Die lächerliche Finsternis, ein eindrucksvoller Opener der 40.Mülheimer Theatertage NRW

Catrin Striebeck, Stefanie Reinsperger, Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger © Reinhard Werner

Catrin Striebeck, Stefanie Reinsperger, Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger
© Reinhard Werner

In der globalisierten Welt leben zu müssen und sich darin zurechtzufinden, ist nicht so einfach, wie es scheinen mag. Trotz Internet, Facebook, Google Earth bleibt dem Einzelnen immer mehr Welt verbogen. Wie der nicht endenden wollende, süße Brei aus dem Märchen der Gebrüder Grimm überfluten Informationen alle technischen und kognitiven Auffangsysteme. Je mehr Informationen fließen, umso größer die dunklen Untiefen. Mathematische Logik funktioniert nicht mehr, auch wenn sie einem vereinbarten Algorithmus folgt. Die Sehnsucht nach verlässlichen Antworten, Licht ins Dunkle zu bringen, bleibt unerfüllt. Muss es bleiben.

Dieses Unmöglichkeits-Theorem bestimmt Wolfram Lotz‘ Texte. Das griechische theórema als der aus der Anschauung gewonnene Lehrsatz ist ihm offenbar Ausgangspunkt und Überzeugung für seine Weltsicht, wie sie in seinen Theaterstücken und Hörspielen ihren Ausdruck findt. Das unmögliche Theater des Wolfram Lotz, so die Behauptung im Vorblatt des Programms zu Die lächerliche Finsternis in der Inszenierung des Burgtheaters im Akademietheater, Wien, mit der Stücke 2015 – 40.Mülheimer Theatertage NRW eröffnet wurden, ist Bekenntnis und Plädoyer.

Obwohl die Welt, in der wir leben, die einzige bisher bekannte ist, bleibt sie uns in vielen Teilen unüberschaubar und unbekannt. Sich zu dieser Unmöglichkeit zu bekennen, ist keine Absage an das Mögliche. Es ist zuerst einmal die Vergewisserung über eine Tatsache. Sie von verschiedenen Perspektiven aus zu betrachten, kann Ausgangspunkt für Erzählungen von einer veränderbaren Welt sein. Selbst die Einsamkeit in lächerlicher Finsternis kann dann zu einem blühenden Baum werden.

Wolfram Lotz hat sich, ausgerüstet mit den Expeditionserfahrungen von Kapitän Marlowe in Herz der Finsternis von Joseph Conrad  sowie mit dem Vietnamkriegs-Horror von Francis Ford Coppolas Film Apocapypse now, mit Die lächerliche Finsternis  in einen postkolonialen Dschungel begeben. Er legt mit dem Zusatz Nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalylpse eine deutliche Spur seines Erzählhorizonts.

In einem Somalia-Hindukusch-Bosnien-Dschungel sind zwei Bundeswehroffiziere in geheimer Mission unterwegs. Gesucht wird ein dritter, der zwei Kameraden umgebracht haben soll. Während dieser Expedition begegnen sie einem italienischen UN-Blauhelm-Posten, einem bosnischen Händler sowie einem amerikanischen Missionar. Böswillige Grausamkeit wechselt mit dumpfer Blödheit, degenerierte Selbstgerechtigkeit vermischt sich mit sexistischem Masochismus.

Ein gemeingefährliches Typen-Panoptikum von dem wir jeden Tag in den Nachrichten hören, aber nur vage Vorstellungen von seinem Dasein haben. Fiktionen bestimmen so die Wirklichkeiten. Dušan David Pařízek hat daraus für seine Inszenierung die Konsequenz gezogen, dass diese Wirklichkeit mit den Behauptungen des Theaters überwunden werden muss.  Er hat dazu nicht nur eine entsprechende Bühne entworfen, die der Ortlosigkeit zwischen Traum und Traumata einen variablen Spielraum gibt. Dass die entseelten, sozial verkümmerten Militär-Hampelmänner von Frauen gespielt werden, kann wie ein doppelter Kommentar zu Klaus Theweleits jüngstem Buch Das Lächeln der Mörder erscheinen. Entlarvung von Gewaltorgien, die mehr als nur Ausdruck von  Männerphantasien sind. Frida-Lovisa Hamann und Catrin Stribeck sind darin überzeugend präsent. In einzelnen Szenen gelingt es ihnen, das absurde Theater von Samuel Beckkett mit dem unmöglichen Theater von Wolfram Lotz zu einer großen Erzählung zu verbinden.

Stefanie Reinsperger ist ein schauspielerisches Urgestein mit Wiener Überzeugungs-Schmäh. Ihr Prolog des somalischen Soldaten mit Diplomstudium der Piraterie an der Hochschule von Mogadischu setzt von Anfang an die schauspielerische Latte dieser Inszenierung sehr hoch. Dramaturgisch (Klaus Missbach) ist er die afrikanische Erzähl-Klammer – Das ist auch unsere, das ist doch auch meine Geschichte! -, die darauf aufmerksam macht, dass Geschichte nur eurozentristisch erzählt und so allein für wahr gehalten wird.

Einen bosnischen Händler, der daran verzweifelt, dass die von ihm angebrachte Markise an seinem Haus alleiniger Grund für das Feuer ist, dass das Haus zerstörte, spielt Stefanie Reinsperger souverän mit Worten und Gesten. Fast übergangslos wechselt sie die fatalistisch pessimistischen Tonlage – Mir ist in dieser Sache nicht zu helfen – in einen servilen Verkaufston: Sie können mir helfen, indem Sie etwas kaufen.

In sprachakrobatischer Verzerrung parodiert Dorothee Hartinger die infantile Internet-Abhängigkeit des UN-Blauhelms Lodetti und entlarvt die Leere hinter der militärisch akkuraten Maske.

Die sybillinische Formulierung im Programmheft Eine Pause, wenn Sie möchten zündet mit Pop ein dramaturgisches Feuerwerk. Die mit einer leichten Bewegung zum Einsturz gebrachte Bühnenrückwand löst sich in ihren Bretterbestand auf. In einem 20minütigen Pausen-Improvisationsgesang The lion sleeps tonight wird die Bühne dekonstruiert. Und mit ihr das Konzept Stadttheater gleich mit? In einem Schredder werden die Bretter zu Sägemehl pulverisiert. Militär und Dschungelpersonal umtanzen sich in wilder Bemalung.

Die lächerliche Finsternis lässt am Ende das Lächeln erfrieren. Das, was der Diplom-Pirat mit seinem Kompagnon am Grunde des leer gefischten Meeres funkeln sah, bestand nicht aus Sand, wie wir immer gedacht hatten, sondern aus Wut, aus unendlicher, ewiger Wut. Es ist die Wut der Verletzungen und der Verzweiflungen der Opfer. Nicht nur im Irgendwo-Dschungel. Sich an Herbert Achternbuschs Imperativ Du hast keine Chance – aber nutze sie, fast 40 Jahre alt, aber immer noch brauchbare Motivation zum Handeln, zu erinnern, legt dieser Theaterabend nahe.

17.05.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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