ChorWerk Ruhr – Eine Bewerbung für den Chor-Olymp

@ Pedro Malinowski

@ Pedro Malinowski

Wenn von der Ruhrtriennale die Rede ist, ist auch schnell das Wort von den neuen Industriekathedralen im Ruhrgebiet geschrieben. Mitunter sind solche damit verbundenen Assoziationen kalkulierte Marketing-Strategien. Aufmerksamkeit zu generieren, ist ihr Geschäft.

Das grandiose Konzert Mozart Requiem – Sieben Klangräume mit ChorWerk Ruhr und den Bochumer Symphonikern bewies, dass die Maschinenhalle Zeche Zweckel in Gladbeck akustisch den Vergleich mit einer Kathedrale nicht scheuen muss. Die Maschinenhalle offenbarte hier ihre Raumklangqualität.

Mit Florian Helgath steht ein inspirierter, selbstbewusster wie auch mutiger Dirigent seit 2011 am Pult von ChorWerk Ruhr. Inspiriert vom fragmentarischen Klangabenteuer Wolfgang Amadeus Mozarts unvollendet gebliebenen Requiems, selbstbewusst auf die von ihm geprägte Chorqualität setzend und mutig genug, einen radikalen, programmatischen Mozart-Weg zu gehen, ist ihm ein fast überirdisch klangschönes Konzert gelungen.

Differenzierte Klangfarben und Tempi mischen sich unter Helgaths klug durchdachtem Dirigat zu beindruckenden chorischen Hör-Bildern. Leicht, nie leichtfertig, melancholisch tragend, nie pathetisch, emotional, nie Largo oder Presto, Crescendo oder Decrescendo um ihrer selbst willen. Sowohl in harmonikaler als auch in polyphoner Prägung entstehen Klangräume, die die Zuhörer staunend atemlos machen. Je länger das Konzert dauert, umso mehr zieht es sie in einen stillen Bann. Kein Streichholz hätte die Chance, ungehört zu fallen.

Jede Aufführung von Mozarts Requiem muss sich entscheiden. Es kann, wie auch immer die Entscheidung ausfällt, nur eine in Respekt vor der Komposition sein. Dass Mozarts Witwe Constanze Franz Xaver Süßmeyer mit einer Vervollständigung beauftragte, ist vor allem ihrer ökonomischen Not geschuldet. In dieser Fassung erklingt es als Mozart-Requiem auch heute noch in vielen Konzerten. Erbe und Tradition haben über mehr als 200 Jahre eine Marke in der Musikgeschichte gesetzt.

Demgegenüber gibt es Beispiele, aus Respekt vor nicht vollendeten Kompositionen das Fragmentarische an sich als kreative Quelle für eigene, evidente Ergänzungen, Kommentierungen oder Reflexionen zu nutzen. Georg Friedrich Haas‘ Komposition von 2005 Sieben Klangräume zu den unvollendeten Fragmenten des Requiems von W. A. Mozart erweitert Mozarts Komposition durch Intuition, Narration und Notation. Seine so bezeichneten Klangräume sind nicht dem Mozart-Klang nachempfundene. Das Jenseits des Requiem-Textes verbindet Haas in seiner Komposition mit dem Diesseits von Mozarts gelebter Wirklichkeit.

An dieser Stelle muss der erhellende Beitrag Vom Jenseits im Diesseits – Entgrenzung und Raum von Matthias Hanke im Programmheft lobend erwähnt werden. Sein Hinweis auf einen demütigenden Brief des Wiener Magistrats an Mozart, dessen Text Haas musikalisch exemplifiziert, entdeckt dem Leser Hintergründe und kompositorische Kontexte kenntnisreich und instruktiv.

Die einzelnen Klangräume um Mozarts Fragmente verzahnen sich in ihren musikalischen Ausdrucksformen, von instrumental Gespieltem, Gesungenem, Gesprochenem, Gehauchtem zu einem vielschichtigen Klangkosmos. Er ist angefüllt mit Tönen und Lauten, die reine Klangschönheit wie auch gebrochene Collagen hörbar machen. Dies ist mehr als nur Musik. Ihr zu zuhören ist als ob man dem eigenen Herzschlag lauschte.

Eingerahmt wurde Mozart/Haas von Ligeti-Kompositionen, ergänzt durch Johann Sebastian Bachs Motette Komm, Jesus, komm als sphärischer Musikraumübergang. Die anfangs gespielte Ramifications für 12 Solo Streicher (1968/69) funktioniert  wie eine schwingende Pendeltür, die musikalisch Diesseits und Jenseits durch Intonationstrübungen voneinander trennt und verbindet.

Anfangs sitzen die Choristen hinter ihren Notenständern. Sichtbar nur abgeschnittene Portraits, die wie durch ein Fenster den Raum vor ihnen aufmerksam betrachten. Es ist, als würde sie die anschließend zu erkundenden Klangräume schon einmal in Augenschein, respektive in Ohren-Klang nehmen.

Das mutige Vertrauen von Helgath, dass ihm die Zuhörer auch in einer letzten, anspruchsvollen Zumutung folgen würden, erfüllte sich in dankbarer Ehrfurcht. Lux aeterna für 16 Stimmen a cappella (1966) von György Ligeti ist der ultimative Test für die Qualität eines Chores. Die Komposition fordert von jeder Chorstimme Individualität und Diversität, um eine Ahnung vom Schein des beschworenen ewigen, mythisch verhangenen Lichts zu bekommen.

Nachdem ChorWerk Ruhr mit Florain Helgath das mit Bravour geschafft hat, wäre eine Bewerbung für den Chor-Olymp sicher sehr aussichtsreich. Es wird interessant sein, den weiteren Weg dahin aufmerksam zu verfolgen.

06.09.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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