Das Brücke-Museum Berlin – Eine Entdeckung mit Erich Heckel und Max Kaus

Max Kaus © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Max Kaus © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Berlin hat eine reiche Kunstmuseumslandschaft. Blockbuster-Ausstellungen, wie die im September beendete Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende in der Alten Nationalgalerie Berlin (vgl. Kunstwende: Ja oder Nein? – Man sieht das, was man sieht, v. 30.07.2015) sind Besuchermagneten, ebenso wie die C/O Berlin Foundation. Amerika Haus (© Peter E. Rytz 2014).

Museen außerhalb des Stadtzentrums haben es generell schwer, in der Vielzahl der zentrumsnahen Ausstellungen wahrgenommen zu werden. Andererseits bieten sie häufig eine Ruhe-Oase gerade für den Ausstellungs-Junkie. Das 1967 gegründete Brücke-Museum in Berlin-Zehlendorf ist dafür ein Beispiel. Seit wenigen Monaten gibt es mit dem Kunsthaus Dahlem auf dem Nachbargrundstück und dessen Skulpturengarten noch mehr Gründe, an der Großstadtperipherie auf Entdeckungsreise zu gehen.

Das Brücke-Museum verfügt über eine beachtliche Sammlung, die mit Werken der Künstlergemeinschaft Die Brücke insbesondere im impressionistisch-expressionistischen Kontext, hervorragend positioniert ist. Die Sonderausstellung Max Kaus – Erich Heckel. Eine Künstlerfreundschaft (noch bis 25.10.2015) ist insofern informativ und erhellend, weil sie etwas von der kreativen Kraft in schwierigen Zeiten erzählt. Dass prekäre Lebensumstände mit den damit verbundenen improvisatorischen Herausforderungen kreative Kräfte freisetzen, ist nicht nur kunstgeschichtlich vielfach belegt. Auch sozialgesellschaftliche Analysen beschreiben diese doppelte Seite.

Max Kaus, zehn Jahre jünger als Erich Heckel, wird bis heute fälschlicherweise oft als Heckel-Schüler bezeichnet. Beide lernten sich während des Sanitätsdienstes im Weltkrieg in Ostende kennen und standen bis zu ihrem Tod (Heckel starb 1970, Kaus 1977) in einem regen, künstlerisch kritischen Gedankenaustausch. Dieser war von gegenseitigem Respekt getragen. Er ist nicht mein Schüler, er ist mein Freund, wird Heckel über Kaus in dem lesenswerten Katalog zitiert. Wie Kaus bekennt: Durch die Freundschaft mit Heckel habe ich nicht nur malerisch, sondern menschlich sehr viel profitiert.

In der dialogisch aufgebauten Ausstellung ermöglichen ausgewählte Arbeiten beider aus unterschiedlichen Zeiten einen direkten Vergleich. In der Gegenüberstellung von KausSelbstbildnis von 1919 und Heckels Männerbildnis aus dem gleichen Jahr wird der konzeptionelle Gedanke der Ausstellung deutlich. Entsprechend konsequent sind sie auch als Layout-Vorlage für den Einband des Katalogs verwendet worden.

Bei vergleichbaren Sujets unterscheiden sie sich in der künstlerisch technischen  Darstellungsform (Öl auf Leinwand; Farbholzschnitt) und in der Perspektive (bei Kaus eine leicht erhöhte Draufsicht, bei Heckel eine Sicht von unten). Gemeinsam ist ihnen ein expressiver Ausdruck, der den Menschen hinter dem Portrait in seiner psychischen Verfasstheit sucht.

Heckel gelingt mit schwarz konturierten Strukturlinien, die mit den gefalteten Händen unter dem Kinn eine Aufwärtsbewegung geben, eine nachdenkliche bis resignative Haltung. Im Holzschnitt Mann in der Ebene (1917) verstärken die vor dem Kopf gehaltenen Hände den Eindruck von einem letztlich hilflosen Versuch, die Gefahren der Welt auszublenden.

Kaus trägt die Farbe fleckig in der Manier von Paul Cézannes taches auf. Der volle rote Mund kontrastieren sein Selbstbildnis mit einer femininen, skeptischen Anmutung. Ob der Zukunft zu trauen ist, bleibt offen. Der Blick ist von Zweifel besetzt. Kein Lächeln, verhärmt bis kränklich, introvertiert versunken.

Geht man mit einer derart dialogisch sensibilisierten Wahrnehmung durch die thematischen Räume – Expressionistischer Ausklang, Komponierte Akte, Intime Blicke, Schwingende Landschaften, Stadt im Bild, Künstlerischer Neubeginn nach 1945 -, bekommt man interessante und erkenntnisreiche Einblicke in eine Künstlerfreundschaft, die sich gegenseitig befruchtete.

Dass in der gemeinsamen, von einer humanistischen Überzeugungen getragenen Sicht auf Menschen, Landschaft und Stillleben gleichzeitig auch Unterschiede deutlich auszumachen sind, macht die Betrachtungen der Arbeiten ästhetisch so reizvoll wie narrativ lebensprall.

Selbst Arbeiten, wie Drei Frauen vor roter Uferwand (1921) oder Am Strand (1923) von Heckel sowie Gruppe am Meer auf Vilm (1924) oder Mädchen am Ufer (1923) von Kaus, die es auf den ersten Blick schwierig erscheinen lassen, sie dem jeweiligen Künstler zu zuordnen, sind Variable und Konstanten zu gleich. Jedes einzelne Leben, gespiegelt im Akt, ist anders, und doch ist es geteiltes Leben.

Die Ausstellung wird durch Arbeiten von Otto Mueller und Karl Schmidt-Rottluff insofern bereichert, weil mit ihnen das wirksame Brücke-Fundament für die Entwicklung der Avantgarde deutlich wird. Ein Pfund mit dem das Brücke-Museum Berlin immer wieder neu beeindruckt. Dass unter den 111 Exponaten die allermeisten Arbeiten aus dem Museumsbestand kommen (nur etwa 10 – 15% stammen von privaten Leihgebern), spricht für sich.

03.10.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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