Der Auftrag bei den Ruhrfestspielen ruhrgebietstypisch kommentiert: Voll die Menge hier!

@ Dirk Dunkelberg

@ Dirk Dunkelberg

Wer einen Auftrag bekommt und ihn annimmt, wird zum Akteur im Sinne des Auftraggebers. Die Funktion einer Kaffeetasse ist zweckbestimmt. Um mit ihr einen Kaffee zu trinken, bedarf es einer Kaffeekanne, die die Tasse füllt. Ansonsten bleibt sie leer. Leer ihrer Bestimmung nach, wie jener Fußballspieler, der den Auftrag des Trainers Trapattonis, seinen Auftrag als Spieler zu erfüllen und entsprechend gut zu spielen, nicht nachkam. Sein Ärger über den nicht erfüllten Auftrag ist inzwischen legendär: Spieler schwach wie eine Flasche leer.

Jetzt ver-tanzen eine Kaffeetasse und eine Kaffeekanne auf der Bühne im Theater Marl Heiner Müllers Stück Der Auftrag – Erinnerung an eine Revolution. Die Frage: Wer schenkt ein und wem wird eingeschenkt?, hat offenbar Tom Kühnel und Jürgen Kuttner umgetrieben, um dem Müller-Text beizukommen. Ihre Inszenierung am Schauspiel Hannover, mit der sie jetzt bei den Ruhrfestspielen gastierten, mutet wie der Versuch an, die archaische Textstruktur, die philosophischer Exkurs und griechische Tragödien-Antizipation zugleich ist, in Form einer clownesk circensischen Revue-Collage zu belichten.

Zentrum ist die Tonbandaufnahme einer szenischen Lesung des Stücks von Heiner Müller selbst. Mitgeschnitten und hörbar auch Müllers Nachfrage am Anfang, ob Mikrofon und Lautsprecher richtig funktionieren würden, gibt sie den Ton der Inszenierung vor. Müllers Überzeugung, dass der Text klüger als der Autor ist, legitimiert die dramaturgische Linie von Johannes Kirsten. Sie entgeht dabei der Versuchung, die Zeit der Veröffentlichung des Textes 1978 (in der DDR) in der Zeitschrift Sinn und Form auf eine Prophetie des Untergangs von der Utopie einer Gesellschaft mit sozialistischem Antlitz zu reduzieren.

Der Text ist größer als die, wie die Geschichte immer wieder zeigt, kleinkarierten, letztlich zum Scheitern verurteilten Versprechen, mit einer Revolution würde alles besser werden. Dass Revolutionen ein brauchbares Mittel sein sollen, um den Unterdrückten und Geschlagenen, den Erniedrigten und Armen Recht und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, demaskiert sich häufig nur als ideologisch instrumentierte Selbstgerechtigkeit. Auch wenn, wie manche glauben, dass wahre Revolutionäre die Massen bewegen, bleibt die entscheidende Frage: Wer sind die Wahren und wohin bewegt sich wer?

Karl Marx‘ sogenannte 11. Feuerbach-These, dass die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert haben, es darauf ankommt, sie zu verändern, hat in den Geschichtsbüchern ihren festen Platz. In ihr schwingt untergründig ein potentieller Auftragston mit, der mit dem Live-Musik von Die Tentakel von Delphi (Sounddesign: Hannes Gwisdek) wie ein Kommentar den Müller-Text-Sound auf der Bühne begleitet.

Der Auftrag erzählt davon, Ideen der französischen Revolution nach Jamaika zu exportieren, um mit einem Handstreich die Sklaverei zu beseitigen, die allein schon deshalb scheitern müssen, weil sie auftragsleer geworden sind. Wie auf einem Jahrmarkt blinken zwar die Verheißungen LibertéÉgalité, Fraternité noch über der Bühne. Allein Napoleon hat mit dem 18. Brumaire 1799 als neuer Kaiser an solchen revolutionären Maximen kein Interesse mehr. Der ursprüngliche Auftrag bleibt mandatslos. Außerdem hat sich gezeigt, dass die von Sklaverei schon Befreiten sich ihrerseits in Gewalt und Mord orientierungslos verirren und sie sich eigentlich nach einer Ordnung sehnen, die ihnen vertraut ist; auch wenn sie auf Unterdrückung beruht.

Die revolutionären Abgesandten Debuisson, Galloudec und Sasportas realisieren spät, dass die Freiheit auch nur eine Hure ist. Der goldene Schimmer einer Utopie   schmilzt als leeres Versprechen wie Eis in der Sonne. Zeitebenen schieben sich übereinander. Traum und Wirklichkeit verspiegeln sich in trüben Facetten des Erhofften. Am Ende beschwört die Inszenierung die Ideengeschichte revolutionärer Praktiken nach Karl Marx durch seine Apologeten Stalin, Trotzki, Lenin und Rosa Luxemburg.

Das wird auf der Bühne, mehrfach überblendet und gespiegelt, mit Live-Video-Screening inszeniert (Video: Impulskontrolle). Die Spiellust, video-technisch zu punkten und zu beeindrucken, entgeht allerdings nicht immer einer redundanten Selbstverliebtheit.

Hat die erste Hälfte der Inszenierung eine revuehafte Überlast, die sich mehr und mehr in dramaturgische Sackgassen verliert, ziseliert Corinna Harfouch als jakobinische Analytikerin scherenschnittartige Arabesken  in den entleerten Auftrag. Wie sie den Fahrstuhl-MonologFünf Minuten vor der Zeit, ist die wahre Pünktlichkeit – paraphrasierend in einen argumentativ abwägenden Dialog überführt, ist Zeugnis ihrer großen Schauspielkunst. Sie ist der Garant für einen intensiven Theaterabend.

Ansonsten balanciert die Inszenierung als Polit-Revue auf einem schmalen Grat  zum Agitprop.  Sie setzt zentral auf die dunkel timbrierte, bedeutungsvoll raunende Stimme Müllers. Vom Band seine fragmentierte Lesung; auf der Bühne von den Schauspielern als sein figuriertes Alter Ego parallel und intermediär nach-sprechend. Zu hören ist aber vor allem original Müller. Die Inszenierung kokettiert in der Pose seiner Heldenverehrung. Wenn sein zur Ikone gewordenes Portrait, gerahmt von der Wand erhaben auf die am Boden liegenden Großkopfeten der sozialistischen bis kommunistischen Revolutionsideen herab schaut, schaut er gleichzeitig fragend ins Publikum.

Auf dem Weg zum Theater Marl staunten zwei junge Leute: Voll die Menge hier. Sie hätten, wenn sie in der Aufführung gewesen wären, vielleicht weiter ruhrgebietstypisch gestaunt: Kuck Dich dat an!

 11.06.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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