Werthers Münchner Gartenlauben-Sehnsucht

© Wilfried Hösl

© Wilfried Hösl

In der Bayerischen Staatsoper München gibt es jedes Mal ein interessantes Pausenritual zu beobachten. Als folgten die Opernbesucher einer unsichtbaren Choreografie, reihen sie sich in einen Rundgang um den Spiegelsaal ein. Konsequent wird die einmal eingeschlagene Laufrichtung beibehalten. Wer entgegengesetzt läuft, wird unweigerlich zum störenden Hindernis.

Auch bei Werther ist das an diesem Abend so. Die allfällige Beobachtung erscheint hier allerdings mehr als nur eine beiläufige zu sein. Als hätte Jürgen Rose seine Inszenierung darauf abgestimmt, drehen sich Opernbesucher und Bühne in ähnlicher Weise um eine Achse.

Auf der mit einem lichthellen Gelb ausgeleuchteten Bühne studiert der Amtmann mit seinen Kindern mitten im Sommer Weihnachtslieder ein. Der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper, von Stellario Fagone exzellent eingestimmt, klingt nicht nur kinderleicht. Die Kinder sind mehr als nur singende Statisten. Sie sind von der Regie ideenreich geführte Mitspieler.

Tisch, Sofa und Stühle umkreisen einen massiven Felsbrocken, der in der Wohnzimmer-Gartenlauben-Idylle wie ein außerirdischer Meteorit wirkt. Deplatziert, verstörend, irritierend. Auf ihm sitzt Werther, grüblerisch versunken, an einem Schreibtisch. Übersetzt seinen Lieblingsdichter Ossian, phantasiert eine Familienglück-Sehnsucht und schwebt von dort traumverloren in somnambuler Verklärung von Zeit zu Zeit in die Familie von Charlotte ein.

Erhöht, wie auf einem Podest für eine Skulptur ist Rolando Villazón zu sehen, noch ehe sich der transparente, mit Ossian-Textfragmente beschriftete Vorhang hebt. Die Idee der Inszenierung, den weltfremden Träumer Werther überhöht ins Bild zu setzen, projiziert gleichzeitig darüber hinaus unweigerlich Erwartungen auf Villazón, als einen der weltweit meist gefeierten und verehrten Lieblinge der Opernwelt.

Es ist zu spüren, wie der Saal den Villazón-Ton herbei sehnt, ihm entgegen fiebert. Aber der ist leider an diesem Abend nur in Ansätzen zu hören. Merkwürdig matt, reduziert im Volumen, fehlt seiner Stimme nicht nur der Glanz sondern auch eine nachhaltige Ausdruckskraft. Seine Arien begleitet er mit großen Gesten, die in seiner Stimme allerdings kein Äquivalent haben. Mit Routine gelingen ihm expressive Details, ohne insgesamt zu überzeugen. Dass im dritten Akt trotzdem – für einige Opernbesucher endlich, lang herbei gesehnt – stürmischer Szenenapplaus nach Pourquoi me réveiller, o souffle du printemps! aufbraust, macht auch Villazón sichtlich zufrieden.

Aber wie derjenige, der nicht den Pausen-Lemmingen folgt, sondern in die andere Richtung läuft und damit jene stört, bleibt Werther in der bürgerlich geordneten Pflichtwelt Fremdling und Störfaktor zugleich. Er glaubt bei seinen Abstiegen in die Niederungen des Alltags in der Liebe zu Charlotte offenbar seine Hoffnungen erfüllt zu sehen. Vielleicht ist sie nur die Muse, die er gefunden zu haben glaubt, die sie aber nicht sein kann?

Angela Brower glänzt als Charlotte mit einem differenzierenden Mezzosopran. Als Pflicht-Charlotte klingt er spröde, manchmal geradezu entpersönlicht unterkühlt. Dagegen schillert er als liebesverzweifelte Charlotte hochdramatisch brandheiß. Zusammen mit Hanna-Elisabeth Müller, die mit ihrem strahlend jugendfrischen Sopran eine Idealbesetzung der jüngeren Schwester Sophie ist, sind sie die Sängerinnen des Abends.

Seit Goethe seinen Briefroman Die Leiden des jungen Werther 1774, in Sturm und Drang bewegt, veröffentlicht hat, regt er die Phantasien vieler Menschen bis heute an . Im Werther hat sich Goethe selbst seine unerfüllt gebliebenen Liebeshoffnungen zu Charlotte Buff aus Wetzlar von der Seele geschrieben.

Nur noch Liebe zu stammeln, ist Werther von der ersten Begegnung an möglich. Für seine überspannt luftigen Höhenflüge und ihre  unverschuldete, von einer doppelbödigen Moral geleitete Liebes-Entpflichtung gibt es keine Brücke, die sie gemeinsam gehen könnten. So nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Werther erschießt sich, Charlotte muss zweifelnd verzweifelt weiter leben: Tout est fini!

Goethes literarische Vorlage hat auch eine Vielzahl von Komponisten auf den Plan gerufen. Von den Opernvorlagen konnte sich letztlich nur Jules Massenets als Drame lyrique Werther durchsetzten. Um 1900 gewann sie eine ungeheure Popularität. An der Pariser Opéra Comique sind mehr als 1.000 Aufführungen belegt.

Massenets Oper liegt ein eklektizistisches Libretto verschiedener Handschriften zugrunde. Es  erzählt die Handlung in narrativen Versatzstücken, die als szenische Bruchsteine in einem Mosaik nicht ganz einfach zusammenzusetzen sind, um der inneren Werther-Logik habhaft zu werden.

Jürgen Roses Inszenierung setzt die Werther- und die Charlotte-Welt in einem Raumbild zusammen. Seine Lichtkonzeption koloriert die ebenfalls von ihm entworfenen Kostüme in Farbstufungen. In zart heiteres gelbes Licht getaucht, sieht man an der Decke und auf den Wänden Werthers handschriftliche Ossian-Übersetzungsfragmente. Gleichzeitig werden sie in den die Bühne einrahmenden  Spiegeln multipliziert. Die Katastrophe hat sich schon in die Idylle eingeschlichen.

Bei Werthers Abstieg in die Niederungen des Familienalltags wechselt das Bühnenlicht ins Bläuliche. Als würde sein Liebeswerben um Charlotte mit einer imaginären blauen Romantikblume im Gepäck die aufkeimenden Hoffnungen sogleich dunkel verschatten. Schriftauszüge aus der Ossian-Übersetzung haben mit Beginn des dritten Aktes jetzt fast den gesamten Raum obsessiv übermalt. Lebenswirklichkeit entschwindet. Todessehnsucht als alleiniger Fluchtpunkt. Adieu Charlotte, Aujourd’hui ou jamais! ist an der Decke zu lesen.

Albert, inzwischen Charlottes Ehemann zeigt sich nicht wirklich besorgt. Michael Nagys klangschön durchscheinender Bariton charakterisiert Albert mit klarer Distinktion.

Massenets  Komposition ist reich an wunderschöne Arien und Duetten. Doch dazwischen gibt es aber auch immer wieder musikalischen Leerlauf, eigentlich. Mit Asher Fisch steht ein Dirigent am Pult des Bayerischen Staatsorchesters, der insbesondere die betonten Taktwechsel von dramatischen Tutti im Blech zu den leisen lyrischen Klängen der Streicher souverän gestaltet.

Beifall braust auf, als sich die Solisten am Ende verneigen. Beim ersten Jubelsturm für Brower und Villazón ist nicht auszumachen, wem er mehr gilt. Selbstverständlich ist man geneigt zu sagen, Villazón ist der Mittelpunkt des Jubels per se. Der Applaus für Angela Brower, Hanna-Elisabeth Müller  und Michael Nagy jenem ganz zu recht wenig nach.

Interessant zu beobachten, wie Asher Fisch auf der Bühne zuerst den Kinderchor umarmt und sich dann erst unprätentiös mit den Solisten verneigt.

Nach Ende der Aufführung würde man dem tragisch gescheiterten Liebespaar Werther und Charlotte im Cafe des Münchner Literaturhauses einen Cappuccino empfehlen. Wer die Tasse an den Mund hebt, liest auf der Untertasse: Mehr Sexualität, die Herrschaften!

28.10.2015

Veröffentlichung in Opernnetz

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Über Peter E. Rytz Review

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