Liebestrank im Modus Error 404 – L’Elisir d‘Amore von Gaetano Donizetti an der Bayerischen Staatsoper in München

 

© Bayerische Staatsoper

© Wilfried Hösl

Wer wünschte sich nicht auch manchmal einen Zaubertrank, der sofort und direkt hilft, wenn anderes nicht mehr geht. Heute, wo mit Wellness und Entspannung eine anspruchsvollen Körper-Seele-Rundum-Versorgung suggeriert wird, lebt diese Hoffnung stärker denn je. Auf den Opernbühnen wird seit 1832 die Wirkmächtigkeit eines solchen Elixiers mit Gaetano Donizettis L’Elisir d‘Amore in Form eines Melodramma Giocoso überprüft.

Die Inszenierung von David Bösch in München ist ein poetisches Plädoyer für einen Glauben, der Berge versetzen kann. Ohne dem helfen, wie man aus eigener Erfahrung häufig weiß, auch alle Medikamente nicht wirklich. Verlässt man sich technikgläubig allein auf den Selbstlauf eines Heilungsprozesses, verpasst man letztlich die Chance, verrückt zu werden. Verrückt aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Das Verrückte als ein poetisch Hoffnungsvolles folgt keinen logischen oder kognitiven Erklärungsmustern. Es passiert einfach. Bösch erzählt in der Bühne von Patrick Bannwart und in den Kostümen von Falko Herold davon.

Bevor der Vorhang sich öffnet, ist auf ihm eine comic-artige Zeichnung zu sehen. Über diese an ein Ufo erinnernde Kugel mit ameisenhaften Beinen in krakeligen Lettern: L’Elisir d’Amore. Mit der Ouvertüre schweben Luftballons in den Theaterhimmel. Die Bühne, eine staubige Landschaft, die im Irgendwo an Wim Wenders amerikanische Unwirtlichkeit in seinem Film Paris, Texas erinnert. Der Chor der Bayerischen Staatsoper – vorzüglich von Stellario Fagone disponiert -, beschreibt mit dem ersten Einsatz das Problem: …die feurige Glut der Liebe können weder Schatten noch Strom lindern.

Nemorino wandelt als autistischer Film-Wiedergänger durch die schattenlose Ödnis. Unfähig seine Liebe zu Adina überzeugend auszudrücken, resigniert er. Er lässt seine Hoffnungen fahren und die Luftballons zerplatzen. Staub rieselt, zieht als Staubwolke ins Parkett. Alle, bis in den 5.Rang sind ab sofort Teil einer Bedarfsgemeinschaft, die auf einen Zauber hofft. Später, wenn Dulcamara den Zaubertrank mischt und Nemorino ihn zerstäubt, wird das Olfaktorische Teil einer Gemeinschaft von Theater und Publikums-Wirklichkeit sein.

Matthew Polenzani ist als Nemorino ein Glücksfall. Nicht nur als Tenor, der zwischen ausweglos scheinender Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bis zum dramatischen Hilfeschrei wunderbar artikuliert. Er ist ein ebenso brillanter Schauspieler. Bösch lässt ihm, wie auch den anderen Solisten keine Pause. Sie spielen auch dann, wenn sie nicht singen. Der Schweiß perlt sichtbar auf der Haut.

Polenzanis Rolleninterpretation ist eine umfassende. Eine die, wie selten auf der Bühne zu erleben, Gesang und Spiel mit Verve zusammenbringt. Nach seiner Romanze im zweiten Akt Una furtiva lagrima gab es beim Publikum kein Halten mehr. War der Szenenapplaus bis dahin bei den vorausgegangenen Arien und Duetten schon überschwänglich begeistert, wollte er jetzt fast kein Ende nehmen.

Polenzanis ragte aus einem insgesamt überzeugenden Solisten-Ensemble noch heraus. Mit Beginn des zweiten Aktes hantiert er mit offensichtlichen Selbstmordabsichten vor dem Vorhang. Das Publikum seufzt und stöhnt: Bitte, nicht! Von dann hat er endgültig die Sympathie der Opernbesucher gewonnen. Ihm gehörte am Ende der besondere Jubel des Publikums zu recht.

Derweil spielt Adina ihr eigenes Spiel mit den Gefühlen, von dem sie selbst nicht wirklich zu wissen scheint, warum und weshalb sie es spielt. Sich überlegen gegenüber Nemorino gebend, ist sie auf der anderen Seite traurig und einsam. Ihre Zustimmung zum Heiratsantrag des Soldaten Belcore ist Teil ihres Spiels. In diesen Szenen ist sie sowohl der traurige Clown Gelsomina aus Fellinis Film La Strada, als auch an Uma Thurman in Quentin Taratinos Kill Bill. Laune und Widerstand, Phantasie und Wirklichkeit vermischen sich in Adina.

Adina hat in Ailyn Pérez eine Interpretin, die dem changierend Zögerlichem und Unentschlossenen der Figur eine authentische Lebendigkeit gibt. Letztlich ist es Adina, die den Zaubertrank mit ihrem Gesicht und ihren Augen entillusioniert. Ihr silbriger Koloratursopran kann auch selbstbewusst beherrscht Adinas Wandel eine leuchtende Stimmigkeit geben: La ricetta é il mio visino, in quest’occhi é l’esir.

Der Magier Dulcamara taucht marktschreierisch mit seinem Jahrmarkts-Ufo auf. Bestückt mit einem Heuwender, ist es in der Lage, alles umzuwenden. Hoffnungen zu beleben, Sehnsüchte zu befriedigen. Krachend, puffend vernebelt er mit seinem Zaubertrank. Das Versprechen einer Illusion. Eine die, wie sich eben immer wieder beweist, hilfreich sein kann. Wenn sie denn tatkräftig umgemünzt wird.

Ambrogio Maestri spielt den Magier Dulcamara in der Buffo-Anmutung des Falstaffs als geschickter Kaufmann wie auch dann noch als Sieger, als er der Scharlatanerie des Zaubertranks überführt ist. Sein Bass hat die überzeugende Stärke eines Überzeugungstäters als Kaufmann wie die umschmeichelnde Koketterie eines verkannten Liebhabers. Gesang und Spiel sind voneinander nicht zu trennen. Eine wunderbare Charakterstudie.

In dem Libretto von Felice Romani nach Eugéne Scribe hat der Korporal Belcore eine narrative Brückenfunktion, die das Geheimnis des Zaubertranks zu seiner Entschlüsserung führt. Mario Cassi als Anführer eines operettenhaft bunt zusammen gewürfelten Soldatenhaufens spielt ihn als soldatischen Einfaltspinsel, der glaubt, militärisches Handlungsgeschick nach dem Motto, beeindrucken, zupacken, gewinnen, funktioniere auch als Liebe. Mit einem baritonal gefärbten Bass gelingen ihm schöne Details.

Bösch lässt die Giannetta fast durchgängig auf der Bühne als Unschuld vom Lande, als die kaum Beachtete, die Unscheinbare mit Schulranzen und großen Augen spielen. Einmal in ihrem Leben, vielleicht zum einzigen Mal bekommt sie ihre Chance, Mittelpunkt eines irgendwie gearteten Interesses zu sein. Sie weiß als erste von der reichen Erbschaft Nemorinos. Das Zaubertrank-Zentrum wird durch ihre Erzählung verschoben. Fortan ist Nemorino mit und ohne Zaubertrank-Flair der Umschwärmte. Polenzani zeigt in dieser Szene Bein und Figur in umwerfend komischer Spielfreude.

Evgeniya Sotnikova singt mit lyrischem Sopran nach der langen, alleinigen Spielpräsenz, so zu sagen von jetzt auf gleich, im Gestus der Überraschungsgewinnerin.

Donizettis Oper braucht herausragende Solisten und einen temperiert temperamentvoll singenden Chor. Böschs Inszenierung lebt von lustvoll spielenden Sängern. Beides kommt in dieser Aufführung auf das Allerbeste zusammen. Diese Inszenierung ist ein Geniestreich mit Langzeitwirkung. Das aufblinkende Error 404, ein Signal, aufzupassen, wann game over ist, unterstreicht und durchstreicht zugleich.

Asher Fish am Pult des Bayerischen Staatsorchester hat die Tempi, einschließlich der inszenatorisch gesetzten Generalpausen und die naturlyrischen Aspekte der Partitur souverän im Griff. Als er zum Schlussapplaus mit auf der Bühne steht, ist es, als könne man sich Fish nur als einen strahlenden Maestro vorstellen.

11.04.2015

Veröffentlichung in „Opernnetz“

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Über Peter E. Rytz Review

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