Die Münchner Philharmoniker unter Michał Nesterowicz mit Yuja Wang musikalisch ambitioniert in der Philharmonie Essen

© Ian Douglas

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Die Münchner Philharmoniker sind immer gut für Schlagzeilen. Ob die Akustikprobleme im Gasteig (vgl. Kritik Ein Elias in der Philharmonie im Gasteig mit Einschränkungen vom 14.04.2015), ob die Posse um den Neubau einer Konzerthalle, ob die kolportierten, russisch nationalistischen Avancen ihres zukünftigen Chefdirigenten Valery Gergiev, ihre künstlerische Qualität als eines der weltweit einflussreichsten Sinfonieorchester scheint manchmal hinter diesem Medien-Hype zu verblassen.

Wer sich jetzt jenseits dieser Münchner Aufgeregtheiten ein veritables Klangbild machen wollte, hatte bei ihrem Gastspiel in der Philharmonie Essen eine Chance auf zwei Ebenen. Einmal im Zusammenspiel mit der Pianistin Yuja Wang, einmal als Sinfonieorchester pur unter Michał Nesterowicz. Beide Male war es eine Demonstration musikalischer Differenzierung und gestalterischer Souveränität.

Zum Auftakt stand mit dem Konzert Nr. 2 g-Moll für Klavier und Orchester, op.16 von Sergej Prokofjew ein technisch anspruchsvolles Werk der Moderne auf dem Programm. Sein expressiver Gestus changiert zwischen dissonantem Raunen und romantischer Verklärung. Es zu spielen, verlangt eine fast schon aberwitzige Technik. Aber dieses allein reicht noch lange nicht aus, um Prokofjews kompositorische Evokationen zu erfassen und zu gestalten.

Yuja Wang spielte nicht nur mit verwirrend technischer Brillanz, dass einem allein beim Zuschauen schwindlig wurde. Sie dynamisierte geradezu die Komposition zu einem Klang-Furor, der noch im dissonantesten Prestissimo eine klare Struktur zeigte. Insbesondere in den langen solistischen Passagen entfachte sie energetische Klangstürme, die trotz ihrer emotionalen Anmutungen in ihrer technizistischen Perfektion jedoch phasenweise etwas unterkühlt wirkten.

Stellt man in Rechnung, dass Wang, die seit einigen Jahren neben ihrem virtuosen Klavierspiel in Öffentlichkeit auch mit modisch extravaganter Kleidung Aufmerksamkeit erregt, war ihr Live-Konzert für das Publikum eine eindrucksvolle, künstlerische Antwort auf ihre mediale Stilisierung jenseits ihrer pianistischen Ausdruckskraft. Sie scheint damit einem Trend zu folgen, der auch im Klassik-Bereich auf einen nachhaltig wirksamen Retorten-Pop-Star-Charakter setzt.

 Strotzt Prokofjews Klavier-Konzert von solistischen und satztechnischen Höchstschwierigkeiten, sind die Anforderungen an den Dirigenten nicht weniger anspruchsvoll. Die Solo-Kadenzen laufen nicht auf die Zäsur einer betonten Endnote oder Pause zu. Das Orchester muss gewissermaßen in unterschiedlicher Instrumentierung in die solistischen Läufe geschmeidig einfließen.

Michał Nesterowicz verstand es, nuanciert und temperiert die Münchner Philharmoniker mit Yuja Wangs Vorspiel zu einer orchestralen Klangsprache zu verbinden. Die ist einmal harmonisch wohlklingend, um im nächsten Moment den Schön-Klang mit brachialen Eruptionen zu unterlaufen. Das Dirigat dieser Komposition mutete wie eine ständige Suche nach der Balance auf einer Klang-Rasierklinge an.

Hatte Nesterowicz im Klavierkonzert als Dirigent in der differenzierenden Funktion des Vermittlers zwischen Orchester und Solistin überzeugt, kam seine Stunde mit der Sinfonie Nr. 1 c-Moll, op. 68 von Johannes Brahms nach der Pause. Diese  Sinfonie ist Ausdruck von Brahms jahrelangem, mühsamem Ringen um eine eigenständige sinfonische Form nach Beethoven. Sie ist dabei beethovennah ohne epigonal zu sein. Von Hans von Bülow ist der Satz überliefert, dass Brahms Erste eigentlich seine Zehnte sei. Respekt für eine kompositorische und musikhistorische Großtat, wie sich erweisen sollte.

In Brahms Komposition findet sich sowohl eine konstruktive, gattungsspezifische  als auch eine emotionale, musikalisch überzeugende Antwort auf dieses für ihn skrupellöse Problem. Kopfsatz und Finale umrahmen zwei musikalisch gleichwertige Sätze. Den 1.Satz, mit chromatisch gegeneinander gerichteten Linien – aufsteigende Violine, absteigende Bläser – kann man als Werkstattbericht hören. Er folgt einer motivisch konstruierten sinfonischen Logik.

Der 4.Satz, klassisch beginnend einem mit Adagio sich bis zum einem formidablen Allegro non troppo steigernd, ist dagegen von emotionalen Stimmungsbildern geprägt. Er endet in einem atemlosen C-Dur-Jubel.

Michał Nesterowicz dirigierte mit präziser Linienführung. Jede Note wurde geradezu demokratisch behandelt. Jede war so (lange) wichtig, wie sie den Klang differenzierte und modulierte. Von Satz zu Satz baute Nesterowicz‘ Dirigat eine Spannung auf, der man sich auf Dauer nicht entziehen konnte. Manchmal schien es, als würde von ihm ein dirigistischer Magnetismus ausgehen, der die einzelnen Töne an sich zog, um sie, von ihm klangmächtig aufgeladen, an das Orchester zurück zu geben.

In dieser 1.Sinfonie, die Brahms unter erheblichen Geburtswehen der Welt schenkte, entdeckte Nesterowicz ein charismatisches Leuchten. Er verleugnete dabei nicht das ihr innewohnende Bedeutungsschwere. Gleichzeitig machte er sie in ihrer Emotionalität hörbar, wie es nicht jedem Dirigenten gelingt.

Auch die Münchner Philharmoniker konnten sich diesem Magnetiseur Nesterowicz nicht entziehen. Mit ihren geschmeidigen Blech- und Holzbläsern sowie mit den biegsam atmenden Streichern einschließlich der Kontrabässen waren sie letztlich ein Garant für einen adäquaten Klang.

23.05.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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