Olympisches Feuer im Duisburger Theater am Marientor

@ Sabine Smolnik

@ Sabine Smolnik

Für die Musikliebhaber der Duisburger Philharmoniker ist die sommerliche Durststrecke endlich vorbei. Das 1. Philharmonische Konzert ist hymnisch mit Olympisches Feuer angekündigt. Bevor das Feuer mit Festliche Ouvertüre op. 96 von Dmitri Schostakowitsch angezündet wurde, erfreute der Kulturdezernent der Stadt Duisburg, Thomas Krützberg mit einer lang erwarteten Botschaft. In optimistisch hemdsärmeliger Haltung versprach er in schönfärberisch anmutendem Neu-Deutsch, dass die Revitalisierung der Mercator-Halle zu Saisoneröffnung 2016/17 erfolgreich abgeschlossen sein wird. Eine Abschied vom Theater am Marientor auf Raten.

Aber er punktete noch mehr. Wenn Frank Peter Zimmermann in seiner Heimatstadt spielt, schlägt ihm immer eine Welle der Begeisterung entgegen. Krützberg als doppelter Glücksbotschafter genoss dafür den Beifall, bevor sich der Applaus auf die Hauptakteure des Abends fokussierte.

Hatte man den Eindruck, Schostakowitschs Festliche Ouvertüre schon zupackender, weniger breit gehört zu haben, gehörte anschließend die Bühne Zimmermann und den Duisburger Philharmonikern unter ihrem Generalmusikdirektor Giordano Bellincampi . Die Musiker justierten ihre Instrumente neu. Im Publikum gespannte Erwartung, sich von Zimmermanns Kunst begeistern zu lassen.

Schostakowitschs 1969 komponierte Konzert für Violine und Orchester Nr. 2, cis-Moll op. 129 hat Zimmermann schon sehr früh als 20jähriger in Duisburg unter Yoav Talmi gespielt. Dass er nach 30 Jahre das Konzert vom Blatt spielt, kann ein Hinweis darauf sein, dass dieses Konzert nicht zum Standardrepertoire gehört. Andererseits kann es als einen besondere Konzentration erfordernden Respekt vor einer Komposition verstanden werden, in der Schostakowitsch um die Solo-Kadenzen der Violine herum ochestriert hat. Kaum wahrscheinlich, dass Zimmermann von seiner exzentrischen Kollegin Patricia Kopatchinskaja, mit kalkuliertem Aufmerksamkeits-Marketing barfuß und vom Blatt spielend, bei seinem Auftritt in Duisburg inspiriert worden wäre.

Das Konzert ist in vielfacher Hinsicht rätselhaft geblieben. Ist es die todesnahe Erfahrung seines Schlaganfalls wenige Jahre vorher, die Schostakowitsch in den einsamen, ausgedehnten Solo-Kadenzen reflektiert? In einer von Selbstzweifeln getragenen, emphatischen Komposition ist die Violine fast durchgängig gefordert. Das Orchester begleitet Zimmermann in spartanischer bis respektvoller Zurückhaltung, so wie es die Partitur vorschreibt.

Von Bellincampi ist aufgrund der häufigen Orchesterpausen zugunsten der Geigen-Soli eine sensible Aufmerksamkeitsbereitschaft gefordert. Zimmermann und er –  und mit ihm das Orchester – harmonieren in nonverbaler Kommunikation. Gemeinsam glückt ihnen eine überzeugende Interpretation einer Komposition, die allerdings auch nach diesem Konzert uneindeutig bleibt. Vielleicht ein Grund dafür, dass das Konzert relativ selten zu hören ist.

Dabei gibt es wunderbare Passagen beispielsweise im Adagio des 2.Satzes, wenn das Solo-Horn Klangfarben mischt und das finale Allegro schon aufscheinen lässt. Zimmermann sucht den offenen Dialog mit dem Orchester, um sich nicht von dem der Komposition innewohnenden solistischen Bravour-Charakter des Konzerts einfangen zu lassen. Vollständig gelingt ihm das nicht. In seinem Suchen nach dem Schostakowitsch-Ton dieses Konzerts ist er aber auch nach 30 Jahren energisch und überzeugend sowie überaus authentisch zu erleben.

Giordano Bellincampi ist ein Dirigent, der seine Leidenschaft für die Musik dem Orchester sportiv und tänzerisch vermittelt. Sein Dirigat ist von weit ausschweifenden Körperbewegungen und gestischer Opulenz bestimmt. Die nach der Pause gespielte Sinfonie Nr. 5 e-Moll op.64 von Peter Tschaikowsky ist für den Dirigenten eine Steilvorlage.

Tschaikowskys 5.Sinfonie verleugnet die Schicksalsstimmung ihrer Vorgängerin nicht. Alles klingt in der 5. zwar subtiler, vor allem aber tänzerisch beschwingter. Schon bevor der 3.Satz mit Valse. Allegro moderato notiert ist, walzt Bellincampi auf dem Podium. Tschaikowsky-Ballett-Musik in Gedanken hinzugefügt, ist es, als würde Bellincampi mit dem Orchester in eine Walzerseligkeit versinken. Tschaikowskys  Komposition treibt ihn mit ständig wechselnden Farben in Reprisen bis in ein hymnisch gesteigertes Finale. Man hat den Eindruck, am liebsten würde Bellincampi ins Parkett gehen und das Publikum zum Tanz auffordern.

Das Schicksalhafte der Sinfonie wird im Finale mit einem Triumphmarsch überstrahlt. Es bleibt zwar eine dunkle, melancholisch gestimmte Ahnung. Nachhaltiger wirkt das Andante cantabile, con alcuna licenza – Moderato con anima des 2.Satzes: Eine grenzenlose Lebensfreude.

Mit entsprechend freudigem Applaus dankte das Publikum Bellincampi und seinem inspiriert spielenden Orchester.

10.09.2015

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s