Wer A muss auch B wie Baum – und P wie Palmetshofer

@ Georg Soulek

@ Georg Soulek

STÜCKE 2015 – Mülheimer Theatertage NRW präsentierte nun schon zum 40. Mal neue Stücke.  Von einer Expertenrunde wird das ihrer Meinung nach dramaturgisch und inszenatorisch überzeugendste Stück ausgezeichnet. Unabhängig davon wird auch ein Publikumspreis vergeben. Selten wird von beiden Auswahlgremien das gleiche Stück ausgewählt. Die Beurteilungsperspektiven unterscheiden sich dabei wesentlich. Einerseits kritisch analytische Betrachtung im Kontext der deutschsprachigen Theaterpraxis; anderseits die unmittelbare emotionale und empathische  Überzeugungskraft des gerade gesehenen Stücks als Wertmaßstab.

Dass in diesem Jahr Ewald Palmetshofer mit die unverheiratete die Experten überzeugt hat (das Publikum entschied sich für Common Ground von Yael Ronen & Ensemble, vgl. Kritik Wie findet man einen Common Ground, um sich zu verständigen? – Yael Ronen hat mit dem Maxim Gorki Theater Berlin eine Idee), erscheint naheliegend. Produktionen des Burgtheaters im Akademietheater, Wien eröffneten (Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz; vgl. Kritik Die lächerliche Finsternis, ein eindrucksvoller Opener der 40.Mülheimer Theatertage NRW vom 17.05.2015) und schlossen das Festival.

Majorität ist natürlich erst einmal kein Kriterium für Qualität. Gäbe es allerdings einen Preis für die beste Schauspielerin, wäre Stefanie Reinsperger, die in beiden Stücken eine Hauptrolle spielt, eine heiße Kandidatin. Sie war nicht nur die vielbeschäftigste Schauspielerin in diesen Tagen. Sie verfügt über eine außerordentliche Bühnenpräsenz. Sprache, Gestik und Körper sind bei ihr weit mehr als nur schauspielerische Handwerkszeuge.  Souverän benutzt sie diese, um, wie in der prämierten die unverheiratete, die Rolle Die Junge über die unmittelbaren Zeitebenen hinaus durchzuspielen. Sie, retrospektiv auch Die Mittlere und Die Alte, mit bedingungslosem, äußerst intensivem Körpereinsatz. Rolle und Person sind für Momente nicht mehr zu unterscheiden.

Reinsperger ist ein Gutteil des Erfolgs von die unverheiratete zu verdanken. Aber es gibt noch einen sprachspielerischen Aspekt, begleitet von einem amüsierten Lächeln, der den Sieg als selbstverständlich erscheinen lässt. Unter den Stücke-Schreibern ist kein Name seinem semantischen Inhalt nach für eine Auszeichnung so prädestiniert wie Palmetshofer. Die Palme des Siegers trägt er ja schon in seinem Namen.

Allerdings gebietet die sachlich kritische Distanz festzuhalten, dass Palmetshofers 3-Generationen-Drama ein theatraler und dramaturgischer Wurf ist. Erzählt wird eine Geschichte, die wenige Tage vor Kriegende ihren tragischen Ausgangspunkt hat. Eine Frau denunziert einen desertationswilligen Soldaten. Der wird standrechtlich erschossen. Die Denunziantin wird nach Ende des Krieges zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteil. Wieder in Freiheit wird ihr eine Tochter geboren, die ihrerseits wieder Mutter einer Tochter wird.

Aus der Perspektive der inzwischen 96jährigen Frau rollt Palmetshofer einen löchrigen, mürben Erinnerungsteppich aus. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich zu Mehrfachfolien. Wahrheit irgendwo dazwischen. Was nutzt die Wahrheit, wenn man sie nicht glaubt?

Elisabeth Orth gibt der alternden, dem Leben inzwischen abhanden gekommenen, lebensmüden Alten eine Persönlichkeit, die trotz ihrer Schuld Respekt verdient. Strickend verstrickt, dem in ihrem Zimmer lagernden Eisblock gleich, ihrem Schicksal ergeben (am Ende wird sie sich aufhängen), nur ab und zu von kurzzeitigen Gefühlsaufwallungen und Emotionen unterbrochen, sucht sie bei ihrer Enkelin eine Verbündete. Die einzige, die ihr bleibt. Verharrt aber eher verunsichert  in ihrem naiv pubertären Entwicklungswartestadium, als das sie daraus Stärke einer selbstbewussten und selbständigen Frau ziehen könnte.

Das Stigma die unverheiratete schwebt als Menetekel über allem. Als Die Hundsmäuligen durchschwirren heuchlerisch böse, neidisch verschlagene, geifernde  Frauen – mal Betschwestern, mal Gefängnisschließerinnen, mal Tanzmariechen, mal Sittenpolizistinnen – die Lebenswirklichkeiten von drei biografisch verorteten Zeitebenen. Scheinbar logisch und kausal begründet – wer A sagt muss auch B sagen – werden auf der Bühne 70 Jahre zusammen und übereinander  geschoben.

Palmetshofer hat das in einer rhythmisierten Jamben-Form geschrieben. Die Versmaße erinnern an klassische Metren. Griechischer Tragödienernst der Sprache bildet mit dem Inhalt  von die unverheiratete eine symbiotische Einheit von Zweck und Form. Wir sind halt beide ein bisschen spät; – wie meinst denn das? – na ja;- Das hab ich mir nicht ausgesucht und außerdem im Krieg hat’s keine Männer nicht gegeben.

Robert Borgmann hat für seine stringente, konsequent narrative Inszenierung sich selbst auch die Bühne gebaut. Eine triste Stube, Erde auf dem Fußboden, ist eine Stolperlandschaft. Ein Küchentisch wird schon mal von Die MittlereChristiane von Poelnitz spielt sie als frigide, liebesunfähige, vom Leben enttäuschte Tochter und Mutter – mit einer Axt malträtiert. An der Zimmerrückwand wird eine dunkelrote Gardine auf und ab gezogen. Dekor und Abdeckung, Traum und Traumata.

Offene Bewegungen im (Ab)Geschlossenen, die keine Balance finden, eröffnet die Dramaturgie von Klaus Missbach verschiedene Neben- und Umwege. Letztlich führen sie zu keinem tröstlichen Endpunkt. Wer A sagt… muss auch – wie Baum, dann hab gelacht, und aus das Licht.

 07.06.2015

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Theater veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s