Wie Fabio Luisi ein schon verloren geglaubtes Konzert rettete

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Hoch waren die Erwartungen an das Konzert mit der Philharmonia Zürich unter Fabio Luisi und dem Pianisten Ivo Pogorelich in der Philharmonie Essen gesteckt. Umso größer geriet die Enttäuschung nach dem Konzert Nr. 2 c-Moll für Klavier und Orchester, op. 18 von Sergej Rachmaninow.

Es schwante einem schon nichts Gutes, als Pogorelich höchst ungewöhnlich als Pianist seiner Klasse mit den Noten unter dem Arm, begleitet von einer Umblätterin, die Bühne betrat. Doch es ließ hoffen, als er mit den vertrauten Glockenakkorden zum Auftakt des Konzerts dynamische Akzente setzte. Gestisch effektvoll, als würde er dem ästhetischen Phänomen Rachmaninows  drängend dienen, schlichen sich erste Zweifel ein.

Es schien, als wollte er den von Kritikern Rachmaninows immer wieder behaupteten Generalvorwurf, er würde einer konservativen Klangwelt von gestern anhängen, mit brachialer Wladimir-Majakowski-Attitüde entgegentreten. Es machte den Eindruck, um im Bild zu bleiben, als würde der legendäre Songpoet Wladimir Wyssozki Majakowskis kraftvolle Lyrik durch seine exzessive Interpretation hochtourig verzerren.

In Pogorelichs Spiel schlichen sich nach und nach unsichere Tonstimmungen ein. Manchen Passagen fehlte eine akkurate Souveränität im Detail. Man vermisste die für Rachmaninow typische, von ihm teilweise unter Qualen erarbeite musikalische  Linie. Substantielle Auseinandersetzung mit seiner Musik in diesem Konzert, das die ganze Bandbreite der emotionalen Klimazonen durchmisst – Fehlanzeige. Von dem Genius, den dem Pianisten Martha Argerich beim Skandal umwitterten Chopin-Wettbewerb 1980 attestierte, war an diesem Abend wenig zu hören.

Fabio Luisi mühte sich mit der Philharmonia Zürich redlich, Pogorelich spätestens im zweiten Satz mit Adagio sostenuto in die E-Dur-Melancholie der berühmten unendlichen Melodie ein gemeinsames Spielangebot zu   machen. Aber selbst eine konzise Gemeinsamkeit wollte sich nicht einstellen. Am Ende viel Ratlosigkeit. Was Pogorelich nach kurzer Pflichtverbeugung ( Maestro Luisi noch am Pult zugewandt) demonstrativ vor dem applaudierenden Teils des Publikums mitzuteilen hatte, hätte man nach diesem Konzert gern gewusst.

Dass jener Konzertabend trotz des irritierenden Vorspiels eindrucksvoll in der Erinnerung bleibt, ist Fabio Luisis inspirierender Interpretation der Sinfonie Nr. 6 h-Moll, op. 74, „Pathétique“ von  Pjotr I. Tschaikowski zu verdanken. Mit temperamentvoller Emphase, mit tänzerisch beschwingtem Charme, verbunden mit einem klar akzentuiertem Dirigat, an dem jeder Muskel seines Körpers beteiligt schien, motivierte er die Philharmonia Zürich zu einem tieflotenden Orchesterspiel. Tschaikowskis sinfonisches Fazit, für manche ein Requiem für ihn selbst – er starb wenige Tage nach der von ihm dirigierten Uraufführung am 16.Oktober 1893 -, wurde facettenreich und ausdrucksstark gestaltet.

Schon der Beginn, wenn das Solo-Fagott  düster und ahnungsvoll einstimmt, markiert den weiteren Verlauf. Verlässlich Holz und Blech wie Streicher und Bässe, türmt Luisi musikalische Nervosität, die sich in einer markant gesetzten Adagio-Zäsur entlädt. Teneramente, molto cantible hat Tschaikowski in der Partitur notiert und, als ob ihm das noch nicht genügte, mit con espansione verstärkt.

Luisi setzt auf die Ausdruckskraft von dicht nebeneinander gesetzten emotionalen Kontrasten. Explodierende Leidenschaft neben suggestiver Zurückhaltung. Der zweiten Satz leitet mit flirrenden Triolen zu jenem, inzwischen fast zu einem Gassenhauer gewordenen Marschmotiv über. Immer wieder von fein ziselierten Phrasen unterbrochen, wird der Sturmanlauf molto vivace immer drängender. Luisi imaginiert eine Bedrohlichkeit, die sich beim Zuhören auratisch unter die Haut schiebt.

Dort, wo viele Sinfonien fortissimo enden, hat Tschaikowski der  6.Sinfonie noch einen vierten Satz angefügt. Alles ist klanglich gesteigert und enigmatisch überhöht: Adagio lamentoso. Abgrundtief resignierend, erstirbt die Musik im wahrsten Sinne des Wortes.

Es schien, als habe Luisi sich selbst und die Philharmonia Zürich transzendiert. Celli und Bässen zugewandt, tranceähnlich versunken, verklingt pianissimo der letzte Ton. Hätten sich einige besonders applaudiersüchtige Konzertbesucher ein wenig mehr zurückgehalten, wäre vielleicht etwas von dem Trauerodium hinter Tschaikowskis letzten Tönen in der Stille wahrnehmbar geworden.

18.10.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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