Expressionismus2 mehr als nur 1 + 1 = 2 – Die Sammlungen Buchheim + Nannen in Bernried

© Peter E. Rytz 2015

© Peter E. Rytz 2015

Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bernried zum Buchheim Museum der Phantasie hat einen großen Vorteil. Es ist die Chance, sich der Buchheim‘schen Phantasie langsam in einer phantastischen und eindrucksvollen Landschaft zu nähern. Entlang des Starnberger Sees, einem Ort, um den sich viele Mythen ranken. Der idyllische Zauber der Natur verwebt sich hier – spätestens seit dem mysteriösen Tod Ludwig II. im See – mit dem magischen Zauber des von Richard Wagner proklamierten Gesamtkunstwerks in der Musik.

Und noch ein Weiteres hat die Langsamkeit auf dem Weg zu Buchheim. Vom Bahnhof Bernried aus führt der Weg durchs Dorf an der 1381 erbauten Hofmarkskirche vorbei. Die gotische Baustruktur ist noch gut erkennbar. Sie hat im 18.Jahrhundert ein barockes Gewand bekommen. Kunststile vermischen sich und erzählen eine Geschichte über Kunst, Leben und Glauben.

So en passant kunstgeschichtlich eingestimmt, eröffnet in ähnlicher Weise die Ausstellung Expressionismus2 –  Die Sammlungen Buchheim + Nannen (noch bis zum 5.Juli 2015) eine Perspektive in der Zusammenschau von zwei Sammlungen. Das, was beide Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, Lothar- Günther Buchheim, der Künstler und Henri Nannen, der Journalist beim Sammeln von Kunstwerken fasziniert hat und sie miteinander verbindet, ist der expressive Gestus der Sammlungsobjekte.

Was als Kunstperiode mit Expressionismus bezeichnet wird, subsummiert Werke, die bildlich dem versuchen Gestalt zu geben, was als Unbewusstes gewöhnlich sprachlos bleibt; bleiben muss. Wie einst die Kirchenbaumeister zur Ehre Gottes gebaut haben, war es letztlich auch Ausdruck eines Bemühens, das unaussprechliche Geheimnis des Lebens mit Gott zu verstehen. Was der Mensch nicht wissen kann, kann nur glaubend verstehbar werden.

Oder er versucht, es als Frage zu reflektieren. Das Ergebnis wird keine eindeutige Antwort sein (können). Expressionistische Arbeiten sind Ausdruck und Form, Mensch und Welt in einem bestimmten Moment in ihrem So-sein zu erfassen. Dem logisch und sprachlich nicht Fassbaren Ausdruck zu geben.

Buchheim und Nannen, so unterschiedlich sie in ihrer Natur auch waren, verbindet mit ihren Sammlungen etwas gemeinsam. Es ist eine geteilte Überzeugung: Keine konzipierten Sammlungsschwerpunkte nach Künstlern oder Epoche! Sie vertrauten dem, was sie als anregend und auf eine ganz persönliche, sinnliche Art und Weise als schön empfanden.

Für Nannen ein persönliches Bekenntnis zu jedem einzelnen erworbenen Kunstwerk: Ich habe nicht nach den Gesichtspunkten dokumentarischer Vollständigkeit gesucht, sondern mit dem liebenden oder auch manchmal mit dem erschreckten Auge ausgewählt.

Für Buchheim war das Kaufkriterium, etwas zu erwerben und sammeln, das für ihn ein Fest fürs Auge war:….bin ich doch eher….ein Kunstdemonstrator mit missionarischem Tick: Ich will Ideen und Vorstellungen verdeutlichen.

Expressionismus2 zum Quadrat ist mehr als nur 1 + 1 = 2. Sie ist eine Multiplikation von je eigenen Vorlieben, die sich zusammen zu einem Konzentrat Expressionismus verdichtet. Die Ausstellung besticht, obwohl oder gerade weil sie sich kunstwissenschaftlichen Kategorisierung weitestgehend entzieht, durch Qualität, Vielfalt und Varianz. Zusammengehalten durch ein subjektives Verständnis von dem ästhetisch Schönen, wie es für Nannens und Buchheims Sammelleidenschaft handlungsleitend war.

Geht man so unvoreingenommen, gewissermaßen ohne konzeptionell programmatische Vorgaben durch die Ausstellung und zieht den subjektiven Buchheim-Nannen-Schleier zur Seite, wird in den Werken für den Betrachter eine erhabene Schönheit von großer Überzeugungskraft sichtbar. Sie nobilitiert durch solche Wahrnehmungen jede Sammlung.

Expressionismus2  hat neben ihrer beeindruckenden Zusammenschau von erlesenen Werken zwischen Die Brücke und Der Blaue Reiter noch einige überraschende Einblicke und Entdeckungen zu bieten.

Schon nach wenigen Minuten des Rundgangs begegnen einem auffallend häufig 3-Frauen-Bilder: Rüdiger Berlit, Drei Frauen (Trio), um 1918; Erma Bossi, Badende, um 1911; Otto Mueller, Knabe vor zwei stehenden und einem sitzenden Mädchen (Landschaft mit Figuren), 1918/1919 aus der Sammlung Nannen; Otto Müller, Drei Akte vor dem Spiegel, um 1912 aus der Sammlung Buchheim. Ihren Arbeiten gemeinsam ist der expressive Gestus, gemalt mit dick geführten Linienkonturen, jenseits realistischer Abbildbemühungen. Dass die 3-Frauen-Bild-Konstellation in der Ausstellung relativ auffällig wahrzunehmen ist, hat offenbar damit zu tun, dass es den Dialog in einen größeren, sozialen Kontext überführt. Das Expressive der Trio-Bilder dynamisiert und verstärkt emotionale Reaktionen beim Betrachten.

Die erst 2013 entdeckte Arbeit von Franz Marc, Zwei Katzen, Rot und Weiß (um 1913) hinter der Leinwand von Die blauen Fohlen(1913) aus der Nannen-Sammlung bietet damit durch die Hintertür doch noch einen kunstgeschichtlichen Aufreger.

Gründe genug, um im Buchheim Museum der Phantasie die Chance nicht zu verpassen, den eigenen Phantasien zu begegnen. Die Landschaft gibt es gratis dazu.

photo streaming  Expressionismus2

28.04.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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