Schatten und Schattenrisse der Avantgarde

Louis Michel Eilshemius, Samoa, 1907 @ Foto: The Phillips Collection, Washington, D.C.

Louis Michel Eilshemius, Samoa, 1907 @ Foto: The Phillips Collection, Washington, D.C.

Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht. Dieses Zitat aus der Dreigroschenoper von Bert Brecht würde gut als Credo zur Ausstellung Der Schatten der Avantgarde – Rousseau und die vergessenen Meister im Museum Folkwang Essen passen.

Die Kuratoren Kaspar König und Falk Wolf haben sich nichts weniger vorgenommen, als singuläre, ästhetisch überzeugende Werke von  Autodidakten in den Fokus der Wahrnehmung zu rücken. Ihrer Überzeugung nach sind sie mehr als nur ein Anhängsel der Moderne. Weil sie keine Absolventen von Kunstschulen oder Akademien sind, haftet ihnen häufig noch immer das Etikett neurotisch obsessiv veranlagter Outsider wie Leim an. Ihrem (Menschen)Recht so zu malen, wie sie es in anti-akademischer Distanz getan haben, will die Ausstellung gerecht werden.

Den ausgestellten Arbeiten von 13 vergessenen Meistern ist ein Moment unverbrauchter, konsequenter Radikalität eigen. Häufig von der klassischen Avantgarde verschattet, werfen sie selbst einen eigenen Schlagschatten. Die Moderne von ihnen beleuchtet, lässt manche Klassiker in einem neuen Licht erstrahlen.

Die Energie dieser Schatten ist die eigentliche Entdeckung der Ausstellung. Aufregend und anregend zugleich. Nicht nur vermeintliche Randfiguren der Kunstgeschichte ans Licht geholt zu haben, sondern vielmehr ihre Leuchtkraft zu fokussieren, gelingt der Ausstellung, unterstützt von einer inspirierenden Ausstellungsarchitektur, auf wunderbare Weise. Die Architektur von Hermann Czech (Wien) folgt einem Insel-Prinzip. Jeder Künstler und jede Künstlerin hat einen eigenen, offenen Präsentationsraum. Dem Besucher bleibt es vorbehalten, seinen eigenen Weg von Insel zu Insel in der Ausstellung zu finden.

Jede der ausgestellten künstlerischen Positionen ist eine Behauptung, die biografisch konnotiert ist. Sie erzählen eine Facette von Kunstgeschichte als Selbstbefreiung von gesellschaftlich oktroyierter Unmündigkeit. Gemeinsam ist den Arbeiten der Sound des Blues. Wie sich im Jazz Musiker einst mit Improvisationen, aufgeladen mit Emotionen, gequält in Düsternis als auch jubilierend dem Licht zugewandt, Selbstbehauptung artikulierten, ist sie in vielen Arbeiten Der Schatten der Avantgarde auf ähnliche Weise wahrzunehmen.

Die Bilder von Bill Traylor halten beispielsweise auf den ersten Blick in naiver, unschuldiger Strich- und Farbführung gewöhnliche Alltagsbeobachtungen fest. Tiere, Menschen, Figuren, mit Plakatfarbe, Bleistift oder Kreide auf Gebrauchskarton gemalt, muten einfältig und banal an. Schaut man sich aber die Arbeiten genauer an, vergegenwärtigt sich gleichzeitig, dass das unbekannte Geburtsjahr (um 1853), das eines ehemaligen Sklaven ist, so öffnet sich eine veränderte Wahrnehmungsperspektive.

Dem schönen Schein der Wirklichkeit reißt Traylor den Schleier vom Gesicht. Sichtbar wird eine heitere Nachdenklichkeit. Nicht dramatisch inszeniert, hinterfragt das heitere das Nachdenkliche und umgekehrt.  Johann Joachim Winckelmann betont in seiner Schrift Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauer-Kunst von(1755): Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der Griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe, so wohl in der Stellung als im Ausdruck.

Anders, aber in ähnlich naiver Anmutung öffnet sich vor den Fotografien der Mikrokosmos des Miroslav Tichý. Zeit seines Lebens als Sonderling in einem böhmischen Dorf beheimatet, fotografierte er mit einer billigen Massenware-Kamera vornehmlich Frauen. Erotik in Banalität fotografisch in den 1960/70ger Jahren eingefroren, wirkt auf den Betrachter, als würde er wider dem fotografischen Ästhetizismus auf der unscharfen Unmittelbarkeit des Augenblicks beharren.

Je länger man sich dem Insel-Hopping hingibt, umso größer wird der Sog, sich in die Arbeiten mit ihren Biografien hineinziehen zu lassen. Staunen wechselt mit Faszination, Schmunzeln mit Kopfschütteln, Irritation mit Klarheit. Séraphine Louis‘ florale Kontemplationen haben ebenso wie Bild gewordenen Traumata der psychodelisch inspirierten Zeichnungen von Martin Ramirez oder wie Louis Michel Eilshemius’s tagebuchartig verzeichneten und gemalten Arkadien-Traumbilder eine ikonografische Ich-Dimension.

Ihre visionäre und expressive Ausdruckskraft, die ihnen von der Kunstkritik kurzzeitig zuteilwurde, geriet manchmal aber auch schnell wieder in Vergessenheit. Eilshemius sah sich beispielsweise mit dem Verdacht stupendous ouput konfrontiert. Andere, wie William Edmondson, der sich nach einem Landarbeiterleben göttlich berufen fühlte und Figuren aus Stein gestaltete, führten ein kurios anmutendes, aber unabhängiges Leben. Er verkaufte neben seinen Skulpturen selbst angebautes Gemüse. Trotzdem hatte er als erster afroamerikanischer Künstler  1937 eine Ausstellung im Museum of Modern Art New York.

Andrè Bauchant wiederum beeindruckte mit seiner kindlich naiven Malweise mythologisch historischer Geschichten Serge Diaghilev genauso wie Max Ernst. Obwohl er selbst ein Protagonist neuer Mythen in der Malerei war, erreichte er nicht das Renommee der Galionsfigur der vergessenen Meister, dem ehemaligen Zöllner Henri Rousseau. Unermüdlich hatte Rousseau an seiner Selbstbehauptung gearbeitet. Arbeit für Arbeit hat er jahrzehntelang auf den Markt der Eitelkeiten geschleppt, um schließlich anerkannter Teilhaber der Boheme-Avantgarde zu werden. Trotz alledem haftet ihm bis heute der Status Sonderkategorie Naive Malerei an.

Rousseau’s Ikone Der hungrige Wolf wirft sich auf die Antilope von 1905 ist sowohl zentraler Stern im Schatten-Avantgarde-Kosmos, als auch Referenzpunkt der klassischen Moderne. Begleitet von Arbeiten wie Frau mit Artischocke (1941) von Pablo Picasso oder Piazza di Ferrara (ca. 1938 – 1940) von Giorgio de Chirico sowie Selbstbildnis mit Kamelienzweig (1906/1907) von Paula Modersohn-Becker oder Barbarische Erzählungen (1902) von Paul Gauguin zieht die Ausstellung eine Linie, die Schatten und Licht nicht trennt, sondern ihre Schattenrisse in Beziehung setzt.

Die Ausstellung Der Schatten der Avantgarde stellt Fragen, ohne Antworten radikal zu behaupten. Sie lohnt allerdings, mit ihr Karl Ernst Osthaus‘s Folkwang-Idee einer ars una in einem spielerisch inszenierten Wahrnehmungsparcours nachzuspüren.

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17.10.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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