Prometeo von Luigi Nono, eine Tragedia dell’ascolto in der Kraftzentrale

@ Wonge Bergmann

@ Wonge Bergmann

Aqua alta. Dunkler Nebel hat die Lagunenstadt zugedeckt. Schattenlos huschen Menschen einem schimmernden Licht entgegen. Nach Minuten orientierungssuchendem Stochern im Nebel gebietet eine Türschleuse Halt. Nach einer Wartepause öffnet sie sich in einen riesigen Raum. Das Traumbild von der venezianischen Lagune Giudecca verschwindet. Nebelfrei  ernüchtert, überwältigt die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord mit ihrer Raumgröße.

Neun Holzpodien kleben wie Vogelnester in den umlaufenden Gerüsten. Es sind kammermusikalisch anmutende Konzertpodien, von denen aus die Musiker des Ensemble Modern Orchestra (EMO) spielen. Bodenständig auf einem Podest gruppiert, singt der Chor der Schola Heidelberg. Auf einem weiteren, erhöhten, in eine Raumecke vorgerückten Boden hat der Dirigent Ingo Metzmacher seinen Arbeitsplatz für die nächsten 150 Minuten. Auf dem Pult liegt eine voluminöse Partitur. In Blickkontakt mit ihm co-dirigiert Matilda Hofman von einem an der Längsseite hochgebauten Podium.

In die Kraftzentrale sind einfach gezimmerte Holzbänke rechtwinklig gestellt worden. Von keinem Platz aus sind alle Konzertpodien gleichzeitig zu sehen. Das ist nicht zuhörerunfreundlich. Es ist programmatisch absichtsvoll. Luigi Nono hat seine Komposition Prometeo als Tragedia dell’ascolto bezeichnet. Dieser Tragödie des Hörens will die Aufführung mit dem Motto der neuen Ruhrtriennale 2015 – 2017 Seid umschlungen! eine Chance geben. Nono war bei seinem musikalischen Schaffen nach den radikalen Selbstdefinitionen in den Protestjahren nach 1968 – militanter Komponist, kämpfender Musiker, der keinen Unterschied zwischen dem Organisieren einer Demonstration dem Komponieren einer Partitur kennt –  ab Mitte der 1970ger Jahre immer stärker davon überzeugt, dass das Schwierigste ist, anders zu hören, im Leben wie in der Musik. Aber Zu-hören, Wahr-nehmen.

In bußbereiter Sitzgemeinschaft auf harten Bänken, nicht um religiöser Heilversprechen Willen, sucht man in ähnlicher, hoffnungsvoller Erwartung in der Industriekathedrale Kraftzentrale, Nonos Klangversprechen zu erlauschen. Nicht einer musikalischen Erzählung in theatralischer Inszenierung zu folgen, nicht Klangfarben durch Tonhöhe und Tondauer zu formen, nicht durch dramatisch expressive Gesten eine Geschichte zu erzählen. Wesentlich sind leise bis sehr leise, kaum wahrnehmbare Nuancierungen, Übergänge und ihre expressive Kraft. Keine holzschnittartige Eindeutigkeit, sondern fein ziselierte Differenz.

Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben. Dieser Satz aus Robert Musils Roman Mann ohne Eigenschaften lässt sich direkt auf die Intention von Tragedia dell’ascolta beziehen. Nichts liegt im Prometeo fest. Musiker wie Zuhörer müssen gleichermaßen ihren Ton finden. Das Ungesicherte aufzubrechen, Offenheit nach allen Seiten zuzulassen, fordert von jeder Aufführung, sich mit dem konkreten Raum auseinanderzusetzen. Die Bewegung des Klanges im Raum und die Veränderung des Klanges durch Live-Elektronik, die anfangs der 1980ger Jahre im Experimentalstudio Heidelberg entwickelt wurden, sind Nonos Leitideen, um das tradierte Musiktheater dramma per musica durch eine wahrnehmungsverändernde Opernform dramma in musica zu ersetzen. Allein konzentriert auf das Visuelle, auf ein Drama des Hörens.

Einige dieser programmatischen Vorgaben durchbricht die Duisburger Aufführung. Im zentralen Interludio Primo erhellt sich die verdunkelte Kraftzentrale durch Beleuchtung der Längswand. Anschließend wandert das Licht auf die gegenüberliegende Seite. Nachdem das Licht wieder verschwunden ist, leuchten und reflektieren rot gefärbte Lichtstreifen in der Höhe den Raum. Schwebend wie synästhetische Signaturen, als würden sie das Auf- und Abschwellende der Musik nachmalen. Zugeständnis an oder Einknicken vor einem Publikum, dem nicht getraut wird, durchzuhalten? Dass etwa 20 Zuhörer nach einer halben Stunden genug Nono gehört zu haben scheinen und gehen, macht die optische Visualisierung damit nicht unbedingt plausibler.

Ansonsten sind Metzmacher und Hofmann, der Chor und die Solisten seit Jahren eine eingeschworene, ambitioniert aufeinander abgestimmte Prometeo-Gemeinschaft. Im Rahmen der Festspiele Zürich 2014 Prometheus – Entfesselung der Kräfte spielten sie bis auf die Orchesterbesetzung – anstelle von SWR Sinfonieorchester in Zürich spielte in Duisburg das Ensemble Modern Orchestra – in der gleichen Besetzung wie jetzt in der Kraftzentrale (vgl. Prometheus – Entfesselung der Kräfte: Virtuelle Begegnungen von Luigi Nono und Bill Viola in der Tonhalle Zürich und im Kunstmuseum Bern vom 03.07.2014).

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. In der Tonhalle Zürich, in einem traditionellen Konzertraum, wo die Stimmgruppen von der Bühne, aus dem Parkett und dem Rang spielen, ist die Suche nach einem prometheischen Klangraum per se limitiert. Für die von Nono gedachten Klangraumbewegungen eignet sich eher ein hallenartiger Raum, wie der der Uraufführung in der Kirche San Lorenzo in Venedig 1984 oder eben einer wie die Duisburger Kraftzentrale. Den Raum als Instrument zu nutzen, dafür kann diese Aufführung als mustergültig bezeichnet werden.

André Richard ist als Klangregisseur seit der Uraufführung vor mehr als 30 Jahren Nonos Sachwalter aller Prometeo-Aufführungen. Für ihn ist das Raumklang-Konzept ein topologisches von Klangquellen, die wie eine Skulptur zu verstehen sind. Musik, die mit kosmologisch aufgeladener Energie aus der Stille kommt und die in der unendlichen Stille des Universums wieder zu verschwinden scheint.

In Duisburg ist ihm eine exemplarische Einrichtung gelungen. Wer sich entschließt, sich auf Nonos suchendes, irrendes auch verwirrendes Hör-Abenteuer einzulassen, wird in Duisburg mit einer sinnlichen und gedankenreichen Musik-Hör-Erfahrung beschenkt.

13.09.2015

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert, Oper veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s