Paul Klee im Dialog mit Wassily Kandinsky und Willi Baumeister

Paul Klee, Mild-tropische Landschaft, 1918, Sammlung Baumeister

Paul Klee, Mild-tropische Landschaft, 1918, Sammlung Baumeister

Herbst in München ist immer auch eine hohe Zeit für Kunstausstellungen. Wer jetzt dem Blockbuster-Hype von Klee & Kandinsky – Freunde, Nachbarn, Konkurrenten in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München folgt  (noch bis 24.Januar 2016), sollte sich nach dem dortigen großstädtischen Gedränge unbedingt Zeit für weitere Begegnungen mit der Avantgarde im Umland nehmen.

Neben Picasso. Mann und Frau (vgl. Picassos Frauen im Bucheim Museum – Göttinnen oder Fußmatten? vom 23.11.15) im Buchheim Museum der Phantasie in Bernried am Starnberger See bietet die Ausstellung Willi Baumeister und Paul Klee. Struktur und Vision im Franz Marc Museum in Kochel am See weitere Perspektiven auf das Werk von Paul Klee. Auch wenn Baumeister eine Generation nach Kandinsky, aber nur 10 Jahre später als Klee geboren wurde, sind sie um die Mitte des 20. Jahrhunderts nicht nur Zeitgenossen gewesen, sondern sind als Avantgardisten der Moderne in die Kunstgeschichte eingegangen. Im Dialog vergleichender Ausdrucksformen und Themen von Klee und Baumeister, der von der Kunstgeschichte bisher weitgehend vernachlässigt wurde, sind in Kochel am See unaufgeregte, leise Erzählungen zu erlauschen.

Während Klee eine Leitfigur der Avantgarde nach 1900 ist, beeinflusste Baumeisters Werk die künstlerische Verbindung mit der frühen Moderne und ihrem Neubeginn nach 1945 wesentlich. Von daher schließt die Ausstellung im Franz Marc Museum unmittelbar an die in München an.

War Paul Klee in der Frühphase seiner Arbeit indirekt von Wassily Kandinsky inspiriert, setzte er später immer stärker eigene  künstlerische Akzente. Im sorgfältig editierten, ohne kunstgeschichtlich, den Leser überbeanspruchende Formulierungen lesbaren Katalog heißt es: Konkurrenten waren die beiden Künstler…..wobei Klee in der Rezeption seit den 1920er Jahren im Vorteil gegenüber Kandinsky war.

Dieser kreativen und produktiven Konkurrenz über drei Jahrzehnte zwischen ihnen kann man in Klee & Kandinsky – Freunde, Nachbarn, Konkurrenten, als einem anregenden Parcours kuratiert, nachspüren. Er ist das Ergebnis einer  wirkungsvollen Zusammenarbeit der führenden Klee-Kandinsky-Kompetenzzentren, Zentrum Paul Klee in Bern und Städtische Galerie im Lenbachhaus in München.

Ausstellungen in der unterirdisch gelegenen Ausstellungshalle Kunstbau – ein bis 1994 ungenutzter, leerer Raum der U-Bahnstation am Königsplatz – haben per se einen besonderen Charme. Wenn sich immer wieder Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in die Ausstellungen verlaufen (zumindest bis in den Eingangsbereich), obwohl sie eigentlich nur zur U-Bahn wollten, verwischen sich für Momente Kunst und Alltag. Die Ausstellungskonzeption will genau das.

 Dass Klee & Kandinsky mehr als nur eine weitere Ausstellung bekannter, häufig schon gesehener Arbeiten ist, verdeutlicht die programmatische Struktur. Sie öffnet damit auch dem zufälligen Besucher eine Tür ohne ein Übermaß kunstbeflissener Hürden. Sie fokussiert die Arbeiten in thematischen Blöcken. Werkentstehungszeit und Lebenszeitumstände bilden den Hintergrund für eine Künstlerfreundschaft, die bei aller freundlichen, aber auch distanzierten Nähe (Klee und Kandinsky haben sich zeit ihres Lebens mit Sie angesprochen!) eben auch Konkurrenz einschloss.

Ihre künstlerischen Ambitionen führen sie, in Konsequenz gemeinsamer Schnittmengen hinsichtlich Gegenstand, Linie und Farbe im Künstlerkollektiv Der Blaue Reiter zusammen. Ihre Motivationen kommen jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven.

Kandinsky argumentiert lehrbuchhaft 1910 in seiner Schrift Über das Geistige in der Kunst. Der erste Satz lautet: Jedes Kunstwerk ist Kind seiner Zeit, oft ist es Mutter unserer Gefühle. In seiner Malerei sucht er das Geistige, die Seele hinter den Bildern der realen Welt auszudrücken. Nicht Abbild, sondern Assoziation. Reduktion auf Farben, Linien, Punkte statt detaillierte Wirklichkeit. Sinnliche Eindrücke des Sehens, des Fühlens und des Hörens sucht er in eine malerische Formsprache zu übersetzen. Der Blaue Reiter ist programmatisches Bekenntnis und konzeptionelle Ausstellungsplattform in einem.

Klee bemühte sich  am Beginn seine künstlerische Arbeit um 1900, Schönheit sowohl aus Nähe als auch aus Distanz auszudrücken.  Der Schönheit diene ich durch Zeichnung ihrer Feinde (1901). Diese romantische Sicht erwies sich für ihn aber bald als Sackgasse. Dass er sich in seiner Arbeit mehr und mehr einer abstrakteren Formsprachen bediente, hat auch mit der Bekanntschaft Kandinskys, insbesondere aber vor allem mit der Ausstellung des Schweizerischen Modernen Bundes im Kunsthaus Zürich unter Beteiligung von Künstlern des Blauen Reiters 1913 zu tun.

In diesem Zusammenhang ist es im Blick auf die Ausstellung Willi Baumeister und Paul Klee. Struktur und Vision eine interessante, perspektivisch erhellende Arabeske, dass Paul Klee durch Franz Marc den Verleger und Galeristen Herwarth Walden, einen der wichtigsten Protagonisten des Dada-Expressionismus, kennenlernte. Waldens Galerie Der Sturm war für Klee seinerzeit ein wichtiger Distributor seiner Arbeiten. So zieht das Franz Marc Museum mit der Ausstellung eine Klee-Kontext-Linie von Kandinsky  bis zu Willi Baumeister.

In frappierender Seeelenverwandtschaft zu Kandinskys Nachdenken Über das Geistige in der Kunst vergewisserte sich auch Baumeister in einem programmatischen Text Das Unbekannte in der Kunst. Er ist Ausdruck seiner Verehrung von Klee und Dank für Inspiration.

Geht man in Kochel am See durch die Ausstellung, fällt durch die großen Panoramafenster fahles Herbstlicht auf die dialogisch gehängten Arbeiten von Klee und Baumeister. Serielle Arbeiten, die Visionen einer prozessualen Genese widerspiegeln, zeigen vor allem in den späten Werken erstaunliche Gemeinsamkeiten. Der Eidola-Zyklus von Klee und Baumeisters Eidos-Arbeiten, wie Eidos Abschied, beide um 1940, sind Ausdruck ihrer Suche nach dem Ursächlichen, nach Ur-Bildern. Sie berühren thematisch, wenn man so will, letzte Fragen. In den Montaru-Bildern von Baumeister – Montaru, 1954, das auch Vorlage für das Cover des kleinen, liebevoll gestalteten Katalogs zur Ausstellung ist – dominiert die schwarze Farbe. Sie hängen in einem Raum zwar den früheren Arbeiten Doppelturm (1923) und Figurine des bunten Teufels (1927) von Klee gegenüber, bilden ahnungsvoll eine Brücke zu seinem Spätwerk. Zeichensprache und Materialität verdichten sich zur Darstellung von offenen dynamischen Bewegungen.

Die Ausstellung in Kochel am See stellt erstmals die dialogische Kraft der Arbeiten von Klee und Baumeister aus. In der perspektivischen Verschränkung von Struktur und Vision treffen sich beide Künstler in ihrer Überzeugung, durch ungegenständliche Darstellungen der Welt hinter der Welt näher zu kommen.

Durch die thematische Hängung in München werden für die Ausstellungsbesucher die  Ergebnisse ihrer gegenseitigen Wahrnehmung im unmittelbaren Vergleich sichtbar. Entwurf 1 zu Komposition VII (1913) von Kandinsky neben Klees Aquarell auf Papier aus dem gleichen Jahr oder Klees Im Villenviertel (1912) im Kontext von Kandinskys Studie zu Herbst (1910) bis zu ihren Reflexionen auf Musik sind instruktive Beispiele für ihre konstruktiven Dialoge.

Die Zusammenschau von Paul Klees Arbeiten in den so unterschiedlichen dialogischen Kontexten Wassily Kandinsky und Willi Baumeister öffnet und sensibilisiert den Ausstellungsbesucher für immer wieder neu zu entdeckende  Querverbindungen der Avantgarde.

Vielleicht mehr als nur ein schnöder Zufall, wenn dem Schreiber beim Nachdenken über den Fixpunkt der genannten bayerischen Ausstellungen im heimatlichen Museum Folkwang in Essen in der ständigen Sammlung Feuer bei Vollmond (1933) von  Paul Klee und Mächtiges Rot (1928) von Wassily Kandinsky nebeneinander hängend begegnen.

01.12.2015

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