Adam Fischer ist da und Düsseldorf jubelt

@ Peter E. Rytz 2015

@ Peter E. Rytz 2015

Adagio –Allegro, der 1.Satz der Symphonie Nr. 88 G-Dur von Joseph Haydn, gespannte Aufmerksamkeit. Adam Fischer, der neue Prinicpal Conductor der Düsseldorfer Symphoniker beendet ihn lächelnd, demonstrativ mit dem erhobenen rechten Daumen ins Orchester signalisierend: Das war schon mal ein guter Anfang. Überall freudig erregte Zustimmung in der Tonhalle Düsseldorf. Lange mussten die Tonhalle-Getreuen auf diesen Moment warten. Jetzt zeigt sich, dass sich das Warten gelohnt hat. Fischer ist in Düsseldorf angekommen.

Bis zuletzt waren immer wieder Stimmen laut geworden, die der Fischer-Berufung misstrauten. Ein weltweit so gefragter Dirigent könne sich doch nicht ohne Kalkül für die Düsseldorfer Symphoniker entschieden haben. Von halbherzigem Engagement war da Rede, was man schon daran erkennen könne, dass er mit dem ersten Sternzeichen-Programm  in der neuen Funktion offenbar vor allem sein Haydn-Image und mit dem zweiten Teil des Konzerts, der Symphonie Nr. 7 e-Moll von Gustav Mahler seine Mahler-Ambitionen gleich doppelt aufpoliere.  Einerseits alle Mahler-Sinfonien mit den Düsseldorfer Symphonikern bis 2020 einzuspielen, um seinen Mahler-Bonus auszubauen. Andererseits mit der Siebenten zu beginnen, weil sie die Symphoniker ohnehin noch drauf haben, glaubte mancher Skeptiker, gute Gründe für seine Zweifel ins Feld führen zu müssen.

Diesem Geraune nahm Fischer schon mit dem ersten Satz der Haydn-Sinfonie den Wind aus den Segeln. Wer erlebt hat, mit welcher konzisen Überlegenheit und interpretativen Klarheit  er dirigierte und gleichzeitig mit dem Orchester in situ interagierte und kommunizierte (zustimmendes Daumenhoch inklusive), der wird fortan stolz anderen davon erzählen: Ich war dabei, als Adam Fischer die Tonhalle Düsseldorf eroberte.

Schon im Startalk vor dem Konzert schlugen Fischer nach wenigen Minuten die Sympathien entgegen. Ist die erzählte Geschichte seiner Berufung – Wenn einem so viel Liebe entgegen gebracht wird, kann man nicht Nein sagen – nicht ganz frei vom Geschmack einer inszenierten Marketingstrategie, so nahm Fischer mit dem Verweis, er habe sehr viel Glück in seinem Leben gehabt und möchte deshalb mit seiner Kunst auch denjenigen etwas schenken, denen nicht so viel Glück beschieden sei, die Herzen der Zuhörer ein.

Im Blick auf die eigentliche Sache, nämlich dem Wie der Musikgestaltung durch den Dirigenten, argumentierte er mit klaren Worten, die unmissverständlich seine Haltung als Dirigent und als Mensch deutlich machten. Nein, Haydn ist nicht nett. Er ist dramatisch, wehrte er sich vehement gegen einfache, aber meistens substanzlose Klassifizierungen, die behaupten, Haydns Musik sei nett. Jene verkennten nicht nur Haydns Dramatik in seinen Kompositionen, sondern legitimierten im Nachhinein ein möglicherweise schlechtes Dirigat durch die Hintertür.  Es gehe ihm darum, Wirkungen der Komposition mit den heutigen Instrumenten zu rekonstruieren. Nur Noten zu spielen, ist ein Verbrechen. Ich versuche, die Überlegungen des Komponisten zu meinen eigenen zu machen.

So drastisch, kompromisslos und stringent sein Reden über sein Verständnis von Musik – Musik ist eine Kunst, wo man mit Worten nicht hinkommt -, so konsequent und überzeugend die konzertante Praxis.

Fischer dirigiert nicht nur mit seinem ganzen Körper, sondern er tanzt mit gestisch suggestiver Eindeutigkeit. Noch der kleine Finger, selbst ein Augenaufschlag oder nur ein fast unmerkliche Körperbiegung funktionieren als glasklare, rhythmisch übersetzte, mitunter pantomimisch anmutende Zeichen an das Orchester.

Haydn klingt tatsächlich farbig, ja dramatisch. Tempo, Lautstärke und Pausen übersetzt Fischer mit seinem Ganzkörperdirigat in einen Klang originärer Schönheit. Man hat den Eindruck, dass die Düsseldorfer Symphoniker durch seine Inspiration dabei sind, neue orchestrale Klangräume zu erkunden. Orchestermusiker werden von ihm ermutigt, sich auch als Solisten von Tenorhorn, Oboe über sämtliche Streicher zu zeigen. Allegro con spirito ist das Finale bezeichnet,  und mit ebensolchem Spirit geht das Haydn-Konzert unter jubelnden standing ovations zu Ende. Bevor sich Fischer dem Publikum dankend zu wendet, zeigt er seinem Orchester die geballte Siegerfaust.

Von da an konnte man sicher sein, dass das Mahlersche, 80minütige magnum opus, seine 7. Symphonie, die Fischer übrigens wie schon Haydn auswendig dirigiert,  mit ihm mehr als nur mit den üblichen Vokabeln wie traumhaft und bizarr, heiter und pompös zu beschreiben sein würde. Anekdoten über sowie Zitate von Mahler, wie die aus einem Brief an seine Frau vom Sommer 1905 am Wörthersee –  Ich stieg in das Boot, um mich hinüber fahren zu lassen. Beim ersten Ruderschlag fiel mir das Thema (oder mehr der Rhythmus und die Art) der Einleitung zum 1.Satze ein – und in 4 Wochen war 1., 3. Und 5.Satz fix und fertig! – sind vielfach analysiert worden, um die immer wieder beschworene condition humaine in seinen Sinfonien zu finden.

Fischer bekennt sich dazu, ein egoistischer Künstler zu sein, der Mahler immer wieder neu interpretieren will.  Diese als Sinfonie der Nacht bezeichnete Siebente ist für ihn ein unendlicher Kosmos von Lebensfreude, Leid und Ratlosigkeit, immer wieder neu zu entdecken. In den 80 Minuten mit Mahler und Fischer in der Tonhalle verlieren Raum und Zeit ihre verlässlichen Koordinaten. Serioso-Einleitung, Lamento-Melodiebögen, melancholische Ländlermusik, Anmutung eines Danse macabre im 3.Satz über strahlendem Maestoso-Hauptsatz bis zur Exaltation des C-Dur-Glanzes des Finales mit einem markanten Diminuendo – alles ist natürlich auch bei Fischer zu hören, nicht durch konditionierte Effekt-Orientierung, sondern durch eine stringente Dynamik. Das Mahler-Mysterium auszuleuchten, ohne es unbedingt entschlüsseln zu wollen. Was im Abendlicht des Sonnenuntergangs klar umrissen scheint, verschattet sich in der Nacht wieder in geheimnisvolle Leere.

Düsseldorf darf sich in den nächsten Jahren freuen, mit Fischer dahin geführt zu werden, wo Worte nichts mehr ausdrücken müssen.

21.11.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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