Zwei Sammlungen in Winterthur im Dialog

 Portrait de Madame de Chocquet, en blanc, 1875  ©  Staatsgalerie  Stuttgart

Portrait de Madame de Chocquet, en blanc, 1875 © Staatsgalerie Stuttgart

Die Sammlung Oskar Reinhart Am Römerholz in Winterthur setzt mit der aktuellen Ausstellung Victor Chocquet – Freund und Sammler der Impressionisten (noch bis zum 7.Juni 2015) wie viele andere Häuser auch auf große Namen. Vollständig ist die Bezeichnung der  Ausstellung erst mit Renoir, Cezanne, Monet, Manet. Sie folgt damit einem weit verbreiteten name-dropping-Marketing.

Ihren besonderen Reiz bezieht diese Ausstellung aber aus dem Vergleich von zwei Sammlerpersönlichkeiten. Sie wird damit zu einer Zeitreise durch den Impressionismus aus der Perspektive von Sammlern des 19. und des 20.Jahr-hunderts.

In der Person Victor Chocquets (1821 – 1891) spiegelt sich der mäzenatisch engagierte, großbürgerliche Kunstliebhaber des 19.Jahrhunderts wider, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Er sammelte Arbeiten von Künstlern, wie Pierre-Auguste Renoir, Claude Monet und insbesondere von Paul Cézanne zu einer Zeit, als kaum jemand sie sonst wertschätzte. Aber – und das ist sein doppeltes Engagement für die Kunst und ihrer impressionistischen Überzeugungstäter – er beließ es nicht beim Sammeln. Er gab gleichzeitig auch Portraits in Auftrag.

Entstanden sind mehr als nur Portraits von Victor Chocquet und seiner Ehefrau. Die Portraits zeigen sie vor dem Hintergrund der Sammlungsobjekte. Renoir  malte Portrait de Victor Chocquet (um 1875) vor Eugéne Delacroix‘ Arbeit Hercule délivre Hésione (1853/54); in seinem Portrait de Madame Chocquet aus dem gleichen Jahr ist ebenfalls von Delacroix Öl auf Papier Numa et Egérie (1843/44) zu sehen. Diese Portraits, wie auch weitere vor allem von Cezanne zwischen 1875 bis 1880 gemalt, sind Ausdruck eines Selbstbewusstseins eines Mannes, der sich seiner Macht und seiner Bedeutung in der Gesellschaft bewusst war. Was bis Anfang des 19.Jahrhunderts allein weltlichen Potentaten und kirchlichen Würdenträgern vorbehalten war, sich in einem Portraits zu verewigen, überstieg mit dem Aufbruch der industriellen Moderne solche Standes-Grenzen. Wer sich, am besten gepaart mit einem Verständnis für Kunst und Kultur, ein Portraits leisten konnte, bewies damit auch seine ökonomische Macht.

Geht man mit dieser Sammler-Perspektive von Auftragsportraits und freien Arbeiten aufmerksam durch die Ausstellung, begegnet man der Kunstgeschichte in wunderbar inspirierten Arbeiten. So sind im Westsaal neben Cézanne und Renoir auch Arbeiten von Camille Pissarro, dem Vater des Impressionismus, wie ihn in diesem Frühjahr das Von der Heydt-Museum Wuppertal ausstellte (vgl. Die Entdeckung Camille Pissarros als Père Pissarro für die Impressionisten und wo seine Spuren bis ins Heute reichen, Kritik vom 12.02.2015 auf diesem Blog), im Vergleich zu sehen.

Das Staunen über die Qualität der Chocquet-Sammlung wird allerdings auf eine subtile Weise immer wieder unterlaufen. Sie tritt dabei in einen instruktiv anregenden  Dialog mit der Sammlung von Oskar Reinhart. Reinhart  (1885–1965),  in den letzten Lebensjahren von Chocquet, zwei Generationen später geboren, verkörpert einen neuen Sammler-Typ. In der Nachfolge von Impressionismus und Expressionismus wirkte er bis weit in das 20.Jahrhundert hinein. Man hat den Eindruck, als würde seine Sammlung in Korrespondenz mit Victor Chocquet  noch mehr leuchten und glänzen.

In eine Winterthurer Handelsdynastie hineingeboren bekam Reinhart frühzeitig ab 1907 die Möglichkeit, gezielt eine Sammlung aufzubauen. Sie reicht weit in die Kunstgeschichte zurück. Die Neu-Präsentation des Ehediptychon des Dr. Johannes Cispinian und seiner Frau Anna Putsch von Lukas Cranach d.Ä. von 1502 in einer Original-Adaption der Rahmung, die auf dem Weg zur Chocquet-Ausstellung zu bewundern ist, ist Ausweis von Reinharts umfassender Sammlungstätigkeit.

In der großen Gemäldegalerie sowie im Nordsaal begegnen sich Chocquet und Reinhart mit ihren kunstgeschichtlich schwergewichtigen Sammlungsobjekten auf Augenhöhe. Wobei Chocquets Sammlung relativ einseitig um Renoir und Cézanne zentriert ist, finden sich bei Reinhart bedeutende Werke u.a. von Paul Gauguin (vgl. Paul Gauguin zwischen Genie und Wahnsinn traumverloren in der Fondation Beyeler in Basel/Riehen, Kritik vom 01.04.2015 auf diesem Blog), von Camille Corot oder Alfred Sisley neben solchen von John Constable.

Wer etwas über 100 Jahre Kunstgeschichte, entspannt und konzentriert zugleich, erfahren möchte, der sollte den steilen Weg nach Oberwinterthur zur Sammlung Oskar Reinhart Am Römerholz nicht scheuen.

08.04.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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