Rheingold glänzt in der Jahrhunderthalle

@ Peter E. Rytz 2015

@ Peter E. Rytz 2015

Für die Aufführung seines Gesamtkunstwerks Der Ring des Nibelungen reichte  Richard Wagner die normale Opernbühne nicht aus. Er ließ in Bayreuth das Festspielhaus nach seinen Vorstellungen bauen. Das Haus fasziniert bis heute mit seiner Aura und seiner Akustik.

Hätte Wagner heute zwischen dem Bayreuther Festspielhaus und der Bochumer Jahrhunderthalle zu wählen, wäre er wahrscheinlich von den räumlichen Möglichkeiten der von Gerard Mortier, dem Intendanten der ersten Ruhrtriennale so bezeichneten Industriekathedrale begeistert gewesen.

Auf Wagners Suche nach dem ganzen Musiker, der der widerlichen Erscheinung der Theater und Konzerte, die nur in buchdruck-schwärzlichem Gewande nebeln und wedeln, als ob Das, was da draußen sich an die Sinne darstellt, sie durchaus gar nichts angehen könnte, hat Johan Simons mit seiner Inszenierung von Das Rheingold eine überzeugende Antwort gefunden. Das Solistenensemble und die Musiker des Orchesters MusicAeterna mit dem aufmerksamen Dirigenten Teodor Currentzis am Pult sind weit mehr als nur Protagonisten einer Rheingold-Inszenierung unter vielen. Es ist vielleicht Das Rheingold, das Wagners revolutionär beeinflusster Intention besonders nahe kommt. In einem Brief an den Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik betont er 1852, dass nur eine vollständige Umgestaltung dieses Lebens die natürliche Geburt der Kunst zu Tage fördern könnte.

Dass Simons sich diesem Anspruch verpflichtet fühlt, zeigt er mit seiner opulenten, raumgreifenden Inszenierung. Im Rheingold erzählt Wagner die Geschichte des Ruhrgebiets, wird er im Programmheft zitiert. Es ist ein Statement für und ein Bekenntnis zu Veränderungen gesellschaftlicher Ordnungen, wo kapitalistisches Machtstreben auf Ausbeutung gründet.

Um nicht traumselig in der raffiniert komponierten Schönheit von Wagners Musik zu versinken, hat Simons Mika Vainio verpflichtet, mit elektronisch produzierten Klangflächen zu intervenieren. Vainio transponiert Wagners Komposition an einzelnen Stellen in dramatisch tönende Klangfarben. Wenn Alberich die Liebe verflucht, dröhnt es laut aufbrausend aus dem Sound-System. Oder wenn Loge auf Wotans Aufforderung Nun rathe, wie?, um den Ring von Alberich zu bekommen, Currentzis eine Generalpause setzt, unterstreichen Vainios Klangeruptionen diesen Akzent.

Diese vehementen Interventionen spitzt Simons dann zu, als Wotan und Loge von den Höhen ihrer Machtherrlichkeit hinab zum Ruhrbergbau-Nibelheim steigen. Verunsichert durch Fafners und Fasolts Beharren auf Einhaltung des Vertrags, bleibt ihnen keine andere Wahl, als selbst Hand anzulegen. Wenn es ihnen nicht gelingt, Freia, das Unterpfand ewiger Jugend zurückgewinnen, ist ihre göttliche Macht gebrochen.

Während Loge den Göttern ins Gewissen redet, Von Freia’s Frucht genosset ihr heute noch nicht: die gold’nen Äpfel in ihrem Garten, sie machten euch tüchtig und jung, kippt die von Simons zusätzlich erfundene Spielfigur eines Dieners ein Tablett mit goldenen Äpfeln aus.

Hammerschläge, von Vainios elektronischen Clustern verstärkt, unterbrechen an dieser Stelle die Musik. Gleichzeitig wechselt Stefan Hunstein vom Diener in die Rolle eines politischen Agitators. Anfangs verstärkt mit einer Sprechtüte, malträtieren seine Sätze (nach Textfragmenten von Elfriede Jelinek) wie  Peitschenschläge das Publikum: Eigentum ist Diebstahl. Jedes Subjekt, das Gehorsam verweigert, wird bestraft. Riesige Geldmengen werden verschoben. Aber bezahlt wird nicht. Schöner als Geld zu haben ist es, jemanden es wegzunehmen. Präziser hat bis dahin kaum eine Rheingold-Inszenierung gesellschaftskritisch Stellung bezogen.

Man kennt inzwischen verschiedene Varianten des Regietheaters. Aber nur selten gelingt es dabei, das Original nicht zu beschädigen. Es gibt bei Simons, und das ist das Außerordentliche seiner Inszenierung, keinen Bruch, weder mit dem Libretto noch mit der Komposition. Zusammen mit Currentzis, Vaino sowie den Dramaturgen Tobias Staab und Jan Vandenhouwe gelingt ihm ein im Hier und Heute verortetes Vorspiel des Ring-Gesamtkunstwerk mit fast magischer Wirkung.

Beginnend mit dem Auftritt von Teodor Currentzis, der, untergehakt mit zwei Musikern die Halle betritt, elastisch das Pult entert und mit dem ersten Takt das Rheingold glänzen lässt, entsteht eine rauschhafte Gemeinschaft mit dem Publikum. Currentzis, ganz in Schwarz angetan mit Russenkittel über hautengen Jeans und halbhohen Lederstiefeln, rote Schnürsenkel, entspricht nur dem Äußeren nach nicht dem, was man sich gemeinhin unter einem seriösen Dirigenten klassischer Musik vorstellt. Auch sein tänzelndes, Zäsuren und Tempi-Beschleunigung mit aufstoßenden Schuhknallen verstärkendes Dirigat irritiert anfangs. Später verschwindet das Äußere hinter einem gefühlvollen wie glutvollen Klang. Rheingold pulst mit MusicAeterna unter ihm eruptiv wie lyrisch, als schlüge das eigene Herz Alarm. Die Musik umschlingt die Halle mit Klängen, die sie noch nie gehört hat. Akustisch hervorragend ausbalanciert, als wolle sie das Ruhrtriennale-Motto Seid umschlungen! wörtlich nehmen.

Bettina Pommer hat in die Jahrhunderthalle ein Mehrzweck-Gerüst gestellt. Es hält oben eine weiße Gebäudewand, hinter der die Burg Walhall verschlossen steht. Treppen führen durchs Orchester hinab zu drei Wasserbecken. Spielort,  wo Rhein und Abwasserbecken, Kunst und Arbeit zusammenfinden. Von der Höhe des Gerüstes erschüttern Fafner und Fasolt die Götterwelt.

In der Wahl der Solisten folgt Simons seinem ausgeprägten Instinkt für theatralisch spielerische Momente. Kein name-dropping sondern Solisten, die natürlich erstens über eine hohe Gesangskultur verfügen, aber gleichzeitig bereit sind, mit grenzenlosen Körpereinsatz singend zu gestalten.

Immer wieder hat Simons an ungewöhnlichen Orten inszeniert. Der Raum dient den Solisten Resonanzkörper, so wie diese sich auch mit ihm auseinandersetzen müssen.

Frank van Hove und Peter Lobert sind Bilderbuchriesen wie sie sich jedes Märchenbuch nicht besser wünschen könnte. Sie singen rollengerecht, wie sie auch mit ihrem Bass charakterisieren. Einerseits bauernschlau, andererseits aber auch naiv und manipulierbar durch die Götter, durch die da oben bis zum Totschlag.

Die Bass-Besetzung ist exemplarisch für die Solisten insgesamt. Stimmlich und spielerisch adäquat in ihren Rollen überzeugen sie auf der ganzen Linie. Leigh Melrose durchpflügt als Alberich im Kampf um den Ring fast ununterbrochen die Wasserbecken. Mit den Rheintöchter-Puppen-Attrappen in geiler Selbsttäuschung, mit seinem Bruder Mime im Selbstbehauptungskampf ist von den ersten Minuten an kein trockener Fetzen mehr an ihm. Nachdem Wotans List ihm den Ring wieder entrissen hat, liegt er zusammen mit Elmar Gilbertsson (Mime) bis zum Finale mehr als 30 Minuten im Wasser. Ein Parforceritt für Stimme und Körper, der Melrose und Gilbertsson durchgängig klar und ausdrucksstark artikulierend bravurös gelingt.

Die Entdeckung des Abends ist der Wotan von Mika Kares. Obwohl er schon bei vielen Opernhäuser und Festivals Anerkennung eingeheimst hat, gehörte er bisher nicht zu den Bass-Sängern, die sich sofort aufdrängen. In der Jahrhunderthalle klingt sein Bass mit großen Volumen deutlich artikuliert und ausdrucksstark. Zusammen mit dem quicklebendigen Tenor Peter Bronder, der Loge als intriganten Taktiker clownesk spielt, sind sie auch optisch eine ideale Besetzung. Körperlich groß, muss Wotan erkennen, dass es geraten ist, nicht nur auf den kleineren Feuergott herabzuschauen, wenn er auf seinen Rat angewiesen ist.

Maria Riccarda Wesseling bemüht sich, Fricka eine Persönlichkeit zu geben. Wenn sie Wotan die Leviten liest und ihn zum Handeln auffordert, hat ihr Mezzosopran auch im Fortissimo eine modulierende Wärme. Allerdings ist er nicht durchgängig deutlich zu hören. Ist ihr Kopfmikrophon nicht optimal justiert?

Freia, die zwischen göttlicher Jungbrunnen-Platzhalterin und Pfand- und Lustobjekt der Riesen ständig den Spagat übt, hat mit dem Sopran von Agneta Eichenholz eine überzeugende Standfestigkeit.

Trotz Erdas Mahnung Alles was ist, endet, einfühlsam und eindringlich von der gestandenen Altistin Jane Henschel gesungen, ist das Desaster nicht aufzuhalten. Die Türen von Walhall bleiben verschlossen.

Alle Hoffnung ist dahin. Traulich und treu ist’s nur in der Tiefe; falsch und feig ist was dort oben sich freut. Was die Rheintöchter (Anna Patalong, Dorottya Láng, Jurgita Adamonytė) mit ihren finalen Abgesang beschreiben, ist ein Scheitern, in dem der Untergang der Götter schon seine Schatten wirft.

photo streaming Das Rheingold

25.09.2015

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Oper veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s