b.25 – Getanzte Preziosen der Kunst

Frederick Ashton: Symphonic Variations – Doris Becker, Rink Sliphorst, So-Yeon Kim, Ann-Kathrin Adam FOTO © Gert Weigelt

Frederick Ashton: Symphonic Variations – Doris Becker, Rink Sliphorst, So-Yeon Kim, Ann-Kathrin Adam FOTO © Gert Weigelt

Ballett hat in der Regel in Opernhäuser sein Zuhause. Oper und Ballett ist gemeinsam, dass sie musikalisch grundierte Erzählungen sind. Während der Oper das Repertoire von schauspielerischen Ausdrucksformen und von Gesang zur Verfügung steht, muss das Ballett allein mit körperlichem und gestischem Ausdruck erzählen.

Martin Schläpfer, Ballettdirektor und Chefchoreograph des Balletts am Rhein in Düsseldorf, hat seine Ballett-Programme durchnummeriert. Hinter ihrer nüchtern bezeichneten Reihenfolge steckt inhaltlich die Logik von Permutationen. So auch b.25, der Compagnie 25.Programm. Choreografische Dialoge zwischen gestern und heute.

Frederick Ashtons wegweisende Choreografie Symphonic Variations von 1946,  flankiert von Workwithinwork von William Forsythe sowie Two Gold Variations von Hans van Manen aus den 1990ger Jahren, bilden zusammen einen dreiteiliges Kaleidoskop zeitgenössischen Tanzes. Als wäre in ihm eine große Erzählung des Lebens enthalten, fügt es  sich mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen zu einem Tanz-Bilderbogen, zu einer getanzten Kunstgalerie.

Ashton, so wird erzählt, bewahrte sich im Dunkel des 2.Weltkriegs mit der Musik von César Francks Variations symphoniques, Konzert für Klavier und Orchester im Kopf eine helle Zukunftshoffnung. Mit Symphonic Variations machte er seine Zuversicht öffentlich. Sophie Fedorovitch, die schon ab den 1920ger Jahren mit ihm zusammen gearbeitet hatte, entwarf eine lichte, frühlingsgestimmte Bühne  und Kostüme in purem Weiß.

Die Präzision der Bewegungen, die mit figurativen Posen und Arabesken Ashtons Choreografie von Symphonic Variations Struktur und Perspektive geben, hat ihre Inspirationskraft bis heute nicht verloren. Das Ballett am Rhein tanzt nicht nur rekonstruktiv perfekt. Es verlebendigt ein tiefes menschliches Verlagen nach Harmonie gemeinsam mit den Düsseldorfern Symphonikern unter Wen-Pin Chien und Cécile Tallec am Klavier in elegisch träumerischer Tanzlyrismen.

Symphonic Variations erinnert in seiner rhythmisierten Suche nach Ausdrucksformen an Ferdinand Hodlers intensiven Figurenstudien zu seinem Gemälde Aufbruch der Jenenser Studenten in den Freiheitskrieg 1813 (vgl. Zwischen Kunst und Meteorologie: Ferdinand Hodler – Die Sammlung Rudolf Schindler im Musée Jenisch in Vevey vom 26.08.2015).

Das Kraftzentrum Ashton wirkt bei b.25, so wird am Ende des Balletabends deutlich, in der Programmfolge nach vorn und nach hinten stilbildend und prägend. Während Forsythes Workwithinwork anmutet, als würde man den Tänzerinnen und Tänzern bei der täglichen Arbeit zuschauen, öffnet Hans van Manen mit seiner Choreografie Two Gold Variations zu den ersten beiden Sätzen des Goldrush Concerto für Schlagzeug und Orchester von Jacob ter Veldhuis einen assoziativen Tanzraum.

Für Workwithinwork lässt Forsythe das Violin-Duo programmatisch vom Band abspielen, um nach seiner Selbstaussage Berios 34 kurze, kaum mehr als eine Minute dauernde Portraitstudien von Komponisten des Jahrhunderts härter klingen zu lassen. Choreografisch dekonstruierend, ist Forsythe mit  Workwithinwork auf der Suche nach etwas wie einer Quintessenz des klassischen Balletts. Schwerpunkt-Variationen der Tänzer, Körperstreckungen von den Fingern über die Halswirbel bis in die Zehenspitzen, das alles ist in Düsseldorf zu sehen. Aber es bleibt letztlich selbstreferentiellen Körperübungen zu Duetti per due Violini von Luciano Berio.

Selbstreferentiell deshalb, weil man Workwithinwork als ein Forsythe-Zitat lesen kann. Seine Installation Nowhere and Everywhere at the Same Time, zu sehen gewesen bei der Ruhrtriennale 2013 im Museum Folkwang Essen, war der Versuch, mit einem anderen Format, Stimmungen und Gefühle durch Körperbewegung nachzuspüren.

Hans van Manens choreografische Markenzeichen, wie jazziger, hüftbetonter Körperschwung und dezidiert betonte, lang ausgezogene Körperbewegungen verleihen Two Gold Variations eine sinnliche Dynamik. Die dominierenden Schlagwerke (Kevin Anderwalt und Rafael Sars) sind ein Soundteppich, auf dem sich Paare begegnen und Bewegungen duplizieren sowie reflektieren.

Selbst in den enervierend betonten Takten der Schlagwerke verbreitet die Musik von Jacob ter Veldhuis eine meditativ lebensbejahende Stimmung. Es ist, als würde man vor dem Wandgemälde Der Reigen (1909) von Henri Matisse im Museum of Modern Art in New York stehen und staunen.

Marlúcia do Amaral und Andriy Boyetsky tanzen Two Gold Variations mit geschmeidig malender Ausdruckskraft. Als Solisten wirken sie exemplarisch und gleichzeitig stellvertretend für die Kunst des Ballett am Rhein insgesamt.

Als sich Wen-Pin Chien für die Düsseldorfern Symphonikern gemeinsam mit den Tänzerinnen und Tänzern vor dem applaudieren Publikum verneigt, raunt eine Dame ihrem Nachbarn zu: Es ist zwar nicht die Tonhalle, aber es war trotzdem auch musikalisch ein Erlebnis.

27.12.2015

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Über Peter E. Rytz Review

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