Furcht und Ekel auf ausgetretenen Pfaden

@  Conny Mirbach

@ Conny Mirbach

Die Welt, in der wir heute leben, ist nicht nur Sonnenschein. So war es auch in der Vergangenheit nie. Das Böse, das Unmenschliche, das Verrohte, das Brutale  ist mitten unter uns. Es ist auch Teil jeder menschlichen Kreatur. In der Regel bleibt es in ihr verschlossen. Verbrennt, nicht wie der Lavastrom eines Vulkans, in wenigen Minuten bis dahin blühende Landschaften. Es passiert und, selbst Naturwissenschaftler können nur näherungsweise, wenig verlässlich einen solchen Ausbruch vorhersagen.

Sozialwissenschaftler, Psychologen und Neurologen wähnen sich bei den Gründen für Aggression und Gewalt von Menschen gegenüber anderen Menschen auf einer verlässlicheren Datenbasis-Seite. Beispiel Deutschland: Der Zusammenbruch einer sozialistischen Utopie in der DDR und die Wiedervereinigung – konkret nichts anderes als Eingliederung in das funktionale, marktwirtschaftliche System der alten Bundesrepublik – haben in der neuen Republik zu Irritationen, Orientierungslosigkeit bis zu Hoffnungslosigkeit geführt, Identitätsverlust inklusive. Hochzeiten für rechtsradikale Ideen, die von nicht wenigen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben goutiert werden. Auch wenn die Mehrheit jener nicht aktiv tatkräftig mithilft, einen deutschen Freiraum, frei von Ausländern und Flüchtlingen, zu schaffen, sind sie als mehr oder weniger heimliche Sympathisanten verlässliche Partner in diesem bösen, unmenschlichen Spiel.

Mit Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Menschen hat Dirk Laucke seine Recherche in öffentlichen Medien zu rechtsradikalen Übergriffen als Inszenierung des Schauspiel Stuttgarts während der 40.Mülheimer Theatertage NRW im Ringlokschuppen Mülheim auf die Bühne gebracht. Er hat sich für eine ungeschminkte Fäkalsprache entschieden, die ein Mix von aggressivem, pubertärem Ausrotzen und Ausgrenzen sowie einem faschistoiden, rechtsradikalen Jargon ist. Brachial brutal, in kaum zu ertragender Lapidarität wird man Zeuge einer Dramaturgie von enthemmter Gewalt (Dramaturgie: Carmen Wolfram). Von monströser Sprachgewalt zu körperlichen Gewaltorgien ist es oft nur ein kleiner Schritt.

Jan Gehlers Inszenierung nimmt kein Blatt vor dem Mund. Auch das Unaussprechliche, dem man sich verbietet, es zu hören, es wahrzunehmen, weil man nicht glauben mag, dass es die Sprache von zivilisierten Menschen sein kann. Szene in der U-Bahn: Ausländer gehören nach Auschwitz! ruft ein Mann laut in den Waggon. Er guckt die ihm gegenüber sitzende Frau an: Ist doch so, oder? Spielanweisung des Textbuches: Frau wendet sich ab, guckt aus dem Fenster.

In solchen kleinen Szenen, die wie eine Parabel in kurzen Dialogen scheinbar Nebensächliches in seiner Selbstverständlichkeit in Frage stellt, überzeugt die Inszenierung. Anders als in den allermeisten Szenen, die in langen, nach wenigen Passagen allerdings schnell redundant langweilenden Erzählsequenzen den rechtsradikalen Fäkalien-Sud-Sprech eimerweise ins Publikum schütten, wird in ihnen mit der feinen Klinge des Floretts zugestochen. Ohne drastisch bemüht sein zu wollen, ist die Trefferquote nachhaltiger und subtiler. Das, was die Einzigartigkeit des Theater ausmacht, nämlich auf der Bühne etwas zu erzählen, das dem Zuschauer die Chance bietet, es mit eigenen Erfahrungen zu reflektieren, wird allerdings konterkariert bis unterminiert, wenn alles klar und selbstverständlich ausgesprochen und dargestellt wird.

Es ist ein entscheidendes Manko dieser Inszenierung, dass sie verkennt, dass sie mit ihrem dokumentarischen Gestus bei jedem aufgeklärter Bürger, bei jedem Gutmenschen offene Türe einrennt. Das Sägemehl auf der Bühne (Bühne: Sami Bill), das bei genauerem Hinsehen aus Streichhölzern besteht, ist nicht nur privater, romantisch verklärter Rückzugsort. Es kann zur Brandfackel werden kann. Doch auch dies vermag die Überzeugungskraft der Inszenierung nicht zu retten.

Lauckes Idee, einer ausdrücklich unpolitisch verfassten Geschichte aus Israel und einen Disput über die Berechtigung von solchen süßen Geschichten in Zeiten von Terrorismus damit zu verknüpfen, wirkt dramaturgisch wie ein verzweifelter Reflexions-Appendix zu Furcht und Ekel.

Es macht ebenso misstrauisch, wenn Laucke im Programmheft zwar mit Respekt und Demut versichert, dass die assoziative Nähe des Titels sowohl zu Brechts Stück Furcht und Elend des Dritten als auch zu Kroetzs Stück Furcht und Hoffnung in Deutschland keine Anmaßung darstellt. Den Eindruck, zu antichambrieren, kann er damit letztlich nicht tilgen.

Und wenn der Walkürenritt aus Richard Wagners Oper Die Walküre immer wieder als Soundteppich herhalten muss, kann man sich schon fragen: Welche dramaturgischen (Eigen)Wert hat das Filmzitat aus Apocalypse Now von Francis Ford Coppola hier eigentlich noch?

Auf dem Theater werden vor allem Fragen gestellt. Inszenierungen geben darauf keine richtigen oder falschen Antworten. Das bedeutet aber nicht, ihre konzeptionelle Idee nicht zu hinterfragen.  Im lauten Getöse von Mit Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Menschen kann sich ein differenziertes Nach- und Hinterfragen über weite Strecken kein Gehör verschaffen. Die Walküren reiten davon unbeeindruckt weiter.

03.06.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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