The Greek Passion – Passion hier und jetzt

@ Matthias Jung

@ Matthias Jung

Jede Form von Kunst ist immer Ausdruck, Alltag und Wirklichkeit zu reflektieren. Häufig retrospektiv oder in der Perspektive von Zukunft. Eher seltener fokussiert sie das Hier und Heute. Die Inszenierung The Greek Passion von Bohuslav Martinů, die vor wenigen Tagen am Aalto-Musiktheater Essen Premiere feierte, aber ist die Oper der Stunde.

Mitte der 1950ger Jahre suchte Martinů nach einem Stoff für eine musikalische Tragödie. Nachdem er zuerst mit der Romanvorlage Alexis Sorbas von Nikos Kazantzakis geliebäugelt hatte, bot er ihm die Rechte von Die griechische Passion an. Kazantzakis Exkommunikation aus der griechisch-orthodoxen Kirche nach der Romanveröffentlichung war für Martinů offenbar ein entscheidender Impuls für die Passionsgeschichte. Ein Spiel im Spiel, in dem die Wirklichkeit die künstlerischen Reflexionsebenen bricht, sie konterkariert und mit den eigenen Fluchterfahrungen verbindet.

Martinů  hat mit The  Greek Passion mehr als nur eine Oper komponiert. Er war selbst Zeit seines Lebens ein Flüchtender, an keinem Ort wirklich zu Hause. Seine Komposition, hochgestimmt in mitunter pathetisch aufgeladenen Tönen in Dur und Moll, ist entsprechend nicht frei von plakativer Überzeichnung.

Liest man den Kazantzakis-Plot einem nicht informierten Auditorium mit der Bitte vor, den Zeitraum der Erzählung zu benennen, würden ihn wahrscheinlich nur wenige der unmittelbaren Nachkriegszeit 1945 zuordnen.   

Ein griechisches Dorf bereitet sich auf ein kommendes Ostern-Passionsspiel vor. Da bitten Flüchtlinge, deren Heimat von Türken zerstört worden ist, um Asyl. Die Dorfgemeinschaft weist sie, angeführt vom Priester Grigoris, ab. Als eine Frau an Hunger stirbt, ist die Behauptung, sie sei an Cholera gestorben, ein wohlfeiles Argument. Der Schäfer und Jesus-Passionsspieler Manolios erwirkt gegen den Widerstand vieler Dorfbewohner ein Bleiberecht auf dem außerhalb gelegenen öden Berg Sarakina.

Die Flüchtlingsgeschichte entwickelt sich erst einmal so, wie man sie zurzeit tagtäglich – vornehmlich aus Städten mit ausländerfeindlichen Protesten – mit Schrecken in den Medien verfolgen kann. Aggressive Ausgrenzung, massives Abwehrverhalten, ähnlich der dumpfen Rhetorik von Grigoris, der den christlich geläuterten Manolios intrigant aus der Dorfgemeinschaft stößt, ihn exkommuniziert und damit dem Tod preisgibt. Ein krankes Schaf muss aus der Schafherde ausgesondert werden, damit sie gesund weiterleben kann.

Jiří Heřman hat Martinůs Passion mit künstlerischer Breitbandperspektive inszeniert. Zusammen mit Dragan Stojčevski hat er eine Laufband-Bühne mit Wasserflächen entworfen. Der Bühnenhintergrund ist eine variabel versetztbare, vergitterte Mauer, die durch Segment-Bewegung geöffnet oder geschlossen wird. Das Passionspiel wird durch die Wirklichkeit der Flüchtlinge überholt.

Heřmans Inszenierung legt die brüchige Hoffart christlich moralischer Selbstgewissheit im Unterschied zu einer tätigen Passion offen. Von Christian Schröder dramaturgisch in szenischen Schnittfolgen temporeich auf die Konflikte zu konzipiert, sind die Bilder ein assoziativ reicher Erzählstrom. Wasser als Assoziation für das wichtigste Lebensmittel überhaupt so wie gleichzeitig als Metapher religiöser Zuversicht – Jesus, der über Wasser gehen konnte, um den Menschen das Heil zu versichern – ist die Grundkonstante der Inszenierung.

Überwölbt von einer Kirchenglocke, die anfangs wie ein Schutzschild über den Menschen schwebt, verschwindet sie, als habe Gott seinen schützende Hände von ihnen genommen, nach der Abwehr der Flüchtlinge in den Bühnenhimmel. Am Schluss senkt sie sich über den von der Inszenierung als kindliche Unschuld erdachten Jungen (Jakob Wieseler). Zusammen mit einem Akkordeonspieler (Christopher Bruckmann) verkörpern sie die hoffnungsvolle Option des Stücks. Bruckmann macht in der Art eines Bänkelsängers, noch bevor der Vorhang aufgeht, den Zuschauern ein empathisches Angebot. In sein Spiel Die Gedanken sind frei stimmen viele Opernbesucher ein. Anfangs noch zaghaft, wenig später mutig, laut bekennend.

Die Essener Philharmoniker unter Tomáš Netopil spielen mit dramatischer Verve, akzentuieren Generalpausen, in denen immer wieder auch in längeren Textpassagen erzählt wird, und malen im nächsten Moment mit pastos gemischten Klangfarben. Das tönt mitunter laut bis dissonant, beschneidet den Sängern aber nicht ihre Stimme. Netopil findet mit dem Orchester zu einer oratorischen Klangfülle, die der Oper immanent ist.

Almas Svilupa gibt dem machtbessenen, ganz und gar unchristlichen Priester Grigoris mit seinem kraftvoll kultivierten Bass die Persönlichkeit eines Bösewichts. Sein priesterlicher Gegner Fotis ist mit Baurzhan Andershanov ein stiller, aber konsequenter Mahner, der christliche Nächstenliebe einfordert. Sein Bassbariton hat eine sympathische Wärme, die, wie sich zeigt, angesichts des Bösen kapituliert.

Allein Manolios hat sich mit der Rolle des Jesus so tief identifiziert, dass er Widerstand gegen die Abschiebung leistet. Jeffrey Dowd, der viel beschäftigte Tenor des Aalto-Musiktheaters hat es anfangs schwer, seine Motivation deutlich zu machen. Das liegt aber vor allem an der programmatischen Struktur der Komposition. Martinů reiht kaleidoskopisch Szenen aneinander, die sich jedoch nicht zu einer stringenten Erzählung zusammenfügen. Er muss bis zum vierten Akt warten, um dann umso mehr mit großer Überzeugungskraft den neuen christlichen Menschen Manolios als Inkarnation des leidenden Jesus zu zeigen.

Überrascht hat Jessica Muirhead mit einer erotisch vitalen Katerina, die mit der Rollenaneignung der Maria Magdalena, ähnlich wie Manolios, ihre eigene Passion erfährt. Ihr Sopran hat eine differenzierte Farbigkeit, die die Gefühlsschwankungen ihrer eigenen Passionserfahrung klangschön zum Ausdruck bringt.

Das Aalto-Solistenensemble ist bis in die mittleren und kleineren Rollen formidabel besetzt. Mit dem exzellent artikulierenden und spielenden Opernchor des Aalto-Theaters (Choreinstudierung: Patrick Jaskolka) sind sie zusammen ein Garant für einen außergewöhnlichen Opernabend. Außergewöhnlich in der tagespolitischen Transparenz; außergewöhnlich in seiner musikalischen Überzeugungskraft.

Kaum jemand wird nach dieser Aufführung das Theater unberührt verlassen können.

07.10.2015

 

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Über Peter E. Rytz Review

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