Romeo und Guiletta – Ein Nekrolog nach Bellini

thumb_bVxp9Z_resize_900_0

Wie viele Generationen haben mit Romeo und Julia nicht schon gebangt und gehofft? In der Regel wird die Geschichte mit William Shakespeares gleichnamigen Drama verbunden. Die diesjährigen Festspiele Zürich finden noch bis zum 14.Juli 2015 unter dem Motto Geld, Macht, Liebe – Shakespeare und andere Gewalten statt. Naheliegend, dass das Opernhaus Zürich mit Vincenzo Bellinis Oper I Capuletie e I Montecchi einen Beitrag ausgewählt hat, der dazu zu passen scheint.

Allerdings ist es so, dass diese Oper, weil sie kaum im Repertoire von Opernhäusern weltweit vorkommt, relativ unbekannt ist. Andererseits geht die Dramaturgie der bekannten Shakespeare-Geschichte, die auf einer noch viel früheren Geschichte aufbaut, im Libretto von Felice Romani einen ganz eigenen Weg. In Bellinis Oper gibt es keine Balkonszene, keine Liebesszene, keine Kampfszenen. In I Capuletie e I Montecchi wird die Geschichte der letzten 24 Stunden von Romeo und Guiletta erzählt.

Nach La Straniera führen Fabio Luisi und Christof Loy mit I Capuletie e I Montecchi ihren Bellini-Zyklus fort (vgl. La Straniera – eine Bühne für Edita Gruberova am Opernhaus Zürich vom 19.07.2013). Bellinis Komposition steht hier exemplarisch für einen musikalischen Ausdruck, der den Intentionen des Dramas folgt. Die für Bellini typischen Stimmfärbungen, die in der Komposition mit ausgedehnten Pausen und Soli-Passsagen ohne orchestrale Begleitung ausgebreitet sind, gestaltet Luisi mit der Philharmonia Zürich in achtsamen Differenzierungen. Er vermeidet sentimentale Sackgassen, ohne emotionales Ergriffensein auszuschließen.

Seine orchestrale Linienführung bereitet für die Solisten einen prädisponierten Klangraum. Der vorgespielte Sound ist eine funktionale wie dramaturgische Vorgabe. Vor allem dann, wenn die Solisten allein singen. Bellinis minimalistische, zuweilen kammermusikalisch anmutende, intime Kompositionsanlage hat bezaubernde Melodien hervorgebracht. Giulettas erster Auftritt Eccomi in lieta vesta ist ein Beispiel für einen sich mit reich verzierten Vokalisen aufbauenden Klang von Pathos und Emotion.

Die junge Sopranistin Olga Kulchynska als Guiletta lässt mit den ersten Tönen aufhorchen. Es ist, als hörte man leise seufzende Verzweiflungstöne aus einer verschlossenen Tiefe. Nach wenigen Takten erreicht Kulchynska eine überzeugende Präsenz, die in einem verblüffenden Kontrast zu ihrer Jugendlichkeit steht. Jung dem Alter nach, aber unglaublich souverän in ihrer Rollengestaltung. Von vielen erst gereift erreicht, scheint es bei ihr als das Selbstverständlichste. Nicht prätentiös genial, eher natürlich unverstellt, vollkommen wie von selbst.

Mit dieser sängerisch und spielerisch überzeugenden Performance ist sie in der Inszenierung von Christof Loy nicht allein. Nicht nur Joyce DiDonato, von vielen als die Mezzosopranistin auf den Opernbühnen weltweit gerühmt, in der Hosenrolle des Romeo, ist mit Kulchynska die Protagonistin einer präzis konturierten Inszenierung. Die der Partitur zugrunde liegende Virilität ihre Rolle nimmt sie ebenso Bellini like wie Giuletta mit ihrem ersten Einsatz auf. Kraftvoll stimmt sie das Arioso Lieto del dolce an, das in der Typik von rezitativischen und arienhaften Gesang Se Romeo t’uccise un figlio behauptet. Von da an stürmt ihr Mezzosopran drängend, hoffend und verzagend, fast ansatzlos aus dem Unhörbaren kommend bis in die Selbsttäuschung des absehbaren Endes.

Auch Benjamin Bernheim ist als Romeos Gegenspieler Teobaldo ein weiterer Garant für die Qualität der Aufführung. Kämpferisch mutig, andererseits aber auch reflektiert nachdenklich, hat sein Tenor die dafür notwendige Beweglichkeit. Neben Kulchynska die Entdeckung des Abends.

Er bekommt auch als erster Szenenapplaus für seine ahnungsvoll unerfüllt bleibende Liebeshoffnung L’amo, ah! L’amo. Aber in ihm liegt auch das Problem dieses Abends. Das Publikum scheint nicht nur in Zürich süchtig nach Applaus zu sein. Man kann es Unsitte nennen oder auch Selbstinszenierung. Ärgerlich ist es jedenfalls, wenn das dauerapplaudierende Publikum die musikalische Linie in eine Generalpause zwingt.

Szenenapplaus für Bernheim ist, als folge es einer vom Publikum geschriebenen Dramaturgie, das Initial für sich aneinander reihende Applaus-Orgien. Fabio Luisi kann sich mitunter nur erwehren, indem er in den Applaus hinein einsetzt. Die musikalische Werthaltigkeit ist beeinträchtigt, ohne dass das Orchester etwas dafür kann.

Dabei legt die Inszenierung von Christof Loy nahe, sie in ihrer kaleidoskopischen Rückblendestruktur in einer ganzheitlichen Aufmerksamkeit wahrzunehmen. Räume, von Christian Schmidt als morbide, hierarchische Macht- und Zwangsräume gebaut, die sich vorwärts und rückwärts auf einer Drehbühne öffnen, sind für Loy nicht nur Spielflächen, sondern obsessive Narrative. Assoziationsräume, die Giulettas Vorgeschichte bruchstückhaft andeuten.

Für den von Giuletta gegenüber Romeos liebesrettenden Fluchtwerben merkwürdig anmutender Vorbehalt ihrer Vaterehre – Deh! Padre mio fleht Giuletta im Angesicht des Todes; Kulchynska gelingt hier einer der berührendsten Momente der Aufführung – legt Loy mit tableux vivants eine Missbrauchsvermutung nahe.

Capellio, Guilettas Vater und Oberhaupt der Capuleti verharrt, stehend gebeugt, mit gelöster Krawatte und geöffnetem Hemd hinter der kindlichen Tochter im Badezimmer. Die Geste, mit der sie zuvor zu sehen ist, wie sie träumerisch abwesend Locken mit ihren Fingern aufwickelt, markiert prototypisch die Vorgeschichte.

Alexei Botnarciuc‘ Capellio ist ganz Machtmensch. Als Oberhaupt des Capuleti-Clan und als Mann in der Familie. Alle sind ihm Untertan. Gefühle lässt er nicht zu. Der Bass von Botnarciuc transportiert eine triumphalische Attitüde einer selbstgewissen Männergesellschaft, die in der Dominanz des Männerchores seine Entsprechung hat. Jürg Hämmerli hat den Chor der Oper Zürich in eine entsprechend martialische Gesangsformation mit hohem Vehemenz-Faktor gebracht.

Auf den in I Capuletie e I Montecchi nachgezeichneten letzten Stunden von Guilleta und Romeo liegt ein böser und tragischer Schatten. Um ihn sichtbar zu machen, hat Loy für seine Inszenierung einen Begleiter erfunden. Gieorgij Puchalski spielt ihn als androgyne Figur. Stumm, zeitlupenhaft stringent, öffnet und schließt er in schicksalhafter Gewissheit Türen und Fenster. Sie führen nicht ans Licht. Es sind Schattenräume. Der Tod, nur ein tragisches Missverständnis?

Viel Jubel auch am Ende. Dass ihn sich Kulchynska und DiDonato mit Bernheim teilen müssen, war dann nach seinem kapitalen Rollendebüt keine Überraschung. Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich wurde nicht weniger applaudiert. Vielleicht auch Respekt und Anerkennung für das bisher äußerst gelungene Projekt Bellini-Belcanto-Zyklus an der Oper Zürich. Auf eine mögliche Fortführung darf man gespannt sein.

06.07.2015

 

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Oper veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s