Entdeckung versunkener Welten: Farbfotografie und Musik im Rietberg-Museum

welt farbe msik

Sommerhitze in Zürich. Die Stadt gehört allein japanischen Touristen. Da ist der Rietberg-Park gerade der richtige Ort, um sich im Schatten der Bäume auf der Wiese hoch über der Stadt zu entspannen. Aber der Ort hat noch mehr, um den Alltag anders zu sehen und zu hören.

Die Festspiele Zürich 2015 haben unter dem Motto Geld, Macht, Liebe – Shakespeare und andere Gewalten eine Expedition zu den Wurzeln unserer europäischen Kultur organisiert. Es ist eine Reise von der Renaissance, eine Geschichte des Aufbruchs über die Jahrhunderte in der Musik und in den Bildern bis in die heutige Moderne.

Unter dieser Konstellation ergeben sich im Rietberg-Park inspirierende Verschränkungen der Wahrnehmung. In der ersten Juli-Woche kann man abends im Sommerpavillon des Museums Rietberg hören, wie es klingt, wenn Renaissance meets Jazz & Improvisation passiert. Wer vorher noch durch die Ausstellung Welt in Farbe des Museums geht, hat einen doppelten Gewinn.

Als der französische Philanthrop Albert Kahn vor mehr als 100 Jahren Fotografen in die Welt schickte, um ein farbiges Bild von Leben und Kultur, auch von damals noch wenig erschlossenen Gegenden zu gewinnen, war Neugier und Interesse, verbunden mit Leidenschaft für das weithin Unbekannte, seine wesentliche Antriebskraft.

Wenn sich jetzt im Sommerpavillon der Posaunist Samuel Blaser zusammen mit Benoît Delbecq (Piano) und Gerry Hemingway (Schlagzeug) zu einer musikalischen Expeditionsreise zur Musik von Guillaume de Machaut (ca. 1300 – 1377) und Guillaume de Dufay (ca. 1400-1474) unter dem Titel FOURTH LANDSCAPE – A Mirror To Machaut verabredet haben, ist ihre Motivation überraschend ähnlich. Keine philanthropische, aber eine musikalisch hoch dimensionierte, eine in the fourth landscape reichende. Ein lyrischer Transfer von der mittelalterlichen ars nova mittels Improvisation in ein heutiges Nachlauschen.

Die Welt in Farbe ist ein Kaleidoskop kultureller Vielfalt in Bildern, wie Renaissance meets Jazz & Improvisation in Tönen. Die melancholisch geradezu anrührende Unschuld, die einem in den Fotografien unmittelbar anspringt, hat sie mit Beginn des 21.Jahrhunderts verloren. Radikale gesellschaftliche Umbrüche sowie Kriege haben vieles von dem verändert, ausgelöscht und vernichtet, was Stéphane Passet noch in Paris. Eine Familie in der rue du Pot de fer oder Auguste Léon in Mostar: Alte Brücke 1913/14 gesehen haben. Eine versunkene Welt, von deren gelebter Wirklichkeit man beim Gang durch die Ausstellung den Eindruck hat, als läge sie viel weiter als erst 100 Jahren zurück.

Mit dem Samuel-Blaser-Trio wird eine noch viel weiter zurück liegende Zeit, eine ganz und gar versunkene Welt, die sich heute nur fragmentarisch rekonstruieren lässt, neu belebt. FOURTH LANDSCAPE – A Mirror To Machaut ist der glänzend gelungene Versuch, der Musik von Guillaume de Machaut und Guillaume de Dufay einen neuen Atem einzuhauchen. Ihre Kompositionen gewissermaßen in einem Heute-Spiegel zu reflektieren. Dem, was de Machaut als Hintergrund für seine Kompositionen mit le bien honneurs qui sont en amours bezeichnet hat, spürt das Trio mit einem kreativen Sound nach. Das Ergebnis ist ein flirrender, expressiver, emotional aufgeladener Klang, der den Sommerpavillon für Momente in einen meditativen Klangraum verwandelte.

Wenn Gerry Hemingway perkussiv mit an Gamelan-Musik erinnernden Klänge eine Vorgabe macht, die Benoît Delbecq mit seinem präparierten Klavier phrasiert und Samuel Blaser mit der Posaune die angebotenen Tonlinien aufnimmt, sie zu einem harmonikalen Zusammenspiel moduliert, hat die Musik phasenweise etwas geradezu Übersinnliches. Es ist mehr als ein ambitioniertes Musizieren. Es ist, als würden sie Unhörbares, nie zuvor Gehörtes hörbar machen. Aus dem Dunkel der Vergangenheit leuchten Klänge mit faszinierender Strahlkraft in die Gegenwart des Sommerpavillons 2015.

Wie jede Expedition ohne Risikobereitschaft scheitern muss, setzt ein Museums- und Konzertbesuch eine offene Neugier voraus, um das Gewohnte mit einer anderen Wahrnehmungsperspektive zu relativieren. Einige Konzertzuhörer hatten sich dabei offensichtlich selbst in ihrer Neugier getäuscht. Sie verließen das Konzert mehr oder weniger verschämt kopfschüttelnd. Die, die blieben, waren so tief in die Musik eingetaucht, dass sie sich am Ende des Konzerts einen Moment lang erst wieder in der normalen Welt zurechtfinden mussten.

Auch die Zahl der Ausstellungsbesucher in Welt in Farbe war überschaubar. Wer sich allerdings seiner Neugier hingab, den Kosmos des Archives de la planéte des Alber Kahn zu erkunden, dem boten sich eindrucksvolle Eindrücke von der Vielfalt der Kulturen der Welt. Kahns Hoffnung, dass die Ergebnisse seiner fotografischen, 20jährigen Expedition zu einem friedlichen Miteinander unterschiedlicher Kulturen mit beitragen würde, erfüllten sich, wie die Geschichte zeigte, aber nicht. Wie ein Schatten liegen die Zerstörungen am Ende des 20.Jahrhunderts hinter den Fotografien aus Kroatien, Serbien oder Bosnien-Herzogewina.

Betrachtet man einzelne Portraits unter sozio-kulturellen Perspektiven, so lassen sie ahnen, wie Menschen, die nie eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben hatten, für Machtansprüche von wenigen Einzelnen missbraucht wurden. Mit hängenden Schultern, in demutsvoller Haltung hat Stéphane Passet einen Jungen Infantriesoldaten in der Uniform des neuen Armeekorps in Shenyang (China) 1913 abgelichtet. Eine Schmiede, die Augste Léon 1913 in Prizren im Kosovo fotografiert, wirkt wie eine Metapher für Untertanen-Bereitschaft.

Samuel Blaser, Benoît Delbecq und Gerry Hemingway könnte man sich auch in Welt der Farben gut vorstellen, dass sie, ebenso wie in FOURTH LANDSCAPE – A Mirror To Machaut eine versunkene Welt neu zum Klingen brächten.

photo streaming „Samuel-Blaser-Trio“

07.07.2015

 

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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