Walker Evans Fotografien im Josef Albers Museum. Quadrat Bottrop – tiefengeschärft und meditativ

Walker Evans, Sharecropper's Family, Hale County, Alabama 1936 © Museum of Modern Art, New York

Walker Evans, Sharecropper’s Family, Hale County, Alabama 1936 © Museum of Modern Art, New York

Walker Evans (1903 – 1975) wurde ein Leben lang nicht müde zu betonen, dass seine Fotografien weder Kunst noch Bildjournalismus seien. Für die meisten Leute, die sich angesehen haben, was ich machte, war es einfach gar nichts….bloß ein Wagen auf der Straße, oder irgendwer, aber das erwies sich als etwas, dass ich als Vorteil daran bezeichnen würde.

Die Retrospektive Walker Evans. Tiefenschärfe im Josef Albers Museum. Quadrat Bottrop (noch bis 12.Januar 2016) punktet neben dem Eigentlichen, Walker Evanss fotografischen Impressionen von der amerikanischen Gesellschaft anfangs bis Mitte des 20.Jahrhunderts, mit instruktiven Saaltexten. In der Mehrzahl Walker-Zitate, beschreiben sie nicht, was der Besucher ohnehin sieht. Sie informieren über zeitgeschichtliche und biografische Hintergründe der Fotografierten, wie sie Evans fotografische Intentionen, Motivation und Ambition dazu in Beziehung setzen.

Man merkt dieser Ausstellung an, dass sie nicht mit spektakulärem Pathos beeindrucken will, sondern dass sie langfristig mit respektvoller Sorgfalt vorbereitet und kuratiert wurde. Museumsdirektor Heinz Liesbrock hat zusammen mit dem intimen Kenner von Walker Evans Arbeit, Jerry L. Thopmson, einen langen Weg zurückgelegt, bis die Fotografien an den Bottroper Museumswänden hingen.

Der Gang durch die Ausstellung ist eine Zeitreise durch die amerikanische Gesellschaft. Von Fotografie zu Fotografie gehend, ist es häufig wie eine Heimkehr. Diejenigen, die man vereinzelt in Ausstellungen schon sah oder jene, die man bisher nur aus Publikationen kannte, verbreiten als  Vintages  eine Aura des Authentischen und des Eigentlichen. Längst vergangen, springt einem das Leben in den Fotografien vehement entgegen.

Bildet er die Stadtlandschaft New Yorks von 1929 wie in Brooklyn Bridge oder in der grafisch reduzierten Perspektive von Wall Street Windows in menschenleeren Raumstrukturen ab, so ist er im nächsten Moment Stadt-Voyeur. In Parked Car, Small Town Main Street (1932) sind Raum, Zeit und Bewegung in einem Bild festgehalten. Der fragende, überraschte Blick der Beifahrerin zum Fotografen, der intuitiv in dem Moment auf den Auslöser gedrückt hat, wo im Hintergrund ein vorbeifahrender Lastkraftwagen unscharf zu sehen ist.

Jede Fotografie erzählt und reflektiert Alltagsgeschichten. Wenn Männer in Untitled, Signs, New York, 1930 einen überdimensionierten Schriftzug Damaged verladen, schwingt dabei, von heute aus betrachtet, etwas prophetisch Hintergründiges mit. Melancholische Sehnsucht nach einer Zeit, die in Unschuld unzerstörbar ewig bleiben sollte. Aber wie die Geschichte bis heute zeigt, ist sie und wird sie eine Illusion bleiben. In der Fotografie bleibt zumindest offen, ob Damaged abgeladen und im nächsten Moment an einer Fassade installiert wird oder ob es abgehangen und abtransportiert wird.

Ihn interessierte, wie er formuliert hat, zu dokumentieren, wie jede Gegenwart als Vergangenheit aussehen wird.

In Zusammenarbeit mit seinem Freund James Agee entstand 1936 der Band Let Us Now Praise Famous Men, eine Auftragsarbeit der Zeitschrift Fortune an jenen für ein Essay über Pachtbauern in den Südstaaten. Dieser stimmte dem nur unter der Bedingung zu, dass Evans fotografischer Dokumentarist sein würde. Let Us Now Praise Famous Men ist ein fotografischer Essay über Armut abseits von Phantombildern von Goldgräbern und Tellerwäschern. Bildmächtig eindrucksvoll aber gleichzeitig die Würde der abgebildeten Menschen wahrend, illustrieren die Fotografien nicht den Text. Sie sind ein eigener, von Narben übersäter Parallelkosmos zu ihm. Können Gruppenaufnahmen wie Sharecropper’s Family, Hale County, Alabama die nackte Armut noch ein wenig kaschieren, ist sie in den Portraits offengelegt. Unmittelbar, unverstellt, direkt.

Ähnlich, und doch ganz anders, Evans Herangehensweise in seinen New Yorker U-Bahn-Portraits (1938 – 1941). Ähnlich im Verstehen und Nachspüren von fremden Lebenssituationen: Schau genau hin, unverwandt, nur so bildest du dein Auge, und auch noch anderes. Die Betonung von noch anderes liest sich wie ein Credo von Evans. Er versuchte mit der Kamera das Leben hinter den Menschen einzufangen, es mit seinen Fotografien sichtbar zu machen. Woher kommen die Menschen, die da in der U-Bahn vor ihm sitzen, und wohin fahren sie? Für wenige Momente ein Stück gemeinsam unterwegs, aber fremd, nichts voneinander wissend.

Die Ausstellung folgt Evans fotografischen Expeditionen in den Alltag des ganz normalen Wahnsinns menschlicher Existenz. Landschaften und Menschen umgeben von Architektur und Struktur, von Werbung und Abfall, von Fülle und Leere. Sind die lichtempfindlichen, häufig kleinformatigen Fotografien in abgedimmten Licht ausgestellt und zwingen den Betrachter zu einem konzentrierten Sehen, öffnet sich in dem zentralen Saal, der mit einem das natürliche Licht reflektierenden Shed-Dach überwölbt ist, ein Blick in Walker Evans Haus.

Evans war nicht nur ein Fotograf mit einer sensiblen Wahrnehmung, er war auch ein Sammler von Signets des öffentlichen Lebens.  Vor allem Blechschilder, die Gebote, Verbote und Hinweise mit Schrift oder Grafik bezeichnen, hatten es ihm offensichtlich angetan. In ihnen sind Spuren eines Lebens sichtbar, denen auch er gefolgt ist. Dass er sie in seinem Haus aufgehangen hat, ist wie eine Hommage an das Leben, dem er zeitlebens mit seinem Fotoapparat auf der Spur war.

In den Blechschildern auf Oberflächenspuren begrenzt, sind seine Fotografien tiefengeschärt. Walker Evans. Tiefenschärfe. Die Retrospektive im Josef Albers Museum. Quadrat Bottrop ist mehr als nur eine Fotoausstellung. Sie ist eine Meditation über das Leben. Auf dem Umschlag des druckgrafisch anspruchsvoll gestalteten Katalogs ist ein Zitat von Evans zu lesen: Stare. It ist the way to educate your eyes, and more. Stare, pry, listen, eavesdrop. Die knowing something. You are not here long.

02.11.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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