Mehr Bächlein als Bach in der Philharmonie Essen

@ Bert Hulselmans

@ Bert Hulselmans

Entspannte Adventsstimmung in der Philharmonie Essen. Die abgedunkelte Bühne ist von Kerzenlicht erleuchtet. Im Publikum freudige Erwartung und zufriedene Gesichter: Weihnachten kann kommen. Ein Besucher, offenbar Immobilienmakler, raunt seinem Nachbarn zu: Alle Wohnungen schon verkauft. Wir hatten in den letzten Tagen glänzende Geschäftsabschlüsse.

Ebensolchen, allerdings musikalischen Glanz, durfte man auch vom Konzert Bach-Kantaten zur Weihnachtszeit mit Philipp Herreweghe und dem Collegium Vocale Gent erhoffen. Die Messlatte des von Herreweghe 1970 gegründeten Ensembles liegt hoch. Es ist über die Jahrzehnte zu einem der bedeutendsten Protagonisten einer dem Barock verpflichteten Aufführungspraxis geworden.

Die Kurzinformationen zum Dirigenten, zum Chor und zu den Solisten lesen sich im Programmheft als künstlerisch überaus beeindruckende Vitae. Das damit verbundene, ehrfurchtsvolle Staunen findet an diesem Abend leider nur bedingt und eingeschränkt seine Bestätigung.

Die hochgelobten Solisten, allesamt auch Mitglieder des Chores, singen an diesem Abend ihren Elogen meist hinterher.  Thomas Hobbs Tenor wünscht man sich mehr Farbe und Volumen. Der Bassist Peter Kooij singt auffällig textfixiert, als beanspruche die Partitur seine ganze Aufmerksamkeit.

Jedem Altus, so auch Damien Guillon wird per se besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist immer wieder die Frage, wie es einem Altus gelingt, mit der ihm eigenen Färbung musikalisch einen interpretatorischen Mehrwert, zumindest eine werkimmanent artikulierte Klangperspektive zu eröffnen. Eine Ahnung von diesen Möglichkeiten gelingt Guillon im Rezitativ O selger Tag in der abschließenden Kantate. In den Duetten mit Dorothee Mields versinkt sein Timbre schmallippig hinter ihrem ausdrucksvollen Sopran.

Mields kommt dem ihr vorauseilenden Ruf einer exzellenten Sopranistin, die mit vielen Barock-Ensembles komplette Konzerte gegeben hat, im Gegensatz zu ihren männlichen Solisten am meisten nahe. Fast fühlbar ihre schwebenden Kantilenen, mit denen sie das Rezitativ Der Glanz der höchsten Herrlichkeit gestaltet. Hier scheint etwas von dem Glanz auf, der in diesem Konzert lange auf sich warten ließ.

Merkwürdig matt und farblos klingen Bachs Kantaten. Jubilierender Esprit oder emphatische Überwältigung über weite Strecken Fehlanzeige. Bachs Musik glänzt und funkelt in  den vier frühen Kantaten  an diesem 4. Advent zu wenig. Mehr ein Bächlein als ein Bach.

Philipp Herreweghe, seit Herbst Conductor in Residence an der Philharmonie Essen, dirigiert in vornehmer Zurückhaltung, die eher altväterlich anmutet als dass sie vor Energie sprüht und mitreißt. Man hätte sich vom Pult mehr emotionale Dynamik und energetische Leidenschaft gewünscht. Dafür mag es Gründe geben, die sich einerseits aus den Charakter der frühen Kompositionen von Bach und andererseits aus der Suche nach der für die Bach-Zeit adäquaten  Aufführungspraxis erklären.

Nicht alles, was Bach komponiert hat, ist uneingeschränkt und gleichermaßen herausragend. Die Kantaten sind vor allem kirchliche Gebrauchsmusik. Die Kantaten Christen, ätzet diesen Tag und Dazu ist erschienen der Sohn Gottes sowie Nun komm, der Heiden Heiland und Gelobet seist du, Jesu Christ zum 1. und 2. Weihnachtstag 1723 und 1724 sind Vorläufer seiner zehn Jahre später komponierten Kantaten zur Weihnachtszeit in Leipzig, die erst im Weihnachtsoratorium ihre Vollendung gefunden haben.

Auf der anderen Seite kann die Suche nach dem vermeintlich originären Klang auch zu Ergebnissen führen, die nicht überzeugen. Dass das Collegium Vocale Gent die Stimmlage Alt mit drei Altussen und mit nur einer Frauenstimme besetzt, führt bei dem mit jeweils vier Sängern bzw. Sängerinnen in den anderen besetzten Stimmlagen zu einem Chorklang, bei dem man den Schmelz und die Wärme der weiblichen Alt-Stimmung vermisst. Elf Männerstimmen dominieren die fünf Frauenstimmen. Zusammen mit dem auf historischen Instrumenten spielenden, doch im Programm nicht näher bezeichneten  Ensemble (?), werden Affekte der Freude und das Concerto-Feuer nur bedingt hörbar.

Auch wenn einzelne Abschnitte, wie das rhythmisch durchlaufende Motiv Gelobet seist du, Jesu Christ, etwas von dem Glanz der Bachschen Musik in der Philharmonie zeigen, wird er erst in der abschließenden Kantate Christen, ätzet diesen Tag nachhaltig.

Dass die in den ersten drei Kantaten gedämpften Hörner in dieser Kantate für vier Trompeten ihren Platz räumen, unterstützt von der Solo-Oboe, lässt diese silbrig schimmern. Letztlich ein versöhnender, wenn auch nur halbherziger Abschluss der Bach-Kantaten zur Weihnachtszeit. Weihnachten kann trotzdem kommen. Viele Konzertbesucher schienen sich mit anhaltendem Schlussapplaus vor allem selbst zu beschenken.

21.12.2015

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s