Driven in – Haltestelle Bildhalle in Kilchberg

© Louis Stettner, On a Dutch Ferry, 1958

© Louis Stettner, On a Dutch Ferry, 1958

Wem Kunstausstellungen in Zürich zwischen Kunsthaus, Rietberg und Museum Bellerive zu aufgeräumt sind, dem bietet sich mit der Bildhalle an der Stadtgrenze in Kilchberg eine Alternative. Die Räume der ehemaligen Akryla-Fabrik haben noch den Charme, den alternative Bewegungen aus den 1970ger Jahren als Wohn- und Atelierräume gern nutzten. Freiräume als Spielräume für neue Ideen, in Berlin-Kreuzberg wie auch in Zürich. Manche sind Wirklichkeit geworden; andere sind Träume geblieben.

Dass es solche Räume auch am Zürichsee immer noch gibt ist die erste Überraschung. Mirjam Cavegn hat hier angesichts einer immer perfekter organisierten Lebensumwelt, einschließlich der Welt der Kunst 2013 mit feinem Gespür für ein wachsendes Bedürfnis nach anderen, offeneren Ausstellungsarchitekturen eine Galerie für zeitgenössische Fotografie gegründet.

Neben schwerpunktmäßig aktueller Fotografie aus der Schweiz organisiert sie auch ambitionierte Großprojekte. Wie jetzt mit Driven in (noch bis zum 30.April 2015): Una fiesta de automóviles.

Die zweite Überraschung ist die Ausstellung selbst. In lässiger Selbstverständlichkeit hängen Ikonen der Fotografie von Elliott Erwitt bis Thomas Hoepker, von Paul Senn bis Inge Morath neben Claudia Imbert und Maurice Haas, die noch nicht geboren waren, als deren Fotografien die alte Welt neu zeigten.

Xavier Lambours‘ Fotografie von Orson Wells (1982) ist wie auch Louis Stettners On a Dutch Ferry (1958) eine Liebeserklärung an Auto mit Mensch. Der Alltag in seinen besonderen Momenten in einer Fotografie eingefroren, das ist, was vor allem zu sehen ist. Fokussiert auf die Triebkraft einer neuen Mobilität, zeigt Driven in, welche Selbstbilder damit auch verbunden sind.

Das Automobil veränderte die Menschen und ihre Lebenswelt.  Raum, Zeit und Ort wurden mobiler. War es am Anfang der Stolz von wenigen, ein Auto zu besitzen, wurde es mit der westlichen Wohlstandsgesellschaft mehr und mehr zum Statussymbol.

In Paul Senns Rennwagen-Fotografien aus den 1930ger Jahren schwingt das Staunen über das technische Wunderwerk Auto noch mit. Seine ungewöhnlichen Perspektiven stellen das aber gleichzeitig auch in Frage. Erwitt geht in den 1950ger Jahren einen Schritt weiter. Das Auto ist  in New York und in Amerika überhaupt schon allgegenwärtig. Es kann ein intimer Ort wie auch Teil der Landschaft sein.

Aber das Auto ist bis heute noch mehr. Neben den Traum vom grenzenlosen technischen Fortschritt, der die Welt lebenswerter und damit mobiler und freier, unabhängiger machen soll, sind die damit verbundenen Assoziationen schier grenzenlos. Es ist früh als Objekt der Werbeindustrie entdeckt worden. Das Auto als Projektionsfläche erotischer Phantasien von Manneskraft mit sexuell konnotierter Strahlkraft funktioniert bis heute.

Die Fotografien von Driven in, kuratiert von Esther Woerdehoff (Paris) und Mirjam Cavegn,  erzählen davon auf eine stille, empathische und subtile Weise. Es ist nicht das vordergründig Spektakuläre, dass immer wieder schmunzeln lässt.

Schon allein wegen dieses stillen Lächelns ist der Ausflug in die Bildhalle unbedingt zu empfehlen. Da man in wenigen Schritten von ihr auch am Zürichsee ist, hat man die Chance, ihn von einem anderen Standpunkt aus zu sehen. Schon der Blick aus den Fenstern der Bildhalle verheißt ein interessantes Seestück.

photo streaming Bildhalle 2015

27.03.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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