Von unten nach oben – Rossella Biscotti im Museion Bozen

© Museion Bozen

© Museion Bozen

Das ist nicht nur in Bozen so. Wenn eine Neugestaltung von vertrauten Plätzen in einer Stadt ansteht, regt sich reflexartig erst einmal Protest. Und ganz besonders dann, wenn es sich um den Neubau eines Kunstmuseums handelt. Das ist zu teuer, passt nicht in unsere Stadt, sind dann schnell formulierte Widerstandsparolen. Bekräftigt mit dem Hinweis, dass das niemand wirklich braucht. Wer geht schon in ein Kunstmuseum?

Seit der Eröffnung des Museion – Arte moderna é contemporanea in Bozen 2008 sind einige Jahre vergangen. Die lichte Stahl-Glas-Konstruktion des Berliner Architektenbüros Krüger, Schuberth, Vandreike (KSV) des Kunstmuseums verbindet die Altstadt mit der Neustadt. Die Strukturlinien des Gebäudes führen nach draußen, in die Stadtlandschaft hinein. Zwei konvexe Stahlelemente schwingen sich als Brücke über die Talfer.

Das Museion ist in Bozen angekommen. Selbstbewusst kokettiert es auf seiner Homepage mit Next Stop Museion. Und damit es jeder versteht, werden auf Augenhöhe gleich noch die geografischen Koordinaten mitgeliefert: Basel – Museion – Venezia. Allein die oberste Etage, wo der Blick auf der einen Seite über die Neustadt schweift und er auf der anderen Seite zur Altstadt hinüber geht, wo das Panorama der Dolomiten mit der Rosengartengruppe im wechselnden Tag-Nacht-Licht ständig neue Landschaftsgemälde zeichnet, ist ein kaum zu toppendes architektonisches Argument für das Museion.

An diesem herausragenden Platz hat die aktuelle Ausstellung Rossella Biscotti. Die Zukunft kann nur den Gespenstern gehören (noch bis zum 25.Mai 2015) ihren angemessenen Präsentationsort. In ihrer noch jungen (geboren 1978), aber schon folgenreichen Karriere (dOCUMENTA 13, Kassel 2012; 55.Biennale Venedig, 2013) ist es die erste Einzelschau in einem italienischen Museum. Hoch über den Dächern der Stadt, die eindrucksvolle Landschaft vor Augen, wendet sie den Blick nach unten. Dorthin, wo Qual, Leid und Unterdrückung an Menschen, von denjenigen, die sie ihnen antaten, versteckt worden sind. Und weil das heute weiterhin passiert, sind ihre Arbeiten mehr als nur retrospektiv reflektierte Dokumentation. In ihnen spiegelt sich auch das Heute.

Rossella Biscotti kehrt mit ihren künstlerisch ambitionierten, soziologischen Erkundungen das Unterste nach oben. Hebt es mit ihren künstlerischen Notationen und Reflexionen ans Tageslicht. Vergessene Spuren sichtbar machen, wie in L’ergastolo di Santo Stefano (2011-14) wird dabei zu einer existentiellen Bestandsaufnahme. Auf dieser berüchtigten Gefängnisinsel 50 km vor der italienischen Küste wurden lebenslänglich Gefangenen zu Personen ohne Privatsphäre degradiert und zusätzlich gedemütigt. Die amphitheatralisch gebaute Anlage garantierte eine Rundum-Überwachung. Nichts blieb Teil des eigenen Selbst; nichts gelang in die Außenwelt.

Indem Biscotti die von den Gefängnisböden abgenommenen Blechabdrücke ausstellt, begleitet von einem filmischen 8-mm-Tagebuch, kontextualisiert und transformiert sie die existentielle Essenz von Einzelschicksalen – und macht sie symbolisch für die Betrachter ihrer Arbeit erfahrbar: Das im Dunkeln Verborgene auf Augenhöhe des scheinbar selbstverständlichen Schönen von Altstadt und Rosengarten gehoben.

In Konfrontation mit der personalisierten Gewalt in Le teste in Oggetto (2015) dekonstruiert sie die im Palazzo degli Uffici  Rom, EUR gelagerten Bronzen von Vittorio Emanuele III. und von Benito Mussolini. Die entleerten, aufgeschnittenen, fragmentarischen Köpfe, in farbigem Silikon und Akrylharz als Negativform gegossen, stellen sich dem Ausstellungsbesucher, der von der Bellavista Museion  überwältigt ist, als Stolpersteine in den Weg.

In Äthiopien ist Rossella Biscotti noch tiefer hinab in eine Grotte gestiegen. Was sie dort entdeckt hat, sind von Hyänen abgenagte, menschliche Knochenreste und Spuren von Koch- und Schlafstellen. Das Ergebnis eines unvorstellbaren Massakers von italienischen Kolonialtruppen 1939 an äthiopischen Widerstandskämpfern und ihren Familien.

Die Arbeit Note su Zeret (2015) fügt die vorgefundenen sozio-politischen Komponenten zu einem evokativen Puzzle zusammen. Sie belässt es aber nicht dabei für diesen einen imaginierten Moment im Museum. Chamois gefärbte Fotokopien ihrer Dokumentation liegen zum Mitnehmen aus. Einmal mitgenommen, öffnen sie mit jedem Betrachten oben verschlossenes Grottendunkel unten.

Wiedergefunden, aufgedeckt zwischen Texten und Fotografien auf dem eigenen Schreibtisch Zuhause, erinnern und ergänzen sie die Arbeit Gli anarchici non archiviano (2014). Die spiegelverkehrt gedruckten, anarchistischen Textfragmente reflektieren Schrift und Bild als Transportmedien von Ideen und Informationen. Gegen das Vergessen, für eine Wahrnehmung dessen, dem das Heute viel zu verdanken hat.

Während des Rundgangs durch die weiteren Ausstellungsräume des Museions fallen nach und nach mit L.R. bezeichnete Texte an den Wänden auf. Hinter dem Kürzel verbirgt sich die Museumsdirektorin Letizia Ragaglia. Nicht verborgen bleibt ihre Intention, subtil zurückhaltend aber pointiert direkt ihre Überzeugung von der existentiellen Notwendigkeit von Kunst und Museum als Kommunikationsort über und für das Leben zu formulieren.

Ein Museum moderner und zeitgenössischer Kunst kann heute nicht als Institution gesehen werden, die über die endgültige Wahrheit verfügt, sondern als ein Ort, an dem eine explorative Dynamik wirksam ist.

Wer sich von der Wirkkraft Museion selbst ein Bild machen möchte, sollte unbedingt wenigstens für einen Tag seine Wanderschuhe, respektive Skischuhe in die Ecke stellen.

photo streaming Museion

06.05.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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