Hamlet in Potsdam: Remember me or don’t remember, that’s the question

© HL Böhme

© HL Böhme

 

Theater ist ein Spiel mit vielen Unbekannten. Der Autor hat einen Text geschrieben, der Regisseur liest ihn unter dem Blickwinkel seiner Inszenierung, der Dramaturg entwickelt dazu einen konzeptionellen Spielverlauf. Schließlich erlebt das Publikum das reflektierte Ergebnis von Vorlage und Interpretation als konkrete Theateraufführung an einem bestimmten Tag. Textvorlage und Inszenierung können durch Jahrhunderte getrennt sein. Aber wie viele Zuschauer an diesem Tag im Parkett sitzen, bleibt offen, bevor sich der Vorhang hebt.

An diesem nebligen Novemberabend verloren sich kaum mehr als 60 Zuschauer im Hans-Otto-Theater Potsdam zu William Skakespeares Drama Hamlet, Prinz von Dänemark. Die spannende, sich jeden Abend immer wieder stellende Frage nach dem Publikumszuspruch muss in der Inszenierung von Alexander Nerlich über die natürliche Neugier hinaus noch einen weiteren Aspekt im Blick haben. Seine Inszenierung ist auf Interaktion zwischen Bühne und Parkett angelegt. Einzelne Szenen verlagern die Spielperspektive unmittelbar in Nachbarschaft zu und in Teilhabe mit den Zuschauern. In einem weitgehend unbesetzten, sehr leeren Theaterraum wird die dramaturgische Inszenierungsidee in ihrer Balance zwischen Spielen und Erleben zwangsläufig ausgehöhlt. Die Sitzplatzfehlstellen geben der Aufführung eine irrationale Anmutung.

Indirekt trifft sie damit aber in dieser unmittelbaren Situation – such is live -, mehr oder weniger ungewollt, den Ton von Nerlichs Inszenierung in besonders akzentuierter Art und Weise. Der ganz gewöhnliche Wahnsinn des globalisierten Kapitalismus wird in Hamlets manipuliertem Wahnsinn gespiegelt.

Die Inszenierung von Nerlich reflektiert den Mord am alten König Hamlet durch seinen Bruder Claudius im Kontext machtpolitischer Strategien. Claudius destabilisiert mit seinem Brudermord bisherige Machtstrukturen und strebt gleichzeitig, getrieben von Gier und Machtphantasien, eine neue Gewaltherrschaft an, in der die alten Strukturen wertkonservativ radikalisiert und stabilisiert werden.

Das führt bei Nerlich zu der Pointe, dass Mörder und Mordopfer eine gleiche Zukunftsoption teilen. Während Claudius versucht, den jungen Hamlet durch Täuschung und Selbstsuggestion ruhig zu stellen, instrumentalisiert der Geist von Hamlets Vater seinen Sohn Hamlet für die Blutrache-Tat. Hamlet, der zwar von Ahnungen einer blutbefleckten Machtaneignung durch Claudius umgetrieben ist und als Teil der jüngeren Generation irgendwie auch für eine neue Ordnung steht, wird von den alten Mächten manipuliert.

Nerlichs Inszenierung fokussiert auf die Frage, wie Hamlet durch Manipulation und Täuschung selbst zum Mörder und Selbstmörder wurde. Unter welchen Umständen werden junge Menschen, die wie Hamlet erst noch dabei sind, Liebessehnsucht mit Alltagswirklichkeit in Einklang zu bringen, zu mörderischem Handeln radikalisiert?

Die Bühne von Wolfgang Menardi funktioniert dabei als architektonisch nonverbale Äußerung. Die Sprache der Bühne lässt metallene Wände, die Wehr-Mauer und Wert-Abschottung zugleich sind, im Spielverlauf zu sich spiegelnden Flächen werden. Ein Spiegelkabinett, das eine Welt zeigt, die aus den Fugen geraten ist. Vordergrund und Hintergrund, oben und unten, seitenverkehrt getäuschte Wahrnehmungen – die Standpunkte verrutschen in einem bis dahin funktionierenden Koordinatensystem von Macht und Ordnung. Gekippt in die Horizontale, verlieren Grenzmarkierungen ihre Stabilität.

Die Dramaturgie findet in der Inszenierung einen überzeugenden Weg, das nonverbale Angebot der Bühnenbildkommunikation mit dem verbalen und gestischen Spiel des Ensembles zu einer stimmigen Performance zu verbinden. Malte Preuß hat ein Sounddesign entwickelt, das ihr eine ergänzende und kommentierende Stimme gibt.

Wenn Alexander Finkenwirth während seines Monologs Sein oder Nichtsein ein Mikrofon schwingt, es mit jeder Umdrehung immer lauter und beängstigenderes Surren hörbar wird, wirkt es verdoppelnd und beschleunigend. Solche Mikrofon-Drehmomente sind dramaturgisch konstruktive Platzhalter der Inszenierung. Laut-Verstärker und Abhörapparat zugleich. In dieser manipulierten Hamlet-Welt nimmt Finkenwirth den Kampf mit dem Mörder Claudius, im Schlepptau mit seiner Mutter Gertrud sowie gegen sich selbst und seine selbstverleugnenden Liebe Ophelia auf. Er spielt Hamlet einmal mit jugendlich ungezügelter Dynamik und Leidenschaft, die alles mitreißt, um im nächsten Moment statisch zu verharren. Das mutet mitunter unmotiviert an, gibt aber einer poetischen Nachdenklichkeit Raum.

Hamlets liebeskalt kalkulierte Zurückweisung von Ophelia zeigt sich nicht nur dramaturgisch wenig überzeugend. Zora Klostermann spielt in diesen Szenen merkwürdig unter Wert, während sie da, wo sie ein mit ausgezogenen Fäden präpariertes Klavier, gewissermaßen fern- und fremdgesteuert, spielt, gelingt ihr eine einfühlsame Rollengestaltung.

Wolfgang Vogler als Claudius und Meike Finck als Gertrud spielen in der Pose eines Swingerpaares, bei dem Sex and Crime eine brutale Melange sind. Ein subtiles Spiel, das mit leisen Tönen Gewalt forciert, hin und wieder unterbrochen von Gertruds eintönigen wiederholten Schreispitzen, die als Spiel im Spiel selbstentlarvend sind.

Bernd Geiling ist in der Rolle des servilen Polonius ein Garant für eine insgesamt überzeugende Lesart des Hamlet. Bis zu der Szene, wo er seine Abhörpraxis überdehnt und von Hamlet mehr oder weniger versehentlich erstochen wird, ist die Dynamik der Inszenierung wesentlich seinem Spiel zu verdanken.

Auf dem Pausenvorhang ist Remember me zu lesen. Als imperative Aufforderung von den Alten an die jüngere Generation von Nerlich bis dahin inszeniert, stellt diese sich dann immer mehr in Frage. Das chaotische Ende mit Wahnsinn und Mord wird im Bühnenbild als Vexierspiel gespiegelt. Der Funktion des Theaters wird vielfach zugeschrieben, es würde dem Publikum den Spiegel vorhalten. In Nerlichs Inszenierung spricht der metaphorische Spiegel eine sehr direkte Sprache. Wenn man Gründe dafür sucht, warum an diesem Abend nur so wenige Zuschauer Hamlet sehen wollten, wird man die Inszenierung dafür nicht in Haft nehmen können.

Im Vergleich mit den Hamlet-Inszenierungen in der Nachbarschaft von Berliner Ensemble (To be or not to be: Hamlet on BE vom 22.09.15) und der Schaubühne Berlin (Hamlet im Hochtemperatur-Theater Schaubühne Berlin vom 24.09.2014) muss die Potsdamer Aufführung den Vergleich nicht scheuen.

05.11.15

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Über Peter E. Rytz Review

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