Utopie und Ernüchterung – Russische Avantgarde im Kunstmuseum Bochum

Alexander Rdtschenko, Stabhochsprung, 1937 © 2014 Alexander Rodtschenko bei VG-Bild-Kunst Bonn

Alexander Rdtschenko, Stabhochsprung, 1937 © 2014 Alexander Rodtschenko bei VG-Bild-Kunst Bonn

Was verbindet William Shakespeare mit Alexander Rodtschenko? So mag sich mancher bei der Eröffnung der Ausstellung Russische Avantgarde – Fotografie und Zeichnung aus der Sammlung Sepherot Foundation im Kunstmuseum Bochum (noch bis 31.05.2015) gefragt haben. Während Frauen in den Shakespearschen Dramen sowohl Haupt- als auch Randfiguren in mörderischen Machtspielen sind, stehen sie in der Fotografie, Zeichnung und Grafik der russischen Avantgarde stellvertretend und symbolisch für den neuen Menschen in einer Zukunftsgesellschaft.

Das Musikalische Intermezzo zum Abschluss der Eröffnungsveranstaltung, von Georg Graewe als Selbstgespräche nach Shakespeares für Sopran, Cello und Klavier komponiert, schuf einen Klangraum, der Kontrapunkt zur und Brücke in die Ausstellung zugleich war. Er legte eine meditative und gleichzeitig geerdete Spur in die Ausstellung. Das war vor allem deshalb bemerkenswert, weil die Begrüßungsworte der Beauftragten der Sepherot Foundation, Alla Chilova in ihrer superlativistischen Aneinanderreihung an vergangene, ideologisch motivierte Jubelrhetorik erinnerten. Man konnte darüber schmunzeln oder auch nachdenklich werden. In jedem Fall war man damit schon mitten in der Ausstellung.

Ausgangs des 19.Jahrhunderts hatte die bildende Kunst die verstaubten, akademischen Räume verlassen. Impressionismus, Expressionismus, Abstraktion verhießen als künstlerische Avantgarde den Aufbruch in die Moderne. In diesem Jahr  erinnert eine Vielzahl von Ausstellungen wie Inspiration Japan-Monet, Gauguin, van Gogh… in Essen und Zürich, Camille Pissarro – Der Vater des Impressionismus in Wuppertal, Monet – und die Geburt des Impressionismus in Frankfurt am Main oder Paul Gauguin in der Fondation Beyeler in Basel-Riehen daran.

Im Unterschied aber auch in Abgrenzung zu dieser westlich geprägten Avantgarde sollte die russische Avantgarde ihrem Selbstverständnis nach nicht nur einen künstlerischen Perspektivwechsel sondern auch einen gesellschaftlichen einleiten. Getragen von dem Anspruch, die Utopie einer neuen Gesellschaft mit künstlerischen Entwürfen und Leitlinien mitzubestimmen, wurde der neue Mensch in den Mittelpunkt gestellt. Auch ein neues Bild der Frau gehörte dazu.

Nicht reduziert auf das Klischee  einer tatkräftigen Arbeitsfrau. Das Bild der neuen Frau sollte von Unabhängigkeit (Georgi Selma, Fallschirmspringerin, 1932) und Kreativität (Alexander Rodtschenko, Portrait der Filmregisseurin Esfir Schub, 1924 und Studentin, 1932) getragen sein. Die Fotografien der russischen Avantgarde visualisierten diese gesellschaftlichen Utopien in Russland, wo große Teile der Bevölkerung Analphabeten waren. Mit der russischen Oktoberrevolution wurden viele Menschen übergangslos von einer überwiegend agrarisch geprägten Gesellschaft gleichsam in die industrielle Moderne geschleudert, deren Horizont von einem kommunistischen Alpenglühen umflort war.

Fast grenzenloser Optimismus, Hoffnungen, dass alles besser würde, wenn es gesellschaftlich neu geordnet wird, fand in der neuen Bildsprache der russischen Avantgarde ihren künstlerisch reflektierten Ausdruck.

Im Faltblatt zur Ausstellung wird die Dualität von Sehen und Verstehen assoziativ in einer konstruktiven Gegenüberstellung verdeutlicht. Der auf Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat (1915) zurück gehende Suprematismus entwickelte eine grafische Sprache, die in ihren perspektivischen Sublimierungen ihrerseits die fotografische Sprache beeinflusste. Die Suprematistische Komposition (1921-22) von Ilja Tschaschnik  auf der einen Seite (des Faltblatts)  korrespondiert instruktiv mit Rodtschenkos Stabhochsprung (1937) auf der anderen.

Angeschnittene Raumstrukturen, verschränkte, gekippte Perspektiven (von oben oder unten gesehen) oder Fotomontagen, die in ihrer politischen Eindeutigkeit an John Heartfield erinnern, fächern in der Ausstellung einen spannungsvollen Bilderkosmos auf. Neben den in den letzten Jahrzehnten häufig ausgestellten Foto-Ikonen von Rodtschenko (Portrait Wladimir Majakowski, 1924; Die Treppe, 1929) sind sie in Bochum keine Alleinunterhalter. Die Korrespondenz von grafischen,  suprematistischen Kompositionen (neben Tschaschnik vor allem Nikolai Sjetin) sowie von Arbeiten auf Papier (Ljobow Popowa, Wladimir Tatlin; El Lissitzky) mit den Fotografien führt den Besucher wie mit einem unsichtbaren roten Faden durch die Ausstellung.

Im Gegensatz zur Kontext-Präsentation im Kunstmuseum Bochum macht der Katalog einen Rodtschenko-lastigen Eindruck macht. Das mag auch daran liegen, dass das Kunstmuseum Bochum in einem zusätzlichen Ausstellungsraum mit eigenen Pfunden wuchern kann. Das Kunstmuseum hat schon vor Jahrzehnten den Blick nach Osten gewandt, künstlerische Entwicklungen antizipiert und Arbeiten der russischen Avantgarde erwerben können, als das für eine öffentlich geförderte Einrichtung noch möglich war.

Dass Freiräume, eine neue Gesellschaft mit künstlerischen Arbeiten mitzugestalten, nur auf Zeit geliehen sind, nämlich solange, wie sie politischen Bewegungen in den Kram passen, musste die russische Avantgarde nach Stalins Machtantritt Mitte der 1930ger Jahre bitter zur Kenntnis nehmen.

Klaus Honnef hat schon  1993 im Zusammenhang mit der Bonner Ausstellung Russische Fotographie, 1840 -1940 auf die Gefahr avancierter Kunst mit einem utopischen Vorschein verwiesen: Wer sich als Künstler diese Ansicht zu eigen macht, lief indes rasch Gefahr, in den Strudel eines ideologischen Anspruchs zu geraten,… bemänntelt, er besitze den Schlüssel zum Paradies auf Erden.

Die Ausstellung Russische Avantgarde im Kunstmuseum Bochum verklärt nicht. Sie klärt auf. In der Utopie schwingt schon das Ende der Hoffnung mit. Das spricht aber nicht gegen die Hoffnung an sich. Die ausgestellten Arbeiten beatmen Hoffnungen. Auch wenn sie (nur) Hoffnungsträger geblieben sind.

 30.03.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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