Kunstwende: Ja oder Nein? – Man sieht nur das, was man sieht

Claude Monet: Die Barke in Giverny (En norvégienne), um 1887, Detail Paris, Musée d'Orsay. Schenkung von Princess Edmond de Polignac, 1947 © RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay) / Hervé Lewandowski Franz Marc: Kühe, gelb-rot-grün, 1912, Detail © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

Claude Monet: Die Barke in Giverny (En norvégienne), um 1887, Detail
Paris, Musée d’Orsay. Schenkung von Princess Edmond de Polignac, 1947
© RMN-Grand Palais (Musée d’Orsay) / Hervé Lewandowski
Franz Marc: Kühe, gelb-rot-grün, 1912, Detail
© Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

Kunstwende – und kein Ende absehbar. Schon Mitte Juli verzeichnete die Ausstellung Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende den 100.000ten Besucher in der Alten Nationalgalerie Berlin. Der Besucheransturm wird sicher bis zum Ausstellungsende am 20.September 2015 unvermindert anhalten.

Die Berliner Ausstellung ist in ähnlich ambitionierte und konzeptionell insistierende Ausstellungsprojekte eingebettet, als hätten sich Kunstmuseen in Deutschland und der Schweiz zu einer Kunstwende-Offensive verabredet.

Das Von der Heydt-Museum Wuppertal machte im Herbst 2014 mit Pissarro – Der Vater des Impressionismus (14.10.2014 – 22.02.2015) eine Vorgabe (vgl. Die Entdeckung Camille Pissarros als Père Pissarro für die Impressionisten und wo seine Spuren bis ins Heute reichen vom 12.02.2015), die die Fondation Beyeler Basel Riehen Mit Paul Gauguin (08.02. – 28.06.2015) mit einer hochkarätigen, in dieser Zusammenstellung kaum noch einmal zu sehenden Ausstellung fortsetzte (vgl. Paul Gauguin zwischen Genie und Wahnsinn traumverloren in der Fondation Beyeler in Basel/Riehen vom 01.04.2015).

Nimmt man noch die Ausstellung Monet, Gauguin, van Gogh….Inspiration Japan, die nach dem Museum Folkwang Essen (27. 9. 2014 – 1. 2. 2015) auch im Kunsthaus Zürich (20.02.2015–25.05.2015) zu sehen war (vgl. Japonisme als Vexierspiegel der Moderne im Museum Folkwang Essen vom 30.12.2014; Inspiration Japan – ein meditativer Atem im Kunsthaus Zürich, 25.03.2015) dazu, ergeben sie zusammen kunsthistorisch gewichtige Aspekte, die in Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende analysiert und reflektiert werden.

Wenn man so will, kommentiert die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie Berlin, ausgehend von Herwarth Waldens 1919 programmatisch formulierten Kontrapunkt Kunstwende 1918, ihre Vorläufer in Wuppertal, Basel, Essen und Zürich.

Entsprechend begrüßt Walden – Bronze-Skulptur von William Wauer (1917) – zusammen mit dem Impressionismus-Expressionismus-Protagonisten Auguste Renoir – Büste von Aristide Maillol (1908) – und dem Galeristen Verleger und Galeristen Paul Cassirer – Bronzebüste von Georg Kolbe (1925) – die Ausstellungsbesucher eingangs. Dieser dialogische Auftakt gibt dem Ausstellungsrundgang  Orientierung und Widerhall. Die von Philipp Demandt  und Angelika Wesenberg in einer Balance von künstlerischem Anspruch und opulenter Schaulust kuratierte Ausstellung sucht unter verschiedenen thematische Schwerpunkte nach der Kunstwende.

Dass letztlich kein exakter Wendepunkt zu markieren ist, wird am Ende des Rundgangs wie selbstverständlich einleuchtend. Der im politischen Kontext der neueren deutschen Geschichte gern verwendete Begriff Wende als Systemwende ist im Kontext von Impressionismus und Expressionismus eher ein gleitender Übergang. Eine verhaltene Zäsur, die Eindruck und Ausdruck nicht trennscharf auseinanderhält. Keine antithetische Polarisierung, sondern subjektive Individuation.

Wer in der Ausstellung die Kunstwende sucht, wird häufig eher irritiert als bestätigt. Während Claude Monet in Ansicht von Vétheuil (1880) mit leichtem, pastosen Farbauftrag eine Landschaftsstimmung malt, erzählt Edouard Manet in Beim Pére Lathuille, im Freien (1879) nahezu zeitgleich die Geschichte eines Charmeurs. Den Sohn des Kaffeehausbesitzers, von ihm argwöhnisch beäugt, zeigt Manet in einer der Dame zu gewandte Haltung, die die Stimmung des Bildes nach innen verlegt. Eine Geschichte in Variationen, die in ihrem weiteren Verlauf offen bleibt.

Geht man mit dem im Katalog von Karl Scheffler 1916 abgedruckten Versuch, Impressionismus und Expressionismus mit narrativen Zuschreibungen wie Naturalismus versus Romantik, Prosa versus Vers und Reim, Abstraktion vor der Natur versus Abstraktion von der Natur zu unterscheiden, durch die Ausstellung, wird schnell klar, dass Werthaltigkeit von künstlerischen Arbeiten nicht mit formalisierten Gegensätzen auszumachen ist.

Formalisierungen sind immer der untaugliche Versuch, etwas zu (er)klären, was nicht eindeutig zuordenbar erscheint. Da Lebenswirklichkeit in ihrer Vielfalt das nicht ist, nicht sein kann, sie aber viele Menschen gleichzeitig verunsichert, gibt es eine weit verbreitete, unterschwellige Sehnsucht nach Erklärungsmustern.

Die Ausstellung bedient sie intelligent nicht mit einem verdrucksten Kunstwende nein, ja, aber…. Sie gibt dem Ausstellungsbesucher vielmehr ein indirektes, reflexives Orientierungsmuster an die Hand. Motive der neuen urbanen Alltagswelt um 1900, die das Stadtleben ebenso in einem anderen Licht erscheinen lassen, wie sie die ländlichen Rückzugsorte der Stille und Muße en plein air beleuchten. Von Saal zu Sal wird man mit knappen, aber aufschlussreichen Texten durch thematische Haltepunkte geführt.

Die Ausstellungskonzeption ist zirkulär angelegt: Exzessives, hektisches Stadtleben erschöpft auch den robustesten Kaffehausbesucher und verlangt nach beruhigter, ländlicher Beschaulichkeit, umgeben von Blumen und Gärten. Vergnügen und Stille, Wirklichkeit und Traum sind in den existentialistisch geprägten Bildern deutscher Ernsthaftigkeit von Liebermann, Heckel oder Kirchner ebenso dargestellt, manchmal nur geheimnisvoll angedeutet,  wie in der französischen Licht-Leichtigkeit von Monet, Signac oder Renoir das Magische den Alltag überstrahlt.  

Paris und Berlin, die Metropolen pulsierender Modernität, sind deshalb auch die Orte, die Künstler magisch anzogen, da sie ihnen eine Palette von Bildmotiven gratis boten. Potsdamer Platz, von Ernst Ludwig Kirchner 19914 gemalt, erzählt von dem bunten und gleichzeitig harten Leben auf der Straße. Kreis und (Dreiecks)Lineatur arrondieren einen Stadtraum mit Verkehrsinsel (die erste Verkehrsinsel in Berlin überhaupt) und Fußgöngerübergang. Beide Substantive sind Ortsbeschreibung und Expression der zu sehenden Personen. Die Verkehrsinsel, möglicherweise seit Jahren als Standort bzw. Stammplatz für eine ältere Prostituierte, wird ihr von einen jüngeren streitig gemacht. Wer zu ihnen gelangen will, ihre Dienste in Anspruch nehmen will, muss die gerade Straße überqueren.

Potsdamer Platz von Kirchner kann man mit einer impressionistischen wie mit einer expressionistischen Perspektive sehen. Es bleibt das eine Bild. Eindruck und Ausdruck mischen sich vielschichtig.

Aber, und das ist das Aufregende und Anregende dieser Ausstellung, es werden auch beispielhaft Arbeiten gegenüber gestellt, die eindeutiger Im oder Ex sind. Kreuzende und fallende  Linien in Ernst Ludwig Kirchners  Nollendorfplatz (1912) erweitern die zweidimensionale Leinwand mit dem Faktor Zeit. Mit suggestiver Kraft scheinen sich Menschen und Straßenbahnen zu bewegen. In St. Germain l’Auxerrois (1867) von Claude Monet folgen die Proportionen des Bildaufbaus einer realistischeren, wenn auch flüchtigen Sichtweise.

Ein besonderer Wert der Ausstellung liegt darin, dass neben den üblichen Verdächtigen der Moderne, die in Ausstellungen, wie in den anfangs genannten, immer wieder auftauchen, Arbeiten von weniger bekannten Künstlern zu sehen sind. Jakob Steinhardt, Die Stadt (1913), Hans Herrmann, Der Potsdamer Platz (1884), Maria Slavona, Häuser am Monmartre (1898) oder Jacques-Mile Blanche, Jean Cocteau im Garten bei Offranville (1912) sind weit mehr als nur Ergänzungen. In ihnen treten Ambivalenzen zwischen Altem und Neuem, zwischen Impressionistischem und Expressionistischem vielleicht gerade deshalb so prägnant hervor, da sie als Unbekannte dem Ausstellungsbesucher kaum begegnen und sie deshalb genauer betrachtet werden müsssen.

Die Ausstellung zeigt einen lebenssüchtigen, manchmal geradezu enthemmten  Aufbruch in ein neues Zeitalter zu Beginn des 20.Jahrhundert. Gleichzeitig verschweigt sie nicht die apokalyptischen Visionen, die den Fortschrittsglauben esoterisch bis anthroposophisch vergeblich zu regulieren versuchen. Die Visionen zerbrechen in den Verwüstungen des 1.Weltkrieges.

Zwischen Sonnenaufgang (Otto Dix, 1913) über von schwarzen Vögeln bevölkerter Schneelandschaft und Der geblendete Simson (Lovis Corinth, 1912) entlässt die Ausstellung die Besucher desillusioniert. Wer mit einem weniger nihilistisch gestimmten Bild seinen Besuch beenden möchte, dem sei der Eingangssaal als Wiederholung empfohlen. Dort, wo die Ausstellungskonzeption mit der Badenden von Paul Cézanne ihren Ausgangspunkt hat.  Der Traum vom Paradies wird sich aber auch dann nicht in der Alten Nationalgalerie erfüllen – ansonsten gäbe es kein Paradies. Aber Dantes Worte aus Inferno: Ihr, die ihr hier eintretet lasst all Hoffnung fahren! finden in Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende jedenfalls keinen Fürsprecher.

30.07.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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