Mit Bloch-Drive und Fischer-Reife in die Tonhallen-Zukunft

@ Susanne Diesner

@ Susanne Diesner

Nachdem Adam Fischer als Principal Conductor vor zwei Wochen sein umjubeltes Einstandskonzert mit den Düsseldorfer Symphonikern gegeben hatte (vgl. Adam Fischer ist da, Düsseldorf jubelt vom 21.11.2015), folgte ihm im 5. Sternzeichenkonzert der Saison 2015/16 der Principal Guest Conductor Alexandre Bloch.

Die Tonhalle Düsseldorf hat sich damit für die Zukunft gerüstet. Sie vertraut auf generationsübergreifende Effekte im Blick auf die demografische Entwicklung in unserer Gesellschaft – aus Sicht des Orchesters sowohl als auch hinsichtlich des nicht nur in Düsseldorf relativ hohen Altersdurchschnitts der Konzertbesucher. Fischer steht für die große internationale Reputation als weltweit geschätzter Dirigent und als engagiert Bürger, der sich öffentlich für Freiheit und Gerechtigkeit immer wieder zu Wort meldet. Mit dem eine Generation jüngeren, 1985 geborenen Bloch, der vor wenigen Jahren als Dirigent eindrucksvoll auf sich aufmerksam machte, als er 2012 kurzfristig für Maris Janssons beim Royal Concertgebouw Orchestra einsprang, setzt die Tonhalle auf einen Dirigenten mit großer Zukunft. Gleichzeitig ist mit einem jungen Dirigenten an der Spitze der Düsseldorfer Symphoniker auch die Hoffnung verbunden, verstärkt jüngere Konzertbesucher anzuziehen.

Das Programm seines ersten Konzerts lässt ahnen, wohin die Reise mit Bloch gegen könnte. Bewährtes, wie Symphonie Nr. 4 A-Dur op. 90 „Italienische“ von Felix Mendelssohn Bartholdy (1831/32), neben der Moderne am Ausgang des 20. Jahrhunderts mit Three movements for orchestra von Steve Reich (1986) und Virtuosem mit dem Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 6 von Niccoló Paganini (1817).

Wie Bloch diese Konzerte dirigiert, zeigt die dreifache Kostprobe seiner dirigistischen Variabilität. Beim Reich-Konzert ist Bloch ein Dirigent, der die harmonischen Verläufe sowie die kontrapunktischen Texturen und die daraus resultierenden Interferenzen im zweigeteilten Orchester in der Balance halten muss. Prononciert im stupenden Taktmaß von zwei Klavieren ist wunderbar hörbar, wie sich musikalische Cluster durch die Orchester wellenförmig bewegen. Die von Reich komponierten, mathematisch logischen Maßzahlen-Patter  zu einem in weiten Teilen meditativ gestimmten Klang zu entwickeln, gelingt Bloch bravourös.

Dass 1.Violinkonzert von Paganini mit dem 1992 geborenen Roman Kim zu dirigieren, entpuppt sich als eine dirigistische Lehrstunde der besonderen Art. Kim spielt mit einer Geheimnis umwitterten Brille, deren Konstruktion laut Selbstaussage Erkenntnisse der Gehirnforschung zugrunde liegen. Ob damit tatsächlich neuronale Verknüpfungen der Synapsen eine konzentriertere Sensibilisierung und Fokussierung des Violinspiels ermöglichen oder ob es sich dabei vor allem um Public Relations handelt, ist nicht auszumachen. Deutlicher ist allerdings, dass Kim mit dieser Brille in seinen Kosmos abtaucht, ohne mit dem Orchester zu kommunizieren. Die Kim’sche Zauberbrille verhindert mit ihrem eingeschränkten Gesichtskreis geradezu jede sehende Abstimmung. Bloch ist gezwungen, aufmerksam das einsame Violinspiel zu verfolgen und dem Orchester präzis die Einsätze zu kommunizieren, die normalerweise in gestischer, offener Abstimmung zwischen Solist und Dirigent passieren.

Es zeigt sich, dass Bloch offenbar auch mit Exzentrikern umgehen und musizieren kann. Der Mythos Paganini hat bis heute überlebt. Er bezieht sich vor allem auf den von Legenden umrankten Virtuosen auf den vier Saiten. Das Orchester hat in seinen Kompositionen vornehmlich die Funktion, dem Solisten einen Teppich auszurollen, in dessen Rahmen er beeindrucken kann. Das trifft auch auf das dreisätzige Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 6 zu. Auch wenn die aufschwingenden Kantilenen und Pizzicati im Adagio espressivo oder im Allegro spirito das virtuose Rondo mit Flageolett-Effekten aufhören lassen, beeindruckt es vor allem durch eine artifizielle Akrobatik, die an Zauberei zu grenzen scheint.

Dass auch in Düsseldorf die Zuhörer nach den solistisch atemberaubenden Höhenflügen am Ende des 1. Satzes Allegro maestoso in Jubel ausbrechen, ist Teil der effektvoll kalkulierten Komposition. Gleichwohl überwiegt in Kims Spiel ein technizistisches Moment. Mehr abspulender Perfektionismus, inszeniert als Marketing generierter Event, statt feinsinniger Glanz. Seine Improvisation über die englische Nationalhymne God save the queen mit Paganini-Posing scheint dem Rezensenten trotz des stürmischen Applauses großer Teile des Publikums musikalisch eher peinlich.

Nach der Pause zeigt sich Bloch mit der Symphonie Nr. 4 A-Dur op. 90 „Italienische“ von Felix Mendelssohn Bartholdy als klassischer Dirigent. Das Orchester und den Dirigenten als Ergebnis ihres ersten gemeinsamen Ideenfindungsprozesses zu erleben, gibt eine Orientierung, wo sie heute stehen und wo noch Luft nach oben ist. Die Italienische ist dafür in mehrfacher Sicht aufschlussreich.  Von Mendelssohn Bartholdy nach einer glücklich empfundenen Italienreise komponiert, weist sie Mendelssohn-typische Eigenarten auf. Kurze Reprise, lange Coda, kontrapunktische Satztechnik, einschmeichelnde Melodiken: Empfindsame Wiedergabe des in Italien Gesehenen und Gehörten.

Beginnend mit Allegro-vivace-Stimmigkeit der italienischen Landschaft über religiös anmutende Andacht im Andante con moto bis zu einer turbulent dahinstürmenden volksliedhaften Saltarello. Bloch dirigiert mit jugendlich ungestümer Verve Allegro und Presto. Dynamisch punktierte Setzungen bestimmen hier sein Dirigat. Demgegenüber fehlt ihm im Adagio sowie in den Pianissimo-Stellen eine tieflotende Empfindsamkeit, die ihre nachhaltige Wirkung in aller Regel aus einer entsprechend reichen Lebenserfahrung bezieht.

Von daher gibt es nach diesem Konzert viel Hoffnung, dass sich jugendlicher Bloch-Drive und erfahrungsgesättigte Fischer-Reife zu einer Zukunfts-Furor für die Tonhalle Düsseldorf zusammenfinden werden.

13.12.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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