Um Liebe zu erfahren, lass sie in dich hinein – Ute Lemper interpretiert Die Schriften von Accra von Paulo Coelho bei den Ruhrfestspielen

© Ruhrfestspiele Recklinghausen / Reiner Kruse

© Ruhrfestspiele Recklinghausen / Reiner Kruse

Ute Lemper hat die Geschichte ihrer Begegnung mit Paulo Coelho auf der Pressekonferenz der Ruhrfestspiele im Frühjahr so erzählt: Während einer Tournee in Australien sucht sie bei einem Stadtspaziergang Entspannung. Irgendwann findet sie sich in einem Buchantiquariat wieder. Dort fällt ihr Die Schriften von Accra von Paulo Coelho in die Hände.

Erzählt wird eine von Coelho fabulierte und phantasierte Kreuzritter-Geschichte über die Vernichtung Jerusalems 1099. Bevor es ans Morden geht, stellen die Menschen aus Jerusalem einem der Kreuzritter, dem Kopten, letzte Fragen. Die werden von jenem ausführlich beantwortet.

Coelho, von einigen als der Guru der guten Laune in der Literatur geradezu hymnisch verehrt, hat damit eine wie logisch und inhaltlich nicht immer begründete Frage-Antwort-Erzählstruktur entworfen, die offenbar auch Ute Lemper in ihren Bann gezogen hat.

Kurzentschlossen ihr Griff zum Telefon, so erzählte sie weiter, und sie hatte die Zustimmung von Coelho, etwas mit Die Schriften von Accra machen zu dürfen. Was dabei herausgekommen ist, war jetzt als Premiere der Uraufführung Die Schriften von Accra  – 9 Geheimnisse. Eine Begegnung von Ute Lemper und Paulo Coelho bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu erleben.

Von der ersten Idee über Konzept, Musik  und Textauswahl hat sie fast alles in die eigenen Hände genommen. Dass sie zusätzlich Volker Schlöndorff nicht nur von ihrer Idee überzeugte, sondern ihm auch die künstlerische Leitung überantwortete, war, wie sich zeigte, ein kongenialer Coup. Cinematische Einrichtung Volker Schlöndorff heißt es kryptisch im Programmfaltblatt.

Schlöndorff  hat in den Ruinen der antiken Stadt Thugga (Dougga) im südlichen Tunesien zwischen Sonnenaufgang und –untergang Bilder von meditativer Strahlkraft und betörender Schönheit eingefangen. Im Wechsel von Nahaufnahmen und gezoomter Weite, teilweise im Zeitraffer geschnitten, sind die Säulen des Tempels der Juno Caelestis von Thugga zentraler filmischer Referenzpunkt und Bildraum für Lempers Coehlo-Musik-Text-Tanz-Collage. In ihm erzählt und singt sie von den neun Geheimnissen der letzten Dinge.

Angetan mit einem dunkelblauen, bodenlangen, mit weißen Pailletten besetzten Mantel und einem Burka ähnlichen großen Tuch, betritt sie vor dem projizierten Sternenhimmel über den antiken Tempelruinen die Bühne. Bedeutungsvoll erhebt sie ihre Stimme, öffnet sie, wie sie es in den folgenden 90 Minuten in einer choreografierten Abfolge von Sprechtext und Gesang immer wieder tun wird, in neun Sequenzen Perspektiven von Antworten auf die letzten Fragen der Menschheit.

Schlöndorffs Cinemathique bildet eine doppelte Paraphrase. Die Bilder umkreisen aus verschiedenen Perspektiven den Tempel der Juno. Die Göttin der Geburt und der Fürsorge als Metapher für den ewigen Kreislauf von Tag und Nacht. Es gibt im Kreislauf der Natur weder Sieg noch Niederlage. Es gibt nur Bewegung, heißt es in der zentralen Sequenz Movimento.

Dazu der, wie es Immanuel Kant in seiner Kritik der praktischen Vernunft formuliert hat, der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Damit ist von Anfang an ein Reflexionshorizont abgesteckt, der wie alle große Kunst das ihm innewohnende Geheimnis nicht enthüllt, es jedoch in seinen möglichen Konsequenzen beleuchtet.

Dass es nicht zu einer falsch verstandenen, kulturgeschichtlich philosophischen Vorlesung auf der Bühne verkümmert, dafür steht Ute Lemper mit ihrer künstlerischen Persönlichkeit und Integrität. Begleitet von einem exzellent, einfühlsam musizierenden Sextett, dekliniert sie mit ihrer Breitband-Gesangsstimme die einzelnen Fragen in musikalisch wechselnden Stilen durch. Das reicht von Anmutungen des american songbook, über Pariser Musette-Walzer, brasilianischen Bossanova-Sound, jüdischem Kaddisch-Gesang bis zum Flamenco.

Arabische Gitarren und Percussion (Henri und Idris Agnel) sowie das Bandoneon von Victor Villena zusammen mit Vana Gierigs Piano und dem Kontrabass von Romain Lecuyer sowie das Saxophon und die arabische Flöte von Philippe Botta sind für Lemper nicht nur Stimmgeber. Sie schaffen von Song zu Song einen Klangraum differenzierter Temperamente. Auf eine mögliche CD-Veröffentlichung darf man gespannt sein.

Nach der dritten Sequenz Solitude/Alleinsein – Wenn Du nicht allein sein kannst, wird die Liebe nicht lange an deiner Seite verweilen, denn auch die Liebe braucht Ruhezeiten. – entledigt Ute Lemper sich mit einer erotisch sinnlichen Befreiungsgeste des Mantels. In einem  schulterfreien, weit ausschwingenden Gewand nuanciert sie tanzend ihren Gesang. Melancholisch verträumt bis dramatisch spektakulär zieht sie das Publikum immer stärker in ihren Bann.

Das muss lange warten, um endlich nach einem sich zum Balkan Beat steigernden Yiddischen Lied sein Applaus-Bedürfnis loszuwerden. Nach dem letzten Exkurs Love, den die Lemper in suggestiver Emphase über die Bühne ins Parkett singt – Um Liebe zu erfahren, lass sie in dich hinein -, gibt es kein Halten mehr. Zusammen mit Schlöndorff und seinem Team sowie den Musikern verneigt sich Ute Lemper – eine begnadete Künstlerin als Sängerin und als Schauspielerin – mit sichtlicher Freude.

10.05.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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