einen Bühnenauftritt. Zu bewundern, Eleganz und Anmut einer Diva auf dem Weg zu ihrem Arbeitsort Klavier. Allein schon mit dem ersten Anschlag wischt sie den optischen, vordergründigen Eindruck in den Hintergrund. Sie ist eingetaucht in den Kosmos des Konzerts für Klavier und Orchester a-Moll op. 16 von Edvard Grieg. Von jetzt an ist sie eine Pianistin in Demut vor der Komposition sowie in Hingabe an ihre Interpretation zu erleben. Für die folgenden 30 Minuten ist allein nur das wichtig.

Griegs einziges Klavierkonzert ist sowohl solistisch als auch orchestral eine Herausforderung. Es ist eine ambitionierte Musik-Architektur. Mit seinem drei-sätzigen Muster und dem sofort einsetzenden, kraftvollen Solo-Instrument nahe bei Schumanns Klavierkonzert schlägt Griegs Konzert aber in der weiterführenden Introduktion einen ganz eigenständigen, norwegischen Ton an. In wunderbar koordinierter, leicht hingetupfter Abstimmung mit Järvi reiht Buniatishvili Note für Note wie auf einer Perlenschnur. Gedehnte Phrasierungen, betonte Pausen, die sich für Momente im Unhörbaren verlieren, um sich danach in vollgriffigen, rhythmisch prägnanten Kaskaden Allegro molto moderato aufzutürmen, dehnen den Spannungsbogen der aufgereihten Ton-Perlen.

Dem Orchestre de Paris gelingt im Blech eine subtil klare Tongebung. Der 1.Solo-Hornist zusammen mit dem 1.Cello-Solisten des Orchesters setzen Zäsuren, die Buniatishvili zu fulminanten, höchst expansiven Klavierläufen befeuern.

Im Adagio des 2.Satzes, das von einer hochemotionalen, romantischen Empfindung getragen ist, gibt Grieg dem Solisten die Chance, seine lyrische Seite zu zeigen. Buniatishvili überzeugt hier mit Sentiment, ohne sentimental zu sein. Das abschließende Finale nimmt sie nicht nur allegro moderato molto sondern stürzt sich in das Feuer, wie angegeben, e marcato. Järvi lässt ihr genau den Raum, den es braucht, um das folkloristisch tänzerische Element der Komposition zu zelebrieren.

Die 2.Sinfonie D-Dur op. 43 von Jean Sibelius nach der Pause ist mehr als nur eine von vielen Ehrbezeugungen in diesem Jahr anlässlich seines 150.Geburtstag. Järvi dirigiert die 2.Sinfonie stringent und emphatisch so, wie es Sibelius 1934 rückblickend formuliert hat: Meine Symphonien sind Musik, die als musikalischer Ausdruck ohne jedwede literarische Grundlage erdacht und ausgearbeitet worden sind… Eine Symphonie soll zuerst und zuletzt Musik sein. Entsprechend ist sie geprägt von Kraft, herber Farbigkeit, tief empfundenem Pathos und unverstellter Naturverbundenheit.

Eingebettet in wunderschönen Pizzicati-Wellen, die sich von den Kontrabässen über die Celli zu den Holzbläsern ausbreiten, zaubert Järvi mit dem Orchestre de Paris einen nordischen, pastoral eingefärbten Klang in die Philharmonie Essen. Mit ausholenden, rotierenden Armbewegungen, als wolle er Windmühlenflügeln gleich die musikalischen Drehmomente zuspitzen, animiert  Järvi das Orchester zu einem reinen Orchesterklang. Oboe, Fagott und Cello sind dabei die Pfeiler der Orchester-Brücke, die über vivacissimo – attacca in ein strahlendes Finale führen.

Die Zuversicht dieser Botschaft der sogenannten Sinfonie der Unabhängigkeit  war nicht nur in den strahlenden Gesichtern des Publikums abzulesen. Sie entlud sich nach dem enthusiasmierten Buniatishvili-Applaus ein zweites Mal an diesem Abend in standing ovations.

22.03.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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