Eröffnungskonzert von Acht Brücken. Musik für Köln mit New York Philharmonic mit einer Offerte an die Oper

© Chris Lee

© Chris Lee

Musik.Politik? fragt das diesjährige Festival Acht Brücken. Musik für Köln. Die Antworten sind nüchtern und pragmatisch. Anders als Platons Hoffnung, dass Musik prädestiniert sei, die Welt zu verändern und zum Besseren zu gestalten – Nirgends rüttelt man an den Gesetzen der Musik, ohne an den wichtigsten politischen Gesetzen zu rühren -, bleibt sie bis heute uneingelöst.

Aber da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, zeugt es vom Mut der Festivalmacher in Köln, in diesem Jahr Kompositionen nach politisierenden Referenzpunkte in der neueren Musik zu befragen. Wohl wissend, dass Musik handlungsleitend begrenzt ist. Pure Töne ohne Worte, ohne sprachlichen Kommentar besitzen keine eindeutige Aussage, stellt Stefan Fricke resümierend  in seinem Essay Musik und Politik im Programmbuch fest.

Wer von dem New York Philharmonic im Eröffnungskonzert am 1.Mai auf diese Frage neue optionale Aspekte erwartet haben mochte, konnte nur enttäuscht werden. Nicht enttäuscht wurde er aber von der provozierenden Kraft der Musik. Alan Gilbert, der in der langen Tradition des Orchesters der erste in New York geborene Musikdirektor ist, hat einen energischen und kraftvollen Zugriff auf das Orchester.  Mit vor Selbstbewusstsein strotzender Souveränität und überlegener Überzeugungskraft war ein Amerikaner am Dirigentenpult zu erleben, für den Schwierigkeiten der Kompositionen sowie manche vertrackten Konnotationen keine unüberwindbare Beschränkung bedeuteten. Sie waren herausfordernde Motivation, wie sie inzwischen als vielzitierte Siedleraufbruchsmentalität als typisch amerikanisch gilt.

Mit der Uraufführung von Peter Eötvös‘ Senza sangue, Oper in einem Akt für zwei Sänger und Orchester, ein Kompositionsauftrag von KölnMusik und New York Philharmonic in der Kölner Philharmonie löste er die damit verbundenen Herausforderungen ohne Wenn  und Aber ein.

Schon im eingangs gespielten, düster betörenden Nachtstück Nyx für Orchester (2011) von Esa-Pekka Salonen konnte man eine differenzierend nuancierte Klangkultur zwischen den einzelnen Instrumentengruppe das Orchester hören. Waren es hier die Holzbläser, die zusammen mit den Hörnern Gedanken zur Nacht, mythisch aufgeladen, zelebrierten, so intonierte die 1.Klarinette, von der Oboe weitergetragen, in Der blaue Mandarin, Konzertsuite für Orchester, op. 19 (1927) von Béla Bartók leitmotivischen Glanz. Bartóks Tanzpantomime mit ihrem changierenden Wechsel der Stilmittel – spätromantische Brechungen versus Cluster-Formatierungen – war musikhistorisch eine revolutionäre Tat. Die wütenden und vernichtenden Kritiken zur Uraufführung 1927 haben sich nach fast 100 Jahren zu einem exzeptionellen Meisterwerk umgekehrt.

Deshalb auch in Köln zu Recht lang anhaltender Beifall. Alan Gilbert dirigierte sein New York Philharmonic mit vehementer Kraft in tutti presto nach vorn, wie er es im nächsten Moment pianissimo zu einem lyrisch flirrenden Klang herunter dimmte.

Auf Senza sangue nach der Pause konnte aus vielen Gründen gespannt sein. Eötvös hat nach eigenem Bekunden mehr als hundert Mal Bartóks Kurzoper Herzog Blaubarts Burg dirigiert. Für einen kompletten Opernabend zu wenig, sind Opernprogramme genötigt, nach adäquaten Ergänzungen zu suchen. Eötvös erschien das häufig nur als mehr oder weniger gelungene Notlösung. Deshalb beschäftigte er sich als Komponist mehr als 10 Jahre mit einer Ergänzung, die sich der Aufgabe stellte, die Bartók-Intentionen in einer eigenen Komposition zu reflektieren.  Mit Senza sangue nach der gleichnamigen  Novelle von Alessandro Baricco hat er eine Blaubart adäquate Story gefunden. Aber vor allem ist es ihm gelungen, die Bartók’sche Instrumentierung – mit Blick auf Blaubart (Eötvös ) – und ihre dramaturgische Struktur, regressiv vom Ende  her erzählend in neue Musik  zu transformieren.

Ein weiterer Spannungspunkt lag über der Tatsache, dass die New York Philharmonic nicht gerade als ein Opernorchester bekannt ist. Gilbert wischte eine mögliche distanzierende Zurückhaltung mit den ersten Takten weg. Entsprechend Eötvös‘ Partitur, die auf parallele Klangkonzentration einzelner Instrumentengruppen setzt, nahm die Wucht des Orchesterklangs den Solisten anfangs die Luft zum Atmen. Gilbert dirigierte ein wenig mit zuviel Furor in medias res. Es brachte einige Zeit, bevor eine sich orchestral und solistisch ausgewogene Klangfülle einstellte.

Konnte man anfangs Bedenken haben, dass die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter und der Bariton Russell Braun vom Orchester zugedeckt würden, entwickelte sich danach ein kongeniales Zusammenspiel. Von Otter setzte mit ihrem guttural warm klingenden Mezzosopran enervierende Akzente von Selbstzweifel, Mitleid und Rache in diesem Eros-Thanatos-Kammerspiel, die Braun in Selbstanklage und Hoffnung auf Entsühnung baritonal einzuweben versuchte.

Senza sangue endet anders als Blaubarts nicht in Hoffnungslosigkeit sondern mit einem Hoffnungsfunken. Indem sie ihren Namen – Pedro Cantos, Nina – einander anvertrauen, vertrauen sie darauf, in der ihnen noch verbleibenden Zeit Ruhe vor ihren Gespenstern zu finden.

Nach dieser szenischen Aufführung würde man die New York Philharmonic gern in einem kompletten Opernabend mit Bartók und Eötvös erleben. Es spricht wenig dafür, dass es demnächst nicht zu einer solchen Inszenierung kommen sollte. Mit oder ohne New York Philharmonic.

Eötvös hat jedenfalls mit Senza sangue einen Hut in den Ring des gängigen Opernrepertoires geworfen. Man kann gespannt sein, wer der Erste sein wird, der ihn aufnimmt.

Zum Abschluss gab es für New York Philharmonic mit Alan Gilbert, für Anne Sofie von Otter und Russell Braun sowie ganz besonders für Peter Eötvös großen Beifall. Der brandete noch einmal kräftig auf, als Alan Gilbert ihn in mitten seines Orchester dankbar entgegen nahm.

03.05.2015

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s