Über Wasser ins Wasser zum Meer

Katsushika Hokusai (1760-1849): Die große Welle vor Kanagawa, um 1830, aus der Serie "Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji", Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, Sammlung Riese

Katsushika Hokusai (1760-1849): Die große Welle vor Kanagawa, um 1830, aus der Serie „Sechsunddreißig Ansichten des Berges Fuji“, Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, Sammlung Riese

 

Unmittelbar an der Binnenalster in Hamburg gelegen, macht das Bucerius Kunst Forum in der Ausstellung Über Wasser das Wasser selbst zum Thema. Noch bis 20.09.2015 ist Wasser in seinen unterschiedlichen Erscheinungs- und Aggregatzuständen in der Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson künstlerisch reflektiert.

Die Ausstellungsräume in der ehemaligen, vor 100 Jahren erbauten Deutschen Reichsbank sind mit ihren handwerklich künstlerischen Mosaikarbeiten Zeugnis eines Zweckbaus mit einem innenarchitektonischen Anspruch, den man bei Neubauten heute häufig vermisst. Der 1.Ausstellungsraum im Obergeschoß prunkt zusätzlich mit einem lichtdurchlässigen Oberfenster. Die Raumharmonie wird allerdings durch die Ausstellungsarchitektur mit hochragenden Ausstellungswänden beeinträchtigt. Ein Widerspruch zwischen dem Anspruch des Raumes und dem Anspruch der Kunstausstellung Über Wasser, der mit möglichen Hinweisen auf Sachzwänge nicht aufgelöst wird.

Wasser ist ein existentielles Lebensmittel. Ohne es ist kein Leben möglich. Gleichzeitig ist ihm als unzähmbares Element eine mythische Kraft eigen, die Ängste und Phantasien der Menschen beflügelt hat. Religiöse, mythologische und naturphilosophische Erklärungsperspektiven sind ihm von je her eigen. In Folge wissenschaftlicher Erkenntnisse ist Wasser als industrielle Antriebskraft Teil des ökonomisch kapitalistischen Produktionsprozesses geworden. Seine poetologische Faszination hat es aber bis heute nicht verloren.

Der Ausstellungstitel Über Wasser ist assoziationsreich in mehrfacher Hinsicht. Man kann ihn lesen als, etwas über das Wasser aus künstlerischer Perspektive zu erzählen. Das, was dann reflektiert wird, findet allerdings in der Regel nicht über sondern im Wasser statt. Es ist das Erzählen über etwas, das im Medium des Erzählstoffes passiert. Bewegungen im Wasser und ihre Dynamiken sind Gegenstand der Ausstellungsobjekte.

Das Geheimnisvolle, das Faszinierende, die Imagination malerisch oder fotografisch in künstlerisch darstellerische Formen zu fassen, führt zu Arbeiten, die mehr als nur Abbildungen sind. Sie sind Reflektionen über Zeit und Raum.

Die Ausstellung, von Ulrich Pohlmann instruktiv kuratiert, hat thematisch Schwerpunkte gesetzt. Menschen im Wasser macht beispielhaft deutlich, mit welcher Blicktiefe die Ausstellung zu wahrnehmenden Sehen einlädt.

Schwimmer unter Wasser, 1927 von André Kertész fotografiert, hat eine doppelte Assoziationsebene mit David Hockneys John St. Clair schwimmend von 1972. Ihr gemeinsames Unter-Wasser-sein ist zeitlos. Zeitlos reflektiert auch auf einer zahlenspielerischen Zeitebene: Das Jahr 72 ist die Umkehrung von 27 im gleichen Jahrhundert. In den zeitlich weit auseinander liegenden Arbeiten ist nicht der Schwimmer als solcher abgebildet. Seine Schwimmbewegungen lösen Wellen aus, in denen sich das Licht reflektiert. Mehr als nur reale Abbilder einer vertrauten Situation, die in ihrer Perspektive real und surreal zugleich ist. Bei Schwarzer Badeanzug, um 1930 von Arvid Gutschow fotografiert, hat die Ausschnitthaftigkeit eine grafische Fraktur, die in der Radierung Der Untergang von Max Klinger (1884) schon aufscheint.

Eine Welle wiederum kann meditativ anmutend, wie in der Fotografie Meeressaum und Watt (Alfred Ehrhardt, um 1936), aber auch Angst einflößend seinwie Die große Welle vor Kanagawa im Farbholzschnitt von Katsushika Hokusai (um 1830).

In der eindrucksvollen Ausstellung Inspiration Japonisme, die in diesem Jahr sowohl im Museum Folkwang Essen als auch im Kunsthaus Zürich zu sehen war (vgl. Japonismus als Vexierspiel der Moderne im Museum Folkwang Essen, v. 02.01.2015; Inspiration Japan – ein meditativer Atem im Kunsthaus Zürich, v. 26.03.2015), ist der Einfluss japanischer Farbholzschnitte und Tuschezeichnungen, die sich mit dem Phänomen Wasser beschäftigen, auf den Impressionen unübersehbar. Von daher ist Über Wasser auch eine weitere kunstgeschichtliche Notate zu der Moderne.

Um Fotografien zeitgerecht anzuschauen, gibt es in der Ausstellung Guckkästen. In ihnen werden serielle Darstellungen wie Der rastlose Niagara: Die Hufeisenfälle von der Höhe aus gesehen (Underwood & Underwood, 1902) sichtbar, die in ihren Miniformaten die große weite, damals nur von wenigen gesehene Welt zeigen.

Wie ein tagesaktueller Kommentar zu den gegenwärtigen Flüchtlingsbewegungen, der die westliche Freizeit- und Luxusgesellschaft Westeuropa entlarvt und gleichzeitig konterkariert, ist die Videoarbeit How to reach Lampedusa von Federico Baronello und Takuji Kogo zu sehen. Gezoomte Film-Stills zeigen Urlauber auf der Insel Lampedusa, von der es in eingeblendeten Werbetexten heißt, sie verfüge über einen der schönsten Badestrände der Welt, wie sie fröhlich entspannt aufs Meer schauen. Was nicht zu sehen ist, aber inzwischen Teil des öffentlichen Gedächtnisses ist, ist aber weder lustig noch luxuriös.

In der Vergewisserung, dass die Arbeit bereits 2005 – 2007 entstanden ist, liegt mehr als nur eine Ironie der Geschichte. Über Wasser ist immer auch eine Geschichte des Übers-Wasser- kommen, sich über Wasser zu halten, Wasser zu bezwingen – und gleichzeitig ist das Wasser auch Poesie.

Über Wasser im Bucerius Kunst Forum Hamburg ist kunsthistorisch ein meerwertig wie auch gesellschaftlich ambitioniert fokussierter Mehrwert. Von daher ist es zu bedauern, dass diese Ausstellung nach Hamburg nicht woanders zu sehen sein wird.

15.09.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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