Wie findet man einen Common Ground, um sich zu verständigen? – Yael Ronen hat mit dem Maxim Gorki Theater Berlin eine Idee

Als 1989 die Mauer in Berlin fiel, war der kalte Krieg zu Ende. Aber die damit verbundene Hoffnung auf eine friedliche Zukunft in Europa trog schon bald. Vielmehr machte sich Unsicherheit breit.  Globale Orkane wirbelten insbesondere  in Ost- und Südost-Europa Wirtschaftsökonomien und Identitäten durcheinander. Der ehemals relativ befriedete, kalte Krieg weitete sich in den ersten Jahren des neuen, Freiheit versprechenden Jahrzehnts zu einer infernalischen Brandfackel eines heißen Krieges.

Inzwischen ist ein Vierteljahrhundert vergangen. In den Geschichtsbüchern sind die nüchternen Fakten aufgeschrieben. Was häufig nicht darin steht, ist die Frage: Wie leben die, die Brandschatzung und Mord überlebt haben, weiter? Welche Traumata verdunkeln ihre Seelen bis heute? Wer baute das siebentorige Theben? fragt Bert Brecht in seinem Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters und benennt die Fehlstellen historischer Darstellung In den Büchern stehen die Namen von Königen,…. So viele Berichte. So viele Fragen.

Die Regisseurin Yael Ronen hat sich mit Brechts Fragen unterm Arm auf die Suche nach einer Antwort auf dem Theater begeben. Ihre Idee: Einen Common Ground am Beispiel von Ex-Jugoslawien für Menschen, die mit der ihnen machtpolitisch verordneten, ethno-nationalen Identitäten als Bosnier, Serbe oder Kroate ins Leben geworfen wurden, zu konstruieren. Mit dieser szenischen Konzeption gastierte sie mit dem Ensemble des Maxim Gorki Theaters Berlin im Rahmen von Stücke 2015 in Mülheim an der Ruhr.

Ronen als Israeli aus einem Land kommend, wo sich die kulturellen, religiösen und ethnischen Konflikte seit Jahrzehnten immer wieder in kriegerischer Gewalt mit unzähligen Toten entladen, ist sie ständig herausgefordert, sich dazu zu verhalten. Im Stück spitzt und reflektiert Niels (gewissermaßen als  kommentierende Stimme von außen) polemisch zu: Das Problem der Israelis ist, dass sie die Welt nur verstehen und analysieren können durch ihr eigenes Prisma.

Damit ist die Ausgangssituation der Antwortsuche beschrieben. Eine Spiellinie im doppelten Sinne ist damit gezogen. Kinder, geboren im ehemaligen Jugoslawien, sind mit ihren neuen Identitäten in Deutschland erwachsen geworden – und schleppen tagtäglich einen fremd geschnürten Rucksack mit sich. Scheinbar fern von den Kampfplätzen sowie ihren Toten, Verletzten und Traumatisierten, anders als es sich für manchen Israeli im Blick auf andere Konfliktherde in der Welt in seiner projektiv verzerrten Wahrnehmung darstellt, entkommen die jungen, deutschen Bosnier, Serben oder Kroaten nicht ihrer Geschichte.

Yael Ronen hat für ihre Common-Ground-Idee Menschen aus Ex-Jugoslawien und Israel gefunden, die als Schauspieler bereit waren, mit ihrem richtigen Namen ihre Geschichte auf der Bühne zu erzählen. Vernesa Berbo, Dejan Bucin, Mateja Meded und Jasmina Music verabreden eine Reise, um nach 20 Jahre dorthin zurückzukehren, wo alles begann. Niels Bormann und Orit Nahmias fungieren als Begleiter und Kommentartoren. Politisch nicht immer korrekt; inklusive Alien-Abseits. Aber das geht auch nicht, soll dramaturgisch auch nicht gehen.

Da jeder Einzelne die Vergangenheit aus der Historie und der eigenen Biografie  anders erinnert und anders betroffen ist, war am Beginn der szenischen Arbeit zu klären, wie die unterschiedlichen Wirklichkeitserfahrungen für die Theaterarbeit akzeptabel und konstruktiv zu machen waren.

Mateja ist Jasmina in der Szene gegenüber fassungslos, als berichtet wird, dass Radko Mladic nach seiner Verhaftung noch erlaubt wurde, das Grab seiner Tochter zu besuchen: Für mich ist das kein Mensch. Der verdient keinen menschlichen Umgang mit ihm. Warum soll er das Grab seiner Tochter besuchen dürfen, wenn ich noch nicht mal ein Grab für meinen Vater habe?

Wenn man der Dramaturgin Irina Szodruch folgt, geht dieses Zusammenführen ganz einfach. Man schaut sich erst einmal bei einer tiefen-entspannenden Reiki-Massage tief in die Augen, hört aufmerksam den Geschichten der anderen zu, verabredet einen gemeinsam abgestimmten Text Yael Ronen & Ensemble und los geht’s. Der damit verbundene, leise aufkeimende Zweifel, dass damit die notwendige Distanz zur biografisch konnotierten Betroffenheit für eine Theaterinszenierung, die keine Dokumentation sein will, erreicht werden würde, bestätigte sich im Verlauf der Aufführung. Der von Szodruch im Nachgespräch selbst antizipierte, potentielle Therapieverdacht konnte die Inszenierung jedenfalls nicht vollständig ausräumen.

Im Museum Folkwang Essen hat man zurzeit die Chance in der Ausstellung Conflict.Time.Photography Tage, Wochen, Monate oder Jahre später mit Fotografen und mit ihren in Fotografien belichtete Orte aufzusuchen, die Schauplätze von Krieg, Verwüstung und Tod waren. Manche Orte sind so ordentlich und sauber, das nichts mehr an das Schreckliche erinnert, das hier einmal passierte. An anderen Orten sind die Wunden und Narben noch immer sichtbar. Mit welchen Bildern im Kopf und mit welcher Seelen-Pein die, die überlebt haben und an diese Orte zurück kehren, das sehen und mit diesen Erinnerungen im Alltag umgehen, davon erzählen die Fotografien auf eine indirekte, tief berührende, assoziativ vielschichtige Weise.

Die Inszenierung von Common Ground beginnt mit einem martialischen Inferno von atemlosen Wort-Kaskaden. Zahlen von Toten werden mikrofon-verstärkt im Sekundentakt in den Saal geschleudert. Allein dadurch, dass sie die Fakten ins Ohr hämmern, wird das Unbegreifliche in seinen Dimensionen allerdings nicht begreiflicher. Es stellt sich nach kurzer Zeit eher ein Informationsrauschen ein, das vorbei surrt. Selbst wenn der Zahlen-Storm in die szenische Erzählebene übergeht, bleibt der vordergründig laute, stellenweise agitatorische Gestus erhalten. Das hat allerdings nicht unbedingt die Überzeugungskraft, die damit erhofft wird.

Angesichts von Standing Ovations und enthusiasmiertem Beifall der Mehrheit des Publikums kann man sich durchaus auch die Frage stellen: Galt der Beifall der schlüssigen Inszenierung und ihrer schauspielerischen Qualität oder sind sie Ausdruck einer Attitüde von Betroffenheit, die Common Ground als Entlastung für die je eigene Mitschuld an den Zuständen dieser Welt dankbar angenommen hat?

01.06.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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