La Buena Fama Durmiendo – Sinnliche Ungewissheit im Kunsthaus Zürich

Robert Mapplethorpe Aus der Serie «Z Portfolio», 1979 – 1981 2 von 13 mit Selen getönten Abzügen, je 19 x 19 cm Privatsammlung © The Robert Mapplethorpe Foundation

Robert Mapplethorpe
Aus der Serie «Z Portfolio», 1979 – 1981
2 von 13 mit Selen getönten Abzügen, je 19 x 19 cm
Privatsammlung
© The Robert Mapplethorpe Foundation

Neulich im Radio, nur mit halbem Ohr zugehört, ließ das Wort Paradies aufmerken. Ein Pfarrer reflektierte, mehr als das er predigte, in der täglichen Morgenandacht über die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Liefen sie in Gottes paradiesischem Garten nackt und unschuldig umher, so wie er sie geschaffen hatte, bedeckten sie in der Welt ihre Nacktheit voreinander. Der Körper verschwand dahinter.

Nackt geboren, galt es fortan sich und die Welt bekleidet zu entdecken. Die Blöße, schamhaft versteckt, weckte aber gleichzeitig vielfältige Phantasien, wie es wohl dahinter aussehen mag. Geheimnisvoll verhüllt und verschlossen: Körper und Sexualität.

Seit jenem Tag der Vertreibung aus dem Paradies steht der Mensch in Versuchung, sich nackt zu erkunden. Das Nackte als das Ursprüngliche hat seine Faszination über die Jahrhunderte behalten.

Der Filmregisseur Thomas Koerfer ist schon vor Jahrzehnten vom Virus der Neugier infiziert worden, hinter dem nackten Körper den sinnlichen Momenten nachzuspüren. Seine jetzt im Kunsthaus Zürich mit ausgewählten Fotografien, Skulpturen, Gemälden und Videoarbeiten zu sehende Ausstellung Sinnliche Ungewissheit – Eine private Sammlung (noch bis 4.Oktober 2015) zeigt Zeugnisse künstlerischer Selbstbefragungen. Als Koerfer seine Sammlung aufbaute, boten sich ihm dafür qualitativ und repräsentativ entsprechende Arbeiten aus den vergangenen Jahrhunderten bis in die Moderne an.

Musste sich ein solcher Sammlungsschwerpunkt anfänglich noch mit voyeuristischen oder gar pornografischen Vermutungen auseinandersetzen, ihre Ernsthaftigkeit legitimieren, hat heute die multimediale und geradezu inflationäre Allgegenwärtigkeit von Bildern, sowohl bekleidet als auch unbekleidet, die Auf- und Erregungsschwelle weitestgehend zurück gedrängt. Wo früher prüdes Lamento mehrheitlich geteilt und, wenn auch oft scheinheilig, gelebt wurde, ist davon heute häufig nicht mehr als ein cooles Räsonieren übrig geblieben. Kein Bild, das noch nicht gemacht worden wäre.

Die damit einhergehende Entzauberung der Bilder ist allerdings nur eine scheinbare. Der Katalog, typografisch ebenso anspruchsvoll gestaltet, wie er zugleich lesefreundlich gedruckt ist, liefert viele kluge Argumente, die verhindern, in entsprechend vordergründige Wahrnehmungsfallen zu tappen. So trifft man immer wieder auf reflektierte Kernsätze wie, Der eigene Körper als der realste Ort menschlicher Existenz wurde … zum Ausgangspunkt und zur Strategie (künstlerischen) Arbeitens, die bei moralisch intendierten Verunsicherungen vor der einen oder anderen Arbeit Orientierung geben.

Beim Betreten der Ausstellung kann jeder nicht nur seinen Selbsttest machen; es ist ausstellungsdidaktisch offenbar sogar gewünscht, sich darauf einzulassen. Worauf richtet sich mein Blick beim Betrachten der Sammlungsobjekte? Welche voyeuristisch erotische Brille habe ich dazu aufgesetzt? Wie finde ich trotz bild-sexualisierten Anfechtungen und verführerischen Lolita-Perspektiven einen angemessenen dialogischen Durch- und Klarblick?

Klarheit verlangt manchmal Distanz, um wahrnehmend zu urteilen. Betroffenheit, ausgelöst durch Bilder, die Schamgefühl, wenn vielleicht nicht verletzen, aber doch angreifen, braucht ein Geländer, um nicht abzustürzen. Das ist eine zentrale Herausforderung, die jeder Besucher in der Ausstellung immer wieder aufs Neue zu bewältigen hat.

Zwischen uneingeschränkten Nackt-Schauen, wo intime Momente wie im Gemälde Limoges (2008) von John Currin oder in Jeff Koons Illona’s House Ejaculation aus der Serie Made in Heaven (Oil Inkjet auf Leinwand, 1995) hyperreal als Porno-Gratwanderung gezeigt werden und dem nicht-gegenständlichen Beautiful, Vaginal, Spiral, Escalating, Blood, Space, Escaping Painting von Damien Hirst von 1995, die sich erst in der Verbindung von Text und Bild assoziativ entschlüsseln, liegen sehr unterschiedliche Haltungen und Darstellungsformen. Ob sie dabei allerdings immer Ausdruck einer künstlerisch ambitionierten Selbstbefragung und nicht inszeniertes Art Bashing sind,  lässt sich nicht immer eindeutig beantworten. Es bleiben mit jeder Arbeit Momente sinnlicher Verunsicherung.

Dass die titelgebende Sinnliche Ungewissheit nicht schlüssig aufzulösen ist, wird im Dialog von Leben und Tod besonders deutlich. Der Schädel als Zentrum des Verstandes verliert mit dem Tod seine Funktion. Seine Form bleibt aber mehr oder weniger erhalten. Francesco Clemente hat in sein nacktes, vom Leben verrenktes Selbstporträt den eigenen Totenschädel hinein gemalt. Eros und Thanatos als Apotheose der Zukunft: Self Portrait with Skull (2002).

Clemente gegenüber hat Sherrie Levine einen Schädel aus Bronze in eine Glasvitrine gesetzt (Skull, 2001) – und ihn somit geadelt, gleichsam vor dem Zugriff von Zeit und Raum geschützt. In souveräner Selbstverständlichkeit, keiner künstlerischen Attitüde folgend, kommentiert eine anonym gefertigte Totenmaske aus Venedig des 18.Jahrhunderts diesen Dialog.

Es fällt auf, dass neben dem nackten Körper in den Fotografien von Robert Mapplethorpe als Körperskulptur oder in den Erkundungen von Körperöffnungen von Nobuyoshi Araki skulpturale Formstücke wie Jason Rhoades‘ polierter Aluminiumguss  Mecca Vulva, Sculpture to Illuminate Corner of Wall, 2003) sowie Gipsformen wie Lionheart (1999) von Sarah Lucas die Sinnliche Ungewissheit auf eine assoziative Wahrnehmungsebene transformiert werden.

Letztlich bezeichnen diese Arbeiten soziale Leerstellen. Trotz offener, kaum noch etwas verbergender Bilder ohne Grenzen wird die Einsamkeit in vielen Arbeiten der Ausstellung wie mit Händen greifbar.

Bevor man die Ausstellung verlässt, sollte man noch einmal die kleinformatige Fotografie von Manuel Álvarez Bravo aus dem Jahr 1939 betrachten. Vielleicht ist in La Buena Fama Durmiendo die sinnliche Ungewissheit auflösend unprätentiös und naiv, aber in entspannter Grazie zu finden: Schlafend in guter Gewissheit. Mein Körper gehört nur mir allein.

06.08.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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