Anders Petersen ist anders – Mehr als eine Retrospektive im Münchner Stadtmuseum

© Anders Petersen / Courtesy Galerie VU

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Anders Petersen ist anders. Sein Vorname liest sich von heute aus wie ein Programm. Er ist als Fotograf anders – und doch auch mit seinem kompromisslosen, ungeschminkten Blick auf die Gesellschaft in den 1960ger Jahren wieder ähnlich einer subjektiven street photography etwa in der Nachfolge von Henri Cartier-Bresson.

Das Andere im Gemeinsamen wird schon nach wenigen Fotografien in der Ausstellung Anders Petersen – Retrospektive im Münchner Stadtmuseum (noch bis 28.06.2015) klar.Er fotografierte nicht nur in Milieus, die vielen verschlossen blieb. Er teilte mit den von ihm fotografierten Menschen über einen längeren Zeitraum ihr Leben. Ob mit Patienten in der Psychiatrie oder mit Gestrandeten in dunklen Kneipen. Er näherte sich den Schattenseiten des Lebens leibhaftig an. Wurde für Zeit Teil dieser Lebenswirklichkeiten.

Empathie und Respekt sind dabei bis heute Standards seiner Fotografie. Ich suche eine Beziehung zu den Menschen, die ich fotografiere. Und das hat viel zu tun mit dem Verlangen, den Träumen, den Geheimnissen. Vielleicht auch mit unseren Alpträumen und Ängsten.

Beim Gang durch die Ausstellung spürt man in jeder Fotografie diese Überzeugung. Sie gründet auf Petersens zutiefst humanistisch geprägte Sympathie und Liebe zu den Menschen, die im sogenannten gesellschaftlichen Abseits stehen. Seine teilnehmenden Beobachtungen notiert er in Photo-Diaries.

Aufmerksamkeit gewann er mit Fotografien, die er in den 1960ger Jahren in der Stehbierhalle Café Lehmitz auf der Reeperbahn in Hamburg machte. Seine schwarz-weiß-Fotografien sind mehr als nur kalte Dokumentationen. Sie funktionieren wie statische Haltepunkte einer Brückenkonstruktion, die die Vergangenheit überwölbt und ins Heute führt. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass die fotografischen Bildkonstruktionen keine statische sind. Ihnen haften eine über die Zeit hinausreichende Dynamik und Lebendigkeit an. Ihr kann man sich nicht entziehen.

Beim Schauen in die Gesichter, ob im Café Lehmitz oder in der Serie Du mich auch um 1970,  Äldere Ansorg oder Fängelse aus den 1980ger Jahren, in Mental Hospital aus den 1990ger Jahre bis in die unmittelbare Gegenwart (From bad home, 2009; Soho, 2011) entstehen Bilderbögen von Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe. Häufig sieht man ihnen schon an, dass diese Hoffnungen unerfüllt bleiben werden.

Mögen sie auch Bilder einer vergangenen, inzwischen untergegangenen Welt, einer vergangenen Zeit sein, so sie sind trotzdem zeitlos. Noch bevor man die Räume der  Anders-Petersen-Retrospektive betritt, stellen sich die Fotografien Alexanderplatz von Göran Gnaudschun (noch bis 31.05.2015) mit Portraits und Selbstaussagen von Obdachlosen in den Weg. Sie muten wie eine vorweg genommene Zäsur an. Das, was Petersen vor Jahrzehnten fotografiert hat, ist bis heute Wirklichkeit. Wenn auch mit veränderten Wahrnehmungsperspektiven. Wie Menschen damals in zweifelhafte, vor der Öffentlichkeit verborgene Orte abgeschoben wurden, funktioniert das heute nicht mehr. Fast alles ist öffentlich.

Die lost generation des Café Lehmitz, die das rasante Wirtschaftswundertempo abrasierte und zur Seite drängte, hat heute ihre Nachfolger nicht nur am Alexanderplatz. Stolpersteine in der schönen, globalen Warenwelt. Dass die von Ulrich Pohlmann feinfühlig und feinsinnig kuratierte Ausstellung Anders Petersen – Retroperspektive nicht retrospektiv verharrt, sondern eine Aufforderung ist, genau hinzuschauen, wer einem beim Shopping-Flanieren alles begegnet, ist ihr unaufgeregter, aber nachhaltiger Verdienst.

20.05.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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