Picassos Frauen im Buchheim Museum – Göttinnen oder Fußmatten?

@ Peter E. Rytz 2015

@ Peter E. Rytz 2015

Wer von München mit der Bahn an den Starnberger See fährt, hat einen mehrfachen Gewinn. Hinter sich den unaufhörlichen Großstadt-Dauerlauf, vor sich den entschleunigten Rhyhtmus beim Gehen. Zu Fuß vom Bahnhof Bernried in Richtung See bietet sich im alten Dorfkern die ehemalige Hofmarkskirche aus dem 14.Jahrhundert als erster, meditativer Ruhepunkt an. Wenn sich wenige Schritte weiter der Blick vom Seeufer aus auf die Alpenkette richtet, wird der Flaneur weitere wenige Gehminuten später von der Architektursilhouette des Buchheim Museum der Phantasie überwältigt.

Da der Weg selbst nach Konfuzius schon das Ziel ist, wäre es schon genug, um die Seele an diesem bevorzugten Ort baumeln zu lassen. Allein es geht noch mehr. Vor allem  im Museum geht es um noch mehr.

Das Buchheim Museum lädt mit der Ausstellung Picasso. Mann und Frau dazu ein, hinter dem Kunstwerk der überragende Künstlerpersönlichkeit Pablo Picassos den Menschen zu identifizieren. Bei Picasso eine aufschlussreiche und mehrfach gebrochene Perspektive. Frauen waren für ihn sowohl Inspiration für verschiedene Schaffensperioden, wie auch Projektionsfläche für seinen Machismo. Erotomane Eroberungspose geformt aus unbedingter Stierkampfverehrung.

Ein romanhaftes Leben begleitet von Depression, Tod und Selbstmord. Von den sieben Frauen, die in Partnerschaft mit ihm lebten, nahmen sich zwei, Marie-Thérése Walter und Jacqueline Roque, das Leben. Dora Maar, die anfangs unabhängig künstlerisch als Fotografin tätig war, versank, nachdem ihr Picasso erst in der weiterhin bestehenden Beziehung mit Marie-Thérése einen parallelen Fixpunkt in seinem privaten Universum zugemutet hatte und sie nach der Begegnung mit der jungen Malerin Françoise Gilot endgültig zur Seite legte,  in tiefe Depressionen.

Ich liebe oder ich hasse. Wenn ich eine Frau liebe, dann sprengt das alles auseinander, besonders meine Malerei, ist ein von ihm überliefertes Bekenntnis. Von Françoise Gilot, der einzigen seiner sieben langjährigen Partnerinnen, die ihn verließ, ist der Ausspruchüberliefert, es gäbe für ihn zwei Arten von Frauen: Göttinnen oder Fußmatten

Nüchtern übersetzt heißt dies, dass er sich Frauen angeeignet hat, wie sie ihm für seine künstlerische Arbeit als Inspirationsquellen gerade recht kamen. Lapidar wird das in biografischen Kommentaren mit lernte er kennen benannt. Romantisch verklärt wie die erste Begegnung mit Fernande Olivier am einzigen Wasserhahn in einem Haus mit einer Katze auf dem Arm. Oder ein schnelles Verliebtsein in die Tänzerin Olga Stepanowna Chochlowa während einer Zusammenarbeit mit Diaghilev’s Ballets Russes. Er heiratete sie zwar 1918, trennte sich aber nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Paolo 1921 von ihr. Chochlowa führte mit ihm bis zu ihrem Krebstod 1955 einen unerbittlichen Rechtsstreit.

Marcelle Humbert, seine zweite Partnerin nannte er kurzerhand in Eva Gouel um. Die Nachbarschaft mit Georges Braque und seiner Ehefrau Marcelle war ihm, so wird vermutet, Grund genug für sein selbstherrliches Handeln.

Die Ausstellung heißt deshalb konsequent in der Reihenfolge Mann und Frau.  Picassos Handeln jenseits von emanzipatorischer, moralischer oder gendermäßiger Correctness ist zwar Folie der ausgestellten Arbeiten, aber nicht Maßstab für sein künstlerisches Wirken. So sensibilisiert, geht man mit einer anderen Wahrnehmung durch diese instruktiv kuratierte Ausstellung. Picasso als Sinnbild des freien, bürgerliche Normen ignorierenden Künstlers im 20.Jahrhundert steht exemplarisch für viele Künstler der Zeit bis heute. Selten ist dieser zwiespältige Widerspruch von Künstler und Mensch so präsent, wie derzeit im Buchheim Museum.

Vor jeder Arbeit drängt sich die Frage auf: Göttin oder Fußmatte? Gleichzeitig sieht man die Arbeiten mit anderen Augen. Hinter den zum Kanon der Kunstgeschichte gewordenen Werken scheint wie in einem dunstigen Halbschatten das Bild der Frau auf, die sie inspiriert haben.

Der Ausstellungsrundgang ist ein Gang durch die von Picasso geprägte Kunstgeschichte. Die hochkarätige Picasso-Sammlung von Lothar-Günther Buchheim und die Sammlung von Helmut Klewan sowie Ölgemälde aus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und der Nationalgalerie Berlin, Museum Berggruen, sind mit Picasso. Mann und Frau in einer opulenten Schau zusammengekommen.

Einzelne Werkphasen markieren einen unvergleichlichen Weg von markanten  Anfängen bis zu heroisch gefeierten Höhen. Der Raucher (1964), Farbkreide auf Papier, der bei Buchheim Zeit seines Lebens im Wohnzimmer hing, markiert das Zentrum der Ausstellung. Er wirkt wie ein Meteorit im Buchheim-Picasso-Kosmos. Um ihn gruppieren sich die Arbeiten wie ein Strahlenkranz, den man zu kennen glaubt und der im Original doch viel intensiver zu strahlen und zu glänzen vermag.

Lithografien wie Frau mit blauem Hut (Dora Maar), 1955 oder Francoise, 1946 nennen im Titel die Frauen hinter ihnen. Bei anderen wie Frau mit Hut, 1939 oder Großer Frauenkopf, 1962 bildet die Jahreszahl die Frauenbrücke. Überall ist Picassos expressiv obsessive, erotomane Gestaltungskraft spürbar. Kantig verschachtelte Umformungen von Kopf und Körper in symmetrische Flächen belegen seine bis ins hohe Alter anhaltende künstlerische Neuerfindungen. Vorwärts getrieben von der Überzeugung – Ich suche nicht. Ich finde. –, ist sie in der Perspektive Mann und Frau nachzuvollziehen.

Die Flamenco-Performance von Vivien Baer zur Ausstellungseröffnung war die zu Mann und Frau passende tänzerische Reflexion. Temperamentvoll, demonstrativ zentriertes Ich und gleichzeitig erotisches Werben, das männliche Erlösungsphantasien schürt.

Ein Hauch von diesem Flamenco-Fieberwahn ist in der Ausstellung in Bernried auch ohne die Tänzerin zu spüren. Zurück in die Aufgeregtheiten der Großstadt können die sinnlichen Momente von Bernried helfen, sich von ihnen nicht sofort wieder vereinnahmen zu lassen. Man kann ja bis zum 8.März 2016 immer mal wieder zurückkehren und auftanken.

23.11.2015
photo streaming Picasso. Mann und Frau und Flamenco mit Vivien Baer

 

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