Via Crucis im spätsommerlichen Abendlicht

@ Peter E. Rytz 2015

@ Peter E. Rytz 2015

Der Spätsommer hat seine eigene Melancholie. Das Abendlicht leuchtet fahler als noch vor Wochen. Der Wind versprüht den Regen in feinen Tropfen.  Die Wärme des Bodens verdampft feuchte Nebelschwaden. Der Herbst kündigt sich an.

Wer am letzten Montag im Maschinenhaus der Zeche Carl in Essen saß, konnte mit dem Blick durch die hohen Bogenfenster etwas von dieser Stimmung schon spüren. Dem Gebäude, einem ehemals industriell genutzten Zweckbau, ist eine archaische Schönheit eigen. Rohe, unverputzte Steinwände sind technische Garanten für die Statik des Raumes. Gleichzeitig sind sie akustische Garanten für extraordinäre Konzerte im Rahmen der Ruhrtriennale.

Die spätsommerabendliche Stimmung draußen, verbunden mit der meditativen drinnen, fand mit dem Konzert Via Crucis eine reizvolle musikalische Entsprechung. Reinbert de Leeuw, einer der engagiertesten Entdecker musikalischer Pretiosen, die lange Zeit in Vergessenheit geraten waren, ist ein begnadeter Interpret, ob  als Pianist oder als Dirigent dieser Werke. Zusammen mit der ähnlich inspirierten Geigerin Vera Beths sind sie seit Jahren Botschafter einer Musik, die mit jedem Konzert auf der Suche nach dem reinen Ton zu sein scheint.

Diese Suche ist weit entfernt von Höllenfahrten, wie die Konzerte im Maschinenhaus während der diesjährigen Ruhrtriennale überschrieben sind. Außer man fühlt mit dem lange vom Konzertbetrieb wenig beachteten Spätwerk von Franz Liszt bis zu seiner Wiedererweckung eine Trauer über die Fährnisse von verlegten, weggelegten, abgelegten Kompositionen. Dass La lugubre gondola und La notte mit Via Crucis. Der Kreuzweg jetzt im Maschinenhaus, nach dem sie aus verstaubten Archivgründen ans Licht geholt worden sind, wieder funkeln, war auch den Zuhörern, Höllenfahrt hin oder her, anzusehen.

Spot-Scheinwerfer und Abendlicht malten gemeinsam auf Gesichtern zarte Linien eines tiefenentspannten Lächelns. Glücksgefühle, atemlose Stille, dass man teilweise Sorge haben konnte, das Atmen nicht zu vergessen,  legten sich  wie eine stumme Vereinbarung der Zuhörer über den Raum.

Mit dem ersten Anschlag von La lugubre gondola gab Reinbert de Leeuw das Maß von Zeit und Raum vor. In gedehnten Phrasierungen, die mit pointierten Generalpausen einen meditativ gestimmten Klang entwickelten, schienen die Gondeln in der Düsternis dahin zu gleiten.

Vera Beths ließ, erst in konzentrierter Aufmerksamkeit sitzend, dann im Aufstehen mit Geschmeidigkeit die Töne ihrer Violine auf der Gondel schweben. Das klang mitunter etwas unterkühlt, als würde man den Gondeln zuschauen, wie sie von Windböen gebeutelt würden. Zusammen mit den von de Leeuw  kontrolliert gestalteten Tempi-Wechsel von Larghetto und Adagietto zu Allegro con fuoco warf Behts Geigenklang Schatten auf La notte, während es draußen dunkel geworden war.

Nach der Pause spielte Reinbert de Leeuw  die Kreuzweg-Version Via Crucis von Franz Liszt. Die Fassung für Klavier solo ist erst 1980 (!) veröffentlicht worden. Mit welcher Leidenschaft, Liebe und Respekt sich de Leeuw Via Crucis angeeignet und zu seinen Konzertfavoriten gemacht hat, demonstrierte er mit charaktervollem Klavierspiel. Kontemplativ versunken im Klavier, umgab ihn mit der Zeit ein charismatischer, gleichwohl durch-hörbarer Schleier. Der imaginierte Stoff schien die Zuschauer einzuhüllen, sie in einer Gemeinschaft auf Zeit zu bannen.

Reinbert de Leeuw‘s Klavierspiel war allein der Suche nach dem schönen, vollkommenen Klang verpflichtet. Keine kalkulierte Pathetik, kein inszeniertes Gestik-Repertoire, kein kokettierendes Umschmeicheln des Publikums. Für Momente ein geschlossener Raum, in dem Pianist und Zuhörer zusammengerückt waren. Nur zwei Nachtfalter tauchten in diesem Kosmos als temporäre Gäste lautlos auf, kreisten als Lichtmaler über dem Klavier, als würde sie zur Musik einer geheimen Choreografie tanzen.

Dass de Leeuw schon vor Jahrzehnten auch die Musik von Eric Satie aus der Versenkung holte, dem ihr eigenen minimalistischen Andante als einem musikalischen Eigenwert zur Wertschätzung verhalf, ist in seiner Via-Crucis-Interpretation klangschön aufgehoben.

Am Ende brauchte es einige Momente, um sich aus einer verinnerlichten Versenkung in die Wirklichkeit der herben Schönheit der Maschinenhalle zurück zu holen, um mit überaus herzlichem Applaus für ein emotionales und klangschönes Konzert zu danken

28.08.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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