Anton Corbijn im Amerika Haus der c/o Berlin Foundation – Fotograf und Fabulierer

@ Peter E. Rytz 2015

@ Peter E. Rytz 2015

So verändern sich die Zeiten. Das Amerikahaus in Berlin ist ein geschichtsträchtiger Ort. Ursprünglich gegründet als ein Ort der Begegnungen mit Amerika nach dem 2.Weltkrieg, wurde er  während des Vietnamkrieges zum Symbol antiamerikanischer Protest- und Gewaltaktionen.

Nach längerem Leerstand ist die avancierte Fotogalerie c/o Berlin Foundation 2014 dort eingezogen. Mit jeder Ausstellung reflektiert sie als neues Amerika Haus fotografische Lichtschatten. Gewissermaßen mehrfach belichtet, treten Haus und Ausstellung in einen Dialog, der Geschichten von Alltag, Kunst und Politik erzählt. Die Ausstellung 1-2-3-4. Anton Corbijn (noch bis 31.01.2016) ist dafür exemplarisch.

Während sich Proteste unterschiedlicher Couleur bis in die 1970/80ger vor dem Amerikahaus abspielten, zeigt Corbijn in einer Retrospektive anlässlich seines 60. Geburtstages Fotografien, die eine andere Seite des mehr oder weniger antibürgerlichen Protests. Nicht die politisch motivierten Aktivisten der Straße, sondern den popkulturellen Aufbruch in der Musik verfolgt er mit seiner Kamera. Bands und Musiker, die später zu Rock- und Song-Ikonen werden sollten, hat er als fotografierender Roadie in ihren Anfängen begleitet.

So wird der Ausstellungsbesuch in der 1. Etage zu einer Zeitreise des Pops. Hier sind Paare der untermittelbaren Nachkriegsgeneration zu sehen, ebenso wie jene, die ihre Kinder oder gar Enkelkindern sein könnten. Sie lächeln sich vor Tom Waits, Nick Cave, van Morrison ebenso zu, wie vor The Bee Gees, Nirvana oder The Rolling Stones zu.

Leise klingen die Songs aus den Lautsprechern zu den Fotografien und verbreiten mit dem in den Räumen hängenden Duft von Parfüm und Schweiß eine fast mythisch überhöhte, andachtsvolle Stimmung. Als würde sie ihre stille Freude frei von Ablenkungen wie eine Botschaft mit sich tragen, ist auf der Jutetasche einer Ausstellungsbesucherin zu lesen: Bitte nicht schubsen, ich hab‘ einen Joghurt im Beutel.

Dass Corbijn seine fotografischen Portraits handschriftlich mit Ort und Datum gekennzeichnet hat, verleiht ihnen eine zusätzliche Authentizität.  Seinen Schwarz-Weiß-Fotografien ist eine Unmittelbarkeit, eine Direktheit eigen, die Ausweis eines großen Vertrauensvorschausses der Musiker gegenüber dem Fotografen sind. Ungeschminkte Bilder ohne Glanz und Glamour. Die, die auf den Bühnen im Scheinwerferlicht Rock und Blues zelebrieren, begegnen uns in Corbijns Fotografien fast nackt, mitunter sogar zerbrechlich. I was always looking for inner beauty and struggle. Fotografie für Fotografie zeigt, dass dieses Credo keine leere Worthülse ist.

Wer Corbijns fotografischen Selbstfindungsprozess beginnend mit den 1970ger Jahren nachvollziehen möchte, geht zunächst in die obere Etage. Wer der Ausstellungsdidaktik der Exposition vertrauen möchte, folgt den sechs thematisch konzeptionellen Schwerpunkten in den unteren Räumen. Mit Corbijns popkultureller Zeitreise zu beginnen, ist jedoch eine Chance, sich seiner Arbeit sehend, hörend und riechend zu nähern.

Die sechs Raumstrukturen sind Landmarken von Corbijns Schaffen, Ausdruck seiner Suche nach den eigenen Wurzeln bis in die Explosionen der globalisierten Welt heute.

In Hollands Deep sucht er mit fragmentarischen Kompositionen und Bearbeitungen eine fotografische Ästhetik der Zeit, wie er sich andererseits in STAR TRAK oder in a.Somebody neu erfindet. Hinter Maskierungen und Spiel schimmert neben seelischer Gestimmtheit auch immer etwas Beunruhigendes auf.

Inwards & Onwards, die fotografische Serie von authentischen Künstler-Portraits und ihrer maskierten Anverwandlung durch Corbijn, die 2013 schon im Kunstmuseum Bochum zu sehen war (Inwards and Onwards – Anton Corbijns Fotografien als Dialogangebot im Kunstmuseum Bochum vom 27.06.2013), ist eine grandiose Hommage photographique.

Anton Corbijn ist nicht nur ein empathisch beobachtender Fotograf. Seine Fotografien kann man als assoziative und narrative Geste ansehen, die ihn auch als einen nachdenklichen, geheimnisvollen und hintergründigen Fabulierer zeigen.

Wer mit Corbijns fotografischer Erzählkunst etwas von sich selbst erfahren möchte, sollte diese Ausstellung nicht versäumen.

06.01.2016

photo streaming Anton Corbijn, c/o Berlin Foundation, 06.11.2015

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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