Die Stunde da wir nichts voneinander wußten – Ein ärgerlicher Theaterabend mit dem Thalia Theater Hamburg bei den Ruhrfestspielen

© Ene-Liis Semper

© Ene-Liis Semper

Peter Handke hat mit Spielanweisung für Schauspieler Die Stunde da wir nichts voneinander wußten auf Schauspielen ohne Sprache vertraut. Allein auf Bewegung, Gestik und non-verbale Artikulation konzentriert, hat er mit ihr 1991 dem Theater eine Chance für eine fokussierte Wahrnehmung angeboten. Das zu sehen, was durch Reduktion sichtbar übrig bleibt.

Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper haben offenbar geglaubt, ohne Worte und Kommentare nicht auskommen zu können. Ihre Inszenierung am Thalia-Theater, die jetzt bei den Ruhrfestspielen gastierte, ist der missglückte Versuch, die reduzierte Handke-Perspektive durch Chorgesang und Bedeutungshuberei aufzupeppen. Wahrnehmen durch assoziierendes Sehen und beobachtende Aufmerksamkeit wird durch beliebige Aneinanderreihung von Bildern ständig unterlaufen.

Warum die der Spielanleitung vorangestellte Beschreibung Die Bühne ist ein freier Platz im hellen Licht… vorgesungen und damit das Nicht-Sprechen-Sollen gleich am Anfang aufgegeben wird, bleibt das Geheimnis der Regisseure. Solistischer und chorischer Gesang, immer wieder aus dem Parkett inmitten des Publikums angestimmt, weitet sich  mehr und mehr zu einem obsoleten, sich bedeutungsschwanger gebenden Kommentar.

Als sich am Ende der Inszenierung das Scheinwerferlicht von einer im Zeitlupentempo selbstreferentiell bewegenden Figur vor einer grauen Wand ins Parkett wendet, ist das Ärgernis komplett. Männer des Chores, die bis dahin im Dunkel des Zuschauerraums sitzend gesungen haben, erheben sich in skulptural anmutender Bedeutungspose und beschließen im Pathos orthodoxen Liturgie-Gesangs mit schier endlos erscheinenden Wiederholungen Die Stunde nach mehr als zwei Stunden. Sentiment und Kitsch geben sich die Hand – und das Publikum scheint begeistert.

Bietet die Inszenierung zunächst mit den sich über den zu einer engen Gasse verkleinerten Platz hetzenden, träumenden, trödelnden, bettelnden, mitunter sich im Wege stehenden Figuren wechselnde Wahrnehmungsperspektiven, die wie ein bunter, großstädtischer Typologie-Reigen viel Raum für Assoziation ließ, verliert sie sich allerdings bald in szenisch überlangen und wie nach einem Zufallsprinzip zusammen gestellten Bilderzählungen. Schmunzelndes Lächeln des Publikums. Die Dramaturgie der Figuren-Läufe und ihre Bewegung im Raum, die hier durch die präzise Körperarbeit von Jüri Nael überzeugt, verwandelt sich im weiteren Verlauf der Inszenierung zu stöhnender Langenweile.

Aus den sequenziellen Bildfolgen werden überstrapazierte und bemühte Erzählungsbände. Die Klagemauer in Jerusalem dreht sich, unterlegt mit Kaddisch-Gesang vom Band, um sich selbst. Eine hochbeladene Transport-Rikscha schiebt sich als Indien-Bangladesch-Holzhammer-Kommentar durchs Bild. Ein alter Regisseur, unterstützt von einem jungen, eilfertigen Assistenten, sortiert in einem Slapstick-Casting die Tristesse von ebenso alten Armen durch Händeklatschen und Fußaufstampfen. Das mutet wie die öffentliche Probe einer Bewegungslektion in der Schauspielschule an.

Dazwischen aus einen dramaturgischen Irgendwo (Dramaturgie: Sandra Küpper)  abgedrehte Tanzeinlagen, wo die Verstärkeranlage des Theaters ihre Leistungsfähigkeit zeigen kann. Da verselbständigt sich schon mal ein Samba zu einem akrobatischen Veitstanz. Nach der Devise, wenn schon nicht sprechen – auch mit erheblichen Einschränkungen – muss es wenigstens laut sein (Musik: Lars Wittershagen). Als säße der Inszenierung die Angst im Nacken, das Publikum verlöre sonst seine Aufmerksamkeit.

Man konnte nach diesem Vorlauf darauf wetten, man muss nur geduldig darauf warten, bis sich auf der Bühne ausgezogen wird. Die Dramaturgie folgt einem simplen Schnittmuster: Rock’n’Roll-Klamauk animiert, alle Hüllen fallen zu lassen. Enthemmt fällt das letzte Hemd. Nackt im Großstadt-Dschungel verloren. Neonbeleuchtet in die Ecke gedrängt, entsteigen der Enge klösterlich gewandete Gestalten (als Heilsboten?). Im nächsten Bild, von der Dramaturgie die unbekleidete lost generation zu einem nackten Fleischberg zusammengefügt, kommen die Retter in einem Kanu vorbei. Die Ur-Kraft des Dschungel und der in ihm lebenden Wilden als Hoffnungsschimmer. Nicht nur eine trügerische, sondern auch eine fatal falsche Hoffnung.

Dass Die Stunde da wir nichts voneinander wußten von den Regisseuren Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper so verstanden wurde, hat allein den Überraschungs-Coup des spektakulären Effekts für sich. Aber nur den. Der Verdacht beschleicht einen, das es vielleicht vor allem nur darum ging?

15.05.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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