Der gute Mensch von Sezuan – Es muß ein guter da sein, ist Leander Haußmann überzeugt

©  Peter E. Rytz

© Peter E. Rytz

Wie in vielen Theatern üblich, kann man auch im Berliner Ensemble hausspezifische Souvenirs kaufen. Beliebt sind t-Shirts, bedruckt mit Texten. Als Kommentare, Statements oder Bekenntnisse wandern sie aus dem Theater in den Alltag.

Wie soll ich gut sein, wenn alles so teuer ist?, ist auf einem zu lesen. Es ist das t-Shirt zum Stück Der gute Mensch von Sezuan. Bert Brecht schickt in diesem, von ihm so bezeichneten Parabelstück Götter zu den Menschen, um einen guten Menschen ausfindig zu machen. Zunächst möchte niemand die Götter, die als Menschen verkleidet ein Nachtlager suchen, bei sich aufnehmen. Schließlich ist einzig die Prostituierte Shen Te dazu bereit. Ich weiß nicht, der Magen knurrt leider auch, wenn der Kaiser Geburtstag hat. Auch wenn es ihr schwer fällt, es mit ihrem Gewerbe zu organisieren: Aber gut, ich will sie aufnehmen.

Für diese gute Tat wird Shen Te so reichlich entlohnt, dass sie sich dafür einen kleinen Tabakladen mieten kann. Fortan will sie das Gute, das sie unverhofft erfahren hat, an andere weitergeben, es mit ihnen teilen. Aber, und das muss sie bald bitter erfahren, die Welt ist nicht gut genug für das Gute. Vorher von vielen verachtet und gemieden, kann sie sich jetzt vor falschen Freunden nicht mehr retten. Bisherige Verlässlichkeiten, die moralisch schlecht und gut zwar gewohnheitsmäßig nur behaupten, aber nicht wirklich nachprüfen, verlieren sich in Neid, Gier und Boshaftigkeit.

Bert Brechts Parabel hat Leander Haußmann am Berliner Ensemble zu einer furiosen Inszenierung mit einem fulminant spielenden und singenden Ensemble inspiriert. Das zu großen Teilen jugendliche Publikum verfolgte die Aufführung mit empathischer Begeisterung, immer wieder kommentiert von lautem, zustimmendem Lachsalven und körperlich gestischer Erregtheit. Nach mehreren stürmisch bejubelten Vorhängen umarmten sich auf dem Weg aus dem Theater hinaus in die regnerisch trübe Novembernacht zwei Abiturienten: Ein geiles Stück! Da gehen wir nächste Woche noch einmal hin!

Ob ein Gutsein-Wollen ohne ein böse Hintertür, die man bei Bedarf öffnen kann, ausreicht, um das Gute durchzusetzen und was das Gute eines Menschen überhaupt ist, befragt Haußmann mit einem dramaturgisch hervorragenden Mix von Texten, Liedern und variablen Spielformen. Sie reichen von handwerklich glänzend dargebotenen Slapsticks bis zu doppelbödigen, tragikomischen Reflexionen. Ihre Dynamik erhält seine Inszenierung durch filmisch anmutende Szenenschnitte.

Mit Via Lewandowsky hat er einen Bühnenbildner als Künstler zur Seite, der nicht nur einen veritabel spielbaren Tabakladen gebaut hat. Eine seitliche, schmale Verlängerung der Bühne in den Zuschauerraum hinein schafft örtlich eine unmittelbarere Nähe zum Publikum. Dadurch werden die Spielinhalte gleichzeitig zu Heute-Kommentaren. Aber die Bühne von Lewandowsky ist noch viel mehr. Er hat monströse Peitschenlampen, die als Lichtgeber an öffentliche Inszenierungen diktatorischer Machtgebärden aus der deutschen Geschichte erinnern, auf die Bühne gestellt. Wenn sich die Götter mit Erleuchtete! , zuerst durch den Wasserverkäufer Wang (von Norbert Stöß als flaschensammelndes Original facettenreich gespielt)  später von Shen Te angerufen werden, bewegen und durch die Lampen konzentriert beleuchtet werden, werden metaphorische Bilder generieret, die mehr als nur eine Bebilderung des Textes sind. Der gute Mensch von Sezuan ist ein kongenial umgesetztes  künstlerisches Projekt von Regie, Bühne, Licht und Musik.

Die von Paul Dessau vertonten Lieder des Parabelstücks sowie sparsam zitierte Pop-Songs wie Raindrops keep falling of my head funktionieren wie inszenatorische Generalpausen. Sie stoppen für Momente den Spielfluss zugunsten von reflektierten Textformen eines Gedichtes oder einer Parabel. Sie verfremden den konkreten Kontext des Stückes, indem sie ihn emotional aufladen oder ihn aus einer Götterperspektive sprechen lassen.

Es ist ein Spielangebot, das dem Ensemble keinen roten Teppich ausrollt. Haußmann ist nicht an Eitelkeiten oder Effekthascherei, sondern an Spielwitz, gepaart mit Spielintelligenz,  interessiert. Diese Chance in einem Stück, in dem es  keine wirkliche Trennung von Haupt- und Nebendarstellern gibt, das Ensemble ist der Hauptdarsteller, haben offenbar alle Schauspielerinnen und Schauspielern erkannt und sie mit großartigem Spiel genutzt.

Allen voran die quicklebendige Antonia Bill in der Doppelrolle der gutmütigen Shen Te, dem Engel der Vorstädte und ihrem bösen, männlichen alter ego Shui Ta. Ihr Spiel ist eine körperintensiv kraftvolle, ausgewogene Balance von Stimme, Gestik und Raumgefühl. Gleichzeitig vermag sie der durch Prostitution eigentlich abgehärteten Shen Te eine kindlich staunende Naivität mit großen Überzeugungskraft zu geben.

Ein schauspielerisches Kabinettstück gelingt ihr zusammen mit Matthias Mosbach in der Szene Abend im Stadtpark. Yang Sun, der Flieger ohne Flugzeug, ein Postflieger ohne Post, den Mosbach als einen intriganten Schmarotzer mit Babyface-Maske gibt, will sich mit einem Strick an einer Peitschenlampe aufhängen. Haußmann entwickelt mit dramaturgischer Unterstützung von Steffen Sünkel und Lewandowsky eine Szene, die absurd und chaplinesk zugleich ist. Die Peitschenlampen werden in ihren Lichtfokussierungen zu aktiven Mitspielern. Sie muten wie übergroße Handpuppen an, die sich über Antonia Bills und Matthias Mosbachs artistisch perfekt aufeinander abgestimmtes Spiel beugen und es zu kommentieren scheinen.

Das Spiel von Bill  und Mosbach hat eine darstellerische Überzeugungskraft, die unmittelbar auf das Publikum überspringt und zu parallelen Resonanzbewegungen führt. Gleichzeitig findet Bill übergangslos eine der genannten Generalpausen. In unserem Lande dürfte es trübe Abende nicht geben, auch hohe Brücken über die Flüsse ist sie über Yang Suns Selbstmordversuch erschrocken.

Selbst da, wo sie trotz des Verrats ihrer Liebe durch Yang Sun beschwörend beharrt Ich will mit ihm gehen, den ich liebe und anschließend in einem behutsam ausgeleuchteten Halbschatten nackt sich zu der Überzeugung durchringt Die Götter haben auch gewollt, dass ich zu mir gut bin, verkörpert sie eine unantastbare, schauspielerische Souveränität. Jenseits von peinlich wirkender, nackter Zurschaustellung, die häufig einfallslose Theaterinszenierungen dominieren, setzt Haußmann seine szenische Darstellung in Beziehung zu der anfänglichen Hoffnungslosigkeit der Götter, keine Unterkunft zu finden: Es gibt keine Gottesfürchtigen mehr, das ist die nackte Wahrheit…..

Damit, dass die Götter bei Haußmann Frauen und gleichzeitig Witwe, Mutter und Hausbesitzerin sind, wird eine aktuelle Perspektive erreicht, die zwischen denen da oben und denen da unten nur durch den Wimpernschlag eines Rollentauschs unterscheidet. Auch hier keine pädagogisierende Heute-Krücke sondern eine sich aus der Inszenierungsidee ergebende Dramaturgie.

Swetlana Schönfeld als Mutter des Fliegers Yang Sun ist zwar mit ihrer Körperlichkeit eine Dominante im Göttinnen-Frauen-Trio, der Traute Hoess als Witwe Shin und Ursula Höpfner-Tabori als Hausbesitzerin Min Tzü keineswegs nachstehen. Sie sind ein Doppel-Terzett, das in unterschiedlichen und gemeinsamen Rollen akzentuiert gestaltet.

Aus dem Ensemble ist Boris Jacoby noch besonders zu nennen. Er ist der hilfsbereite aber lebensfremd konfuse Barbier und hoffnungslose Frauenversteher Shu Fu. Er spricht mit einem rülpsenden Kicksen, der Shu Fus Gutmenschen-Ambitionen per Artikulation ad absurdum führt.

Mit Den Vorhang zu und alle Fragen offen im Epilog bekennt Brecht, keinen Königs- respektive Götterweg zu wissen: Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!

Leander Haußmann ist davon auch überzeugt. Seine Inszenierung ist ein Versuch, wie es gehen könnte.

15.11.15

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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