Montreux Jazz Festival 2015 – What’s up with the music?

@ Peter E. Rytz

@ Peter E. Rytz

Montreux war auch diesem Jahr wieder Wallfahtsort für Musikfans aus aller Welt. Offiziell auch in der 49.Ausgabe als Montreux Jazz Festival bezeichnet, ist es schon lange kein reines Jazzfest mehr. Jazz und Artverwandtes würde es eher treffen.

Schaut man sich das Programm der letzten Jahre an, so setzten die Programmmacher auch in diesem Jahr auf einen bunten Stil-Mix. Musik in ihrer Vielfalt von Melodischem, Experimentellem und Improvisatorischem. Die immer wieder zu hörende Formulierung,  Montreux sei der Schmelztiegel der Weltmusik, ist eher Ausdruck einer euphemistischen Attitüde des Moments, die sich vor Ort emotional von der sommerlichen Stimmung überwältigen lässt. Musikalisch breit gefächerte Musikangebote in einem Festival, das, wie in Montreux eine programmatische Linie in seinem Namen führt, steht damit immer in der Gefahr, sich in Beliebigkeit zu verlieren.

Jazzfans finden im  Montreux Jazz Club jene klassisch anmutende Clubatmosphäre, die die diese Musik braucht. Während es dort eher familiär zugeht, feiern im Auditorium Strawinsky bis zu 2000 Besucher gestandene und neu entdeckte  Pop-Stars. The Rock Cave ist der Ort, wo sich jene, die es rockig bis ekstatisch mögen, zusammen finden. Rockparty pur bis in den Morgengrauen.

Neben diesen Locations, in die man nur mit bis zu mehreren Hundert Franken teuren Eintrittskarten hineinkommt, gibt es den populären, kostenfreien Ort Music im Park.  Entspannt im Gras liegend oder sich an Biertischen sitzend mit Getränken und Snacks zu stärken, ist die Musik für einige nur ein Teil der sommerlichen Montreux-Party.

Dabei sind musikalische Entdeckungen zu machen, auf die man trotz unablässigen Kommens und Gehens vor der Bühne für einen Moment aufmerksam stehen bleibt und genauer hinhört. Der Auftritt des Glenelg High School Ensemble aus Maryland (USA), geleitet seit Jahrzehnten von seinem spiritus rector Barry Enzman, war so einen magischer Montreux-Moment. Ihr Sound, unbekümmert, jugendlich frisch, musikalisch ambitioniert, american cool like, legte sich über den Park als sommerliche Kopf-Entlüftungs-Musik. Bei den nahezu tropischen Temperaturen genau die richtige Windstärke.

Aber ein Großteil der Besucher, so der Eindruck, kommt nicht allein (wenn überhaupt) wegen der Musik. Die sich kilometerlang an der Promenade des Lac Leman entlang ziehenden Verkaufsbuden wirken wie ein Magnet. Klamotten und Modeschmuck, Schnellzeichner und Rast-Zöpfchen-Flechterinnen, Jongleure und Straßenmusiker neben Pavillons, wo man zwischen Gourmet- und Döner-Angeboten ebenso auswählen kann, wie zwischen Sekt und Bionade.

Auch hier findet jeder etwas, inklusive von Bude zu Bude wechselnder Musik. Manchmal nervig aufdringlich, laut und aggressiv; dann wieder einschmeichelnd leise, elegisch verträumt. Auch das gehört zu Montreux in diesen Tagen.

Nichtsdestotrotz waren die Konzert-Locations Montreux Jazz Club und Auditorium Strawinsky, natürlich die Orte, die am repräsentativsten für das besondere musikalische Flair und die Qualität des Festivals sind.

Wie differenziert musikalischer Anspruch neben choreografierter Show standen, war beispielsweise zu hören, zu sehen – auch zu bestaunen -, als Tony Bennett & Lady Gaga ihr bizarres, intergeneratives Musik-Potpourri im Auditorium Strawinsky zelebrierten, improvisierte das Christian McBride Trio im Montreux Jazz Club feinsinnige Jazzlines. Der Unterschied hätte nicht größer sein können. Oben enthusiasmierte Party-Mitmach-Stimmung im XXL-Format; unten ein aufmerksames Ohren-Spitzen.

Christian McBride spielte einen groovenden Bass, gab Soundlinien vor, die Christian Sands, ein Pianist mit jugendlich sprudelnder Energie in genialen Kaskaden zu den rhythmischen Beats von Jerome Jennings (dr) weiterfließen ließ. Dabei wahrte McBride in seiner initiatorischen Zentralposition am Bass eine demokratische Balance, die sowohl Sands als auch Jennings den Raum gab, um eigene Idee zu entwickeln und sie zu einem überzeugenden Trio-Klang zu verbinden.

Während es im Jazz Club Lizz Wright nach dem McBride Trio durchaus schwer fiel, den in ihm noch wie ein fernes Echo nachhallenden Sound mit ihrem Ton wegzuwischen, befeuerte Lady Gaga ihr Image. Im Montreux Jazz Chronicle war am nächsten Tag zu lesen: A real fashion show! Tonight, Lady Gaga changed outfit eight times and haircut five times. Gesungen und performt hat sie aber auch noch.

Lizz Wright, die mitunter befremdlich in exponierter, selbstgewisser (Nach)Lässigkeit sang, hatte eine Band mit qualitativ sehr unterschiedlichen Musikern an ihrer Seite. Nicolas Charles D’Amato improvisierte farbig exzellente Basslinien. Der Gitarrist Christopher David Rosser, der anfangs unaufgeregt, geradezu bieder daher kam, explodierte danach mit feinsinnigem Gespür für den Sound. Im Gegensatz zu diesem musikalisch ambitionierten Spiel  verlor sich Kenneth Allen Banks (keys) in einem musikalisch dürftigen, hedonistisch leerlaufenden Aktionismus. Hokuspokus statt Esprit.

Ähnlich kontrastierend die Solo-Auftritte von Mariam the Believer, Nils Frahm und Damian Rice an dem Tag im Auditorium Strawinsky, wo zeitgleich Hugh Coltman einen musikalisch sehr überzeugenden Auftritt mit Shadows – Songs of Nat King Cole im Jazz Club hatte. Misja Fitzgerald Michel (git), Gael Rakotondrabe (p), Laurent Vemery (b) und Raphael Chassin(b), jeder für sich, wie man in den Soli hören konnte, exzellente Musiker, breiteten der Stimme von Coltman einen Sound-Teppich aus. Gemeinsam nutzten sie ihn für ein tonschönes Konzert.

Es fällt schwer, Gründe, musikalische Begründungen zu finden, warum der exaltiert manierierte Gesang von Mariam the Believer ebenso wie der von elektronisch riesig aufgerüstetem Instrumentarium (Grand Piano, Upright Piano, Juno 60, Meutron, Space Echo, Wood Organ, Fender Rhodes, Moog Taurus!) produzierte Sound von Nils Frahm sowie der melancholische Singsang von Damian Rice Massen im Auditorium Strawinsky begeisterten.

Vergleichbare Ratlosigkeit beim Konzert von Dianne Reeves unten im Club. Es macht misstrauisch, wenn das Geschichtenerzählen gegenüber dem Gesang quantitativ im Ungleichgewicht ist. Reeves konnte die ihr angeheftete Ehrbezeichnung America’s first Lady of Jazz in diesem Gesprächskonzert jedenfalls nicht bestätigen.

Insgesamt konnte man den Eindruck haben, dass das 50.Montreux Jazz Festival im nächsten Jahr schon seine Vorboten gesandt hatte und als Erwartung über dem 49. schwebte. Das diesjährige Programm wirkte an einzelnen Stellen merkwürdig uninspiriert.

27.07.2014

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Über Peter E. Rytz Review

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