Wim Wenders. Landschaften. Photographien – Eine Hommage im Großformat an die kleinen Augenblicke

@ Wim Wenders/Courtesy Blain Southern 1983

@ Wim Wenders/Courtesy Blain Southern 1983

Im filmischen Werk von Wim Wenders sind seine Fotografien, so scheint es, irgendwie schon aufgehoben. Manchmal versteckt, scheinen in ihnen Landschaften auf, die aus seinen Filmen vertraut wirken. Es sind aber keine Film Stills. Wenders‘ Fotografien sind Ergebnis einer wachen und doch auch nonchalanten Aufmerksamkeit an ausgewählten Orten. Sie können an einem filmischen Wegrand liegen. Dort, wo er gerade einen Film dreht. Es können aber auch Entdeckungen beim Umher-Schweifen sein.

In der Ausstellung Wim Wenders. Landschaften. Photographien  im Kunstpalast Düsseldorf (noch bis 16.August 2015) kann man von Fotografie zu Fotografie er-sehen, wie Landschaften von ihrem Geworden-Sein in der Zeit erzählen. Wenders verrät auch unprätentiös, wie das für ihn geht. Wenn man gern umherstreift, um sich zu verlieren, kann man an den merkwürdigsten Orten landen.

Sich zu verlieren, bedeutet ja nicht mehr aber auch nicht weniger, als sich zeitweise müßiggängerisch treiben zu lassen. Meditativ gestimmte Gelassenheit, die ihre Sensoren gleichwohl auf offenen Ohren und Augen gestellt hat. Orten, die keineswegs spektakulär sein müssen, eine beobachtende Aufmerksamkeit zu schenken, ohne ihnen ein schönes Bild abzuluchsen.

Das hört sich in der heutigen durch-ökonomisierten Zeit erst einmal wie ein traumverlorenes, elitäres Privileg an. Es mag sein, dass viele skeptisch und überzeugt sind, sich das nicht leisten zu können. Ohne den Sockel hehrer Kunst, der ihr als Ausnahme (vom mehrheitlichen Leben- und Arbeitsalltag getrennt) zugebilligt wird, überzustrapazieren, macht vielleicht das Sich-in-der-Zeit-zu-verlieren den kleinen aber entscheidenden Unterschied zwischen Künstler und den Anderen aus.

In Wenders Fotografien ist etwas von dem ganzen Bild hinter dem Ersten-Blick-Bild-Eindruck wahrzunehmen. Und manchmal, wie in Ferris Wheel, Armenia 2008 erweitert sich dann ein Bild durch den Gegenschuss – frontal versus revers fotografiert – zu einem Geschichten-Tableau. Oder in der Gegenüberstellung von Aufnahmen, die geografisch weit voneinander entfernten Motive zeigen, regen parallele Strukturperspektiven zum Vergleich an. Roller Coaster, Montréal, Canada, 2013 und Forest in Brandenburg, 2014 weisen zwar eine formale, künstlerische Ähnlichkeit in den Blickachsen aus. Unterschieden allerdings durch ihren funktionalen Habitus von Naturraum und (Event)Kulturraum.

In Elvis Inn, Jerusalem, 2000 oder Deep in the Railroad Tunnel, Wuppertal, 2010 kann man Wenders, der von sich behauptet, dass er der Geschichte der Malerei unendlich viel verdankt, im Gleichschritt mit Picassos Überzeugung – Ich suche nicht. Ich finde. – entdecken. Besonders eindrucksvoll ist das nicht geplante, das en passant entdeckende Finden in seiner Fukushima-Serie von 2011 zu erkennen. Dass die erhöhte radioaktive Strahlung im weiten Umkreis des havarierten Atomreaktors, die unmittelbar nicht zu sehen ist (auch nicht zu fühlen ist), im chemischen Prozess der Filmentwicklung als Sinuslinien auf den Abzügen sichtbar wird, demonstriert auf verblüffende Weise einen originären Erkenntnis-Mehrwert durch Kunst. Und noch ein zweites zeigen die Fotografien dieser Serie. Sie machen die spezifische Qualität der klassischen, nicht-digitalen Fotografie deutlich. Eine Digital-Kamera kann diesen chemisch bedingten Entwicklungsprozess keinen nachhaltigen, bildhaften Ausdruck geben.

Gleichzeitig haben Fotografien wie  Woman in the Window, 1999 oder Used Book Store oder Street Front (jeweils in Butte, Montana, 2000) in ihrer perspektivischen Motivsetzung parallele Anmutungen zu Arbeiten von Dennis Hopper. Wie Wenders die Verlorenheit von Menschen in der Weite der amerikanischen Landschaft in seinen Filmen immer wieder nachgespürt hat, so sind seine Fotografien komprimierte Erzählungen. Als übereinander gelegte Folien in einem einzigen Bild vereint.

Am Ende des Rundgangs gibt es mit der Fotoserie Wyeth Landscape 2000 noch eine besondere Entdeckung. Wenders bekennt in ihr nicht nur seine Wertschätzung für den in Europa weitgehend unbekannten Maler Andrew Wyeth (1917 – 2009). Sie sind darüber hinaus eine Hommage an den amerikanischen Mythos von scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und dem Risiko ihres Scheiterns. Die leeren, halb zerfallenen, vom Prärie-Gras schon fast zugewucherten Häuser wirken in ihrer Leere wie Synonyme eines Scheiterns in lichtheller Erhabenheit.

Wer nach dem Ausstellungsbesuch im kleinformatigen Katalog blättert, der mit seinen Kommentaren zu Hintergründen, Gedanken und Reflexionen der Fotografien im extremen Gegensatz zu den riesigen, in Metern gemessenen Bildformaten in der Ausstellung steht, dem erweitert sich der Wenders-Foto-Kosmos zu Erzählungen über unser aller kleines Leben. Dass es wert ist, seine ganze, wahrhaftige Größe zu zeigen, beweist Wim Wenders mit Landschaften. Photographien nachdrücklich.

photo streaming In the Exhibition

08.06.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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