Mythische Begegnungen von „Weißer Mann“ – „Schwarzer Mann“ in der Fondation Pierre Arnaud

Vallotton FÈlix (1865-1925). Beauvais, musÈe dÈpartemental de l'Oise. INV91.18.

Vallotton FÈlix (1865-1925). Beauvais, musÈe dÈpartemental de l’Oise. INV91.18.

Nie war so viel Globalisierung wie heute. Das exotisch Fremde, einst interessiert und räsonierend von Europäern bestaunt, ist Teil des Alltags geworden. Probleme eines sozial verantwortlichen, von Humanität bestimmten Miteinanders inklusive, sind damit vorprogrammiert.

Von Schweizerischen Kunstmuseen scheint derzeit diesbezüglich eine kunstgeschichtliche Aufklärungsoffensive auszugehen. Während die Fondation Beyeler Basel-Riehen am Beispiel Paul Gauguin Reflexion und Selbstverständnis des eigenen Selbst in der Begegnung mit fremden Kulturen in der ersten Jahresshälfte zeigte (vgl. Paul Gauguin zwischen Genie und Wahnsinn traumverloren vom 01.04.2015), kann man im Kunsthaus Zürich in der Ausstellung Sinnliche Ungewissheit mit der Man Rays Fotografie-Ikone Noire et Blanche von 1926 eine direkte Linie zu der Ausstellung Homme Blanc – Homme Noir – Impressions d’Afrique in der Fondation Pierre Arnaud in Lens ziehen (noch bis 25.10.2015).

Antoine Goudard (Houdar) de la Motte konstatierte mit L’ennui naquit un jour de l‘uniformique den schleichend sich verbreitenden Überdruss einer satten Bürgergesellschaft im 18.Jahrhundert. Um diesem abzuhelfen, brauchte es das Besondere. L’extraordinaire leucht verheißungsvoll und geheimnisvoll zugleich hinter dem Horizont, den die Seefahrer mit ihren Expeditionen seit dem 17.Jahrhundert immer weiter in eine unbekannte Weite verschoben. Sie fanden dort unbekannte Früchte in paradiesisch anmutenden Landschaften. Und sie begegneten mit den dort lebenden Menschen dem Besonderen, das ihre Phantasien beflügelte, ökonomischen Verheißungen inbegriffen. Es war, als würde eine Tür zum Paradies geöffnet. Wie aus einem Füllhorn ergoss sich das Niegesehene über die europäischen Entdecker. Ein Kick, der in der westlichen Freizeitgesellschaft heute mitunter im Nachhinein wie ein Fluch erscheinen mag.

Ein Fluch sollte es vor allem für die Entdeckten werden. Der weiße Mann kam, sah und vereinnahmte als Naturwissenschaftler, Ethnologe, auch als Investor; der schwarze Mann rieb sich die Augen, sah sich bestaunt und nahm Zuflucht zu seinen Göttern  oder er versuchte durch Kopie und Nachahmung aus Schwarz Weiß zu machen. Beide lernten sich erst nach und nach, geprägt von den Bildern des Anderen im Kopf, kennen. Allerdings nicht auf Augenhöhe. Die Blickrichtung vom weißen Oben auf das schwarze Unten dominierte über Jahrhunderte. Erst mit den Befreiungskriegen in Afrika in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhundert verändert sich langsam die Perspektive.

Nicht, dass es nicht schon früher bildliche Aneignungen des weißen Mannes gegeben hätte, waren sie zuerst einmal ebenso holzschnittartig falsch, wie umgekehrt die weiße Aneignung des exotisch Schwarzen. Gewissermaßen im negativen Schlepptau eines erlebten Prestigegewinns mit einer Uniform inszenierten sich Stammeshäuptlinge als Le chef. Die Le-Cef-Fotografien von Armand Joseph Oscar Hutereau um 1900, die schon für sich allein eine entlarvende und makabre, autoritative Arabeske der Kolonialisierung sind, werden in der ambitioniert kuratierten Ausstellung (Kuratoren: Christophe Flubacher, Alain Weill, Nicolas Menut) mit skulpturalen Objekten 20.Jahrhunderts doppelt reflektiert.

Sculptue avec  haute-de-forme, Bidjogo aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkt, durch ein in eine Fotografie montiertes Ausstellungsstück wie eine doppelte Verneinung. Das Ursprüngliche, das hinter der Uniform Versteckte, sucht sich durch die angeschnittene, halbnackte Frau naturalistisch zu legitimieren. Mit dem Effekt, dass die Figur mit Uniform die Frau noch mehr in den Hintergrund verdrängt. Fotografie und Skulptur scheinheiligen sich gegenseitig: Akkulturation als Ausdruck einer Indoktrination auf dem Weg in eine europäisch verheißungsvoll anmutende Moderne.

Die Ausstellung legt den Finger in eine koloniale Wunde von hochaktueller Brisanz. Die seit Jahren anschwellenden Flüchtlingsströme, vor allem von Afrika nach Europa, können auch als später Reflex einer nie wirklich sozial wie kulturell (ökonomisch schon gar nicht) auf Gleichberechtigung basierende Wahrnehmung angesehen werden.

Exotika als Handelsware funktionieren bis heute. Mit der Banania-Werbung (Giacomo de Andreis, Exquis d´jeuner sucré) von 1915 wurde ein nachhaltiger Prototyp geschaffen. Der Schwarze Mann, als sogenannter stummer Diener in einzelnen Geschäften für ausgewählte Wohn-Accessoires heute noch zu finden, funktionalisiert als Objekt europäischer Freitzeitphantasien, wie in Automate pour un cirage (JAF, Paris, ca, 1930) oder mit Sellete représentant un négrillon, kann dann entsprechend kein Mensch wie der Weiße Mann sein. Er ist nicht nur anders; er wird eurozentristisch und manifest von vielen einem vorkulturellen Milieu per se zugeordnet.

Inwiefern synkretistische Darstellungen wie Mami Wata (Nigeria ou Bénin, 20.Jahrhundert), die selbstbewusst eine kulturelle Tradition behaupten, dem bis in die Neuzeit zitierten Typus des rohen, vor Muskelkraft strotzenden, potenten Schwarzen wie in Couple bantou (Arthur Dupagne, 1958) als eindimensionale Reduktion entlarven können, sei dahin gestellt.

In der Ausstellung sind Arséne Matton (Buste en platre, 1991), Georges Hamard (Femme Peulh, 1939), Anna Quinquaud (Jeune fille Hova, 1934) oder Jane Tercafs (Jeune fille Gpara, 1938) neben Dupagne mit ihren skulpturalen Arbeiten Protagonisten einer Haltung Les Africanistes. Une afrique noire et non pas blanche, wie Christophe Flubacher im Katalog formuliert. Sie muten wie Versuche an, bildnerisch etwas darzustellen, was fremd erscheint und bleibt. Häufig wirken die Ergebnisse wie eine Offenbarung, dem eigenen Mystizismus auf den Leim gegangen zu sein.

Die Stirnwand, der sich viele Ausstellungsbesucher nach einer Orientierungsphase als erstes zuwenden, weist ihnen mit Balthazar, ca. 1639 von Jacques-Albert Gérin mit Öl auf Leinwand gemalt und von Buste de femme noir sowie Buste d’homme noir (Italien 1709 Italien) flankiert, den Weg durch die Ausstellung. Mit dem 17.Jahrhundert begann eine Neuvermessung der Welt. Decartes aufklärerischer Imperativ Cogito ergo sum! verlor angesichts der exotischen Weltanverwandlung seinen Orientierungswert. So bunt, so fremd, so geheimnisvoll, so vielversprechend nahe dem Paradies: Dem Schwarzen Mann verlieh dies einen nomadisierenden Sehnsuchtsmythos.

Spätestens mit dem Ende des Kolonialismus drehte der Schwarze Mann die exotische Perspektive zugunsten einer ironisierenden Selbstvermarktung. Afrikanische Handwerkskunst bediente eine melancholische Sehnsucht des Weißen Mannes nach einem anderen, naturnahen, scheinbar authentischerem Leben.

Dass in der Ausstellung Holzfiguren als Souvenir-Massenware neben selbstreflexiven, künstlerischen Arbeiten wie Statuette „colon“. Cinéaste et personage filmé (Togo, 20.Jahrhundert) oder Hélicoptére équipe de lance-ruquettes (Nigeria, ca. 1960) zu sehen sind, ist Ausweis des erstarkten Selbstbewusstseins einer neuen Generation.

Die bemalte Holzskulptur Brigitte Bardot á cheval dans le film Viva Maria de Louis Malle (ca. 1970) kann man als Kommentar 100 Jahre nach Walter Scott Boyds Ölgemälde Guerrier africain von 1880 ansehen.

Geht man mit einer solchen dialogischen Empathie durch die Ausstellung, öffnet sie neben Momenten irritierender Betroffenheit über die eigene Enge des behaupteten freien Gedankens gleichzeitig einen erweiterten Blick auf die Moderne selbst.

Die Frau, die in Man Rays Fotografie Noire et blanche mit geschlossenen Augen im rechten Winkel zu ihrem Gesicht eine afrikanische Holzmaske dem Betrachter entgegenhält, macht in ihrer kontemplativen Versenkung ein Wahrnehmungsangebot, das seit 1926 weltbekannt ist. Wichtig wäre, und die Ausstellung Homme Blanc – Homme Noir – Impressions d’Afrique in der Fondation Pierre Arnaud appelliert dafür, dass die Welt diese Botschaft zur Kenntnis nimmt. Der Hoffnung auf eine bessere Welt wären wir einen Schritt näher.

photo streaming „Homme Blanc – Homme Noir“

02.08.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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