Liebermann und Van Gogh – Die Geschichte einer verpassten Begegnung

Vincent van Gogh Kopf einer Bäuerin, 1885 © Sammlung E. G. Bührle, Zürich

Vincent van Gogh
Kopf einer Bäuerin, 1885
© Sammlung E. G. Bührle, Zürich

Große Namen ziehen Menschen fast magisch an. Auch Kunstausstellungen vertrauen darauf. Blockbuster-Ausstellungen sind die Folge. In Berlin ist in der Alten Nationalgalerie mit Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende (vgl. Kunstwende: Ja oder Nein? – Man sieht das, was man sieht vom 30.07.15) ebenso ein Renner, inklusive Schlange stehen (noch bis 20.09.2015), wie es Paul Gauguin in der Fondation Beyeler in Basel-Riehen in der ersten Jahreshälfte 2015 war (vgl. Paul Gauguin zwischen Genie und Wahnsinn traumverloren in der Fondation Beyeler in Basel/Riehen vom 01.04.2015).

Neben den großen Museen gibt es in den kleineren oftmals Preziosen zu entdecken, die es lohnen, sie sich genauer anzuschauen. Die Liebermann-Villa am Wannsee in Berlin ist ein solcher Ort. Jetzt ist dort in einer kleinen, liebevollen sowie instruktiven Ausstellung Liebermann und Van Gogh zu erfahren, welche Wege Maler gegangen sind, die später groß geworden sind. Das ist durchaus spektakulär und erkenntnisreich, ohne einen Besucher-Ansturm auszulösen.

Das hat natürlich viel mit der Liebermann-Villa und ihrer Lage selbst zu tun. Nach jahrzehntelanger Nutzung des Grundstücks durch den Deutschen Unterwasser-Club (DUC) ist es dank der engagierten Initiative der Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e.V. inzwischen wieder ein Ort der Kunst. Es hat eine ungeheure  Faszination,  durch den zum Wannsee gelegenen Gartenteil mit den Landschaftsbildern von Liebermann im Kopf zu gehen und sie mit der Gartenrekonstruktion zu vergleichen. Es gibt wohl nur wenige Künstlerwohn- und Arbeitsorte, die eine so lebendige Authentizität ausstrahlen.

Zusammen mit dem vor dem Haus liegenden Blumen- und Kräutergarten ist die Liebermann-Villa in den letzten Jahren immer mehr zu einem Ort geworden (für manche vielleicht sogar immer noch ein Geheimtipp), wo Kunst, Leben und Natur als wunderbare Einheit zu erleben sind.

Begegnung mit Kunst in einer solchen Wohlfühl-Oase mag für den einen oder anderen nicht unbedingt die ausschließliche Motivation für einen Besuch sein. Aber es kann sicher für jene zu einer schöner Verführung werden, sich der Kunst zu nähern; für die anderen sowieso die verlässliche Gewissheit, Max Liebermanns Malerei unmittelbar wahrzunehmen, zu vergleichen und zu genießen.

Häufig begegnet man ihm dabei nicht allein. Was die Sache nicht nur interessanter macht, sondern immer wieder Anlass gibt, sich erneut auf den Wag nach Wannsee zu begeben. In der Begegnung mit anderen künstlerischen Arbeiten erweitern sich im Dialog auch die Perspektiven auf sein bildkünstlerisches Werk. Wo man glaubte, alles schon zu wissen, tun sich neue Fenster auf. Es spricht letztlich für die Qualität der Arbeiten, wenn sie immer wieder neue Facetten offenbaren

Angesichts  kaum noch zu überschauender Kunstausstellungangeboten allein in Deutschland und der Schweiz fragt man sich mitunter, welchen Weg eine Idee für eine Ausstellung bis zu ihrer Präsentation gehen muss, um, wie jetzt in der Liebermann-Villa zu sehen, in kunstgeschichtlich scheinbar ausgeleuchteten Werken von Max Liebermann und Vincent van Gogh noch neue Aspekte zu finden.

Das Jubiläum des 80. bzw. 125.Todestages mag ein vordergründiges, kuratorisch aber kein leitendes Motiv gewesen sein. Es ist vielmehr das, einer verpassten Begegnung in der holländischen Provinz Drenthe. Wäre sie passiert, hätte die Kunstgeschichte zwar nicht umgeschrieben werden müssen. Aber Aspekte beispielsweise von Linie und Farbe hätten eine Zäsur gesetzt, die die sogenannte Kunstwende Impressionismus versus Expressionismus heute möglicherweise in einem anderen Licht erscheinen ließe.

Seit Beginn der 1870ger Jahre fuhr Liebermann im Sommer häufig in eine holländische Landschaft, die ihn in der Auseinandersetzung mit Arbeiten von Jacob van Ruysdal und Meindert Hobbema inspirierte. Gleichzeitig spielte sich das pralle ländliche Leben unmittelbar vor der Haustür ab. Hier fand er Sujets, wie Holländische Frau am Fenster (1903) oder Junge Mutter unter Bäumen (1882), die seinen Ruhm als Maler des durch Handarbeit bestimmten Alltags mitbegründeten.

Zehn Jahre später begann Vincent van Gogh – Zufall oder nicht – in eben jener Region, seine malerische Handschrift auszuprobieren. 1883 hörte er von Liebermann und seinen Arbeiten vor Ort. Die Rasenbleiche (1982), die Liebermann im Pariser Salon 1983 ausgestellt hatte und im Katalog publizierte wurde, hatte bei van Gogh den Wunsch ausgelöst, Liebermann kennen zu lernen. In einem Brief an seinen Bruder Theo vom 13.Oktober 1883 schreibt er: Wie man hört, soll Liebermann in der Nähe sein. Ich möchte ihn gern mal begegnen.

Als er im Herbst 1883 in Zweeloo ankam, war Liebermann nicht mehr da. Er ließ sich aber den Garten zeigen, der ihm als Vorlage für Die Rasenbleiche diente. In der Ausstellung ist von van Gogh aus der Rasenbleiche-Perspektive eine Federzeichnung Obstgarten (1883) zu sehen. Sie ist ein anrührendes Dokument einer verpassten Begegnung zweier großer Künstler, über deren nachhaltige Wirkung auf die Malerei des jeweils anderen nur spekuliert werden kann.

Nicht spekulativ, sondern mit staunender Verblüffung sind in der Ausstellung ähnliche bis vergleichbare Motive und Perspektiven in ihren Darstellungen von Land und Leuten zu sehen, obwohl sie sich nie sahen und sich deshalb auch nicht über die Hintergründe ihrer Motivwahl austauschen konnten.

Die Hängung der Ausstellung ist konzeptionell und museumspädagogisch eindrucksvoll, weil sie in der unmittelbaren Gegenüberstellung sowohl einen detaillierten Vergleich ermöglicht und gleichzeitig deutlich macht, welche künstlerisch unterschiedlichen Wege van Gogh und Liebermann nach dieser Drenthe-Zeit gehen werden.

Max Liebermanns Nähstube (um 1890) neben van Goghs Die Näherin am Fenster (1881) funktioniert wie eine Weggabelung. Der eine geht seinen Weg, gesäumt von idyllischer Verklärung des Alltags im Tätigsein. Der andere schaut sich beim Weitergehen immer wieder um, als ob er sich vergewissern wolle, was die Menschen in ihrem Inneren bewegt, denen er ihnen begegnet. Ähnlich der Dialog Der Weber (Liebermann, 1882; van Gogh, 1884) – noch deutlicher bei van Goghs Weber nach rechts gewandt (1884). Lob des Handwerks auf der einen Seite, andererseits der Blick nach Innen.

Motivische Ähnlichkeiten und unterschiedliche Akzentuierungen in den bildkünstlerischen Realisierungen von Max Liebermann und Vincent van Gogh in einer wichtigen Phase der Kunstgeschichte zwischen der Schule von Barbizon und der Haager Schule zu einem Ausstellungsprojekt 2015 zu machen, ist nicht ohne Risiko. Schnell könnte der Verdacht aufkeimen, mit name dropping zu antichambrieren.

Dass dem keineswegs so ist, sondern die Ausstellung in der Liebermann-Villa eine Entdeckung und ein Angebot ist, sich überraschen zu lassen, davon kann man sich noch bis zum 10.August 2015 überzeugen.

23.07.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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