Zwischen Kunst und Meteorologie: Ferdinand Hodler – Die Sammlung Rudolf Schindler im Musée Jenisch in Vevey

Portrait de Valentine Godè-Darel, de profil á gauche, vers 1908 @ Musée Jenisch Vevey. Photo Claude Bornand

Portrait de Valentine Godè-Darel, de profil á gauche, vers 1908 @ Musée Jenisch Vevey. Photo Claude Bornand

Manchmal sind Kunstmuseen nicht nur Orte, wo Kunst erlebt werden kann. In der Schwüle des diesjährigen Sommers regte ein Besuch im Musée Jenisch in Vevey am Genfer See nicht nur den Kopf an. Er erfrischte den ganzen Körper. Dank sei der Klimaanlage!

Ferdinand Hodler hat sich vor allem als Maler mit großformatigen expressionistischen Gemälden, wie Die Nacht (1889)  und Der Tag (1900) sowie Der Holzfäller (1910) oder Jüngling vom Weibe bewundert (1903) in die Kunstgeschichte eingeschrieben. Dass er auch ein akribischer Zeichner war, der in unzähligen Skizzen nach dem einen Ausdruck suchte, der für seine Malerei nicht nur Vorstudium war, ist einer breiten Öffentlichkeit weitestgehend verborgen geblieben.

Mit Die Sammlung Rudolf Schindler ist erstmals dezidiert in einer sorgfältig kuratierten Ausstellung im Musée Jenisch Hodlers Arbeit von der Zeichnung bis zum Gemälde nachzuvollziehen (noch bis 04.10.2015). Wobei die Präsentation weitestgehend voraussetzt, dass der Besucher die Gemälde kennt, die ihnen als Kompositions- und Figurenstudien mit Zeichnungen, mit Ölfarbe auf Papier, mit Aquarellfarbe und Gouache oder mit der Feder voraus gegangen sind.

Der 1914 geborene Maler und ehemalige Leiter der Schule für Gestaltung Bern und Biel Rudolf Schindler hat kurz vor seinem Tod im biblischen Alter von 101 Jahren seine mehr als 600 Hodler-Blätter umfassende Sammlung dem Musée Jenisch als Schenkung überlassen. In der Ausstellung ist eine exklusive Auswahl davon zu sehen.

Mit Stauen steht man vor immer wieder neuen Varianten und Perspektiven von zeichnerischen Annäherungen an Sujets, die Hodlermit offenen Augen die Dinge ansehen, von denen man entzückt ist – beschrieben hat. Ob es sich dabei um Landschaftsstudien oder um Portraitstudien handelt, immer ist in ihnen eine von Empathie und Emotion durchdrungene Aneignung zu spüren. Die expressive Intensität seines malerischen Duktus ist in der zeichnerischen Annäherung schon enthalten.

Von besonderer Intensität, die aus persönlicher Betroffenheit unmittelbar auf das Zeichenblatt übertragen zu sein scheint, sind die über 200 Skizzen und Zeichnungen geprägt, die den langsamen Tod seiner Geliebten Valentine Godé-Darel nach der Geburt ihrer Tochter Pauline dokumentieren. Sie muten wie der verzweifelte Versuch an, mit den Zeichnungen zuerst das Unabwendbare aufzuhalten. Als aber jede Hoffnung verloren ist, appelliert Hodler noch in den letzten Atemzügen an das Leben.

In Unvollendetes Bildnis von Valentine Godé-Darel und ihrer Tochter Pauline von 1914 mag man schon etwas von der wenig später erfolgten Krebserkrankung ahnen. Im Vergleich mit Bildnis von Valentine Godé-Darel im Profil nach links wird Anmut und Vergänglichkeit in ihrer widersprüchlichen Lebensbedingtheit sichtbar. Mit wenigen Strichen zeichnet Hodler 1909 ein Profil von klassischer, griechisch archaischer inspirierter Schönheit. Dem gegenüber gestellt ist die Studie für das Bildnis von Valentine Godé-Darel auf ihrem Totenbett, 26.Januar 1915. Hier kann man Hodlers Arbeitsprozess nicht nur in zeitlichen Abstufungen, sondern in seinen emotionalen Verschränkungen und Reflexionen nachzeichnen. Dass er über 50 Ölgemälde von seiner Geliebten geschaffen hat, kann man als einen malerischen Therapieversuch ansehen, Liebe, Leid, Trauer und Tod zu verarbeiten.

Geht man mit dieser exemplarischen beschriebenen Haltung durch die Ausstellung, sind die Zeichnungen mehr als nur Randnotizen zur Entstehungsgeschichte der bekannteren Gemälde. Anregend und aufregend zugleich, wenn man verfolgt, welchen langen Weg Figurenstudien zu Gemälden wie Aufbruch der Jenenser Studenten in den Freiheitskrieg 1813 und Der Jenenser Student (1908) gegangen sind.

Schindlers Sammlung beleuchtet über die Eckpunkte eines scheinbar bekannten kunsthistorisch allseits ausgeleuchteten Werks mit einem optisch gebeugten Lichtstrahl die dahinter liegende weiße Wand. Es ist, als würden die Spektralfarben erst damit vollständig.

In einem überaus informativen, die Ausstellung begleitenden Video erzählt Schindler von der Passion seiner eigenen künstlerischen Arbeit und von seiner Verehrung für Hodler. Ihn faszinierte es ganz offensichtlich, Hodlers häufig symbolistisch aufgeladene Arbeiten und den damit verbundenen Bildfindungsprozessen nachzugehen sowie die dabei verwendeten technischen Vorbereitungen, einschließlich der sogenannten Dürer-Scheibe neu zu entdecken.

Wenn man am Anfang des Ausstellungsbesuches für den technisch bedingten Abkühlungseffekt dankbar war, wich die Kühle wieder schnell einer zunehmenden körperlichen, von Innen kommenden Erwärmung.  Von Arbeit zu Arbeit gehend, angeregt von ihren aufregenden Hintergrundgeschichten, fühlte man, wie Wärme wieder vom Körper Besitz ergriff. Mit glühenden Ohren vor Bildern zu stehen, was könnte sich eine Ausstellung mehr wünschen?

Beim Verlassen des Musée Jenisch ergab sich damit allerdings das Hitzeproblem neu. Welchen Kompromiss die Besucher zwischen Meteorologie und Kunst gefunden haben, bleibt unbeantwortet.

 

26.08.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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